Dachterrassen in Stuttgart Der Schrebergarten mitten im Hospitalviertel

Von Eva Funke 

Stuttgart von oben, von seinen Dachterrassen und Dachgärten aus gesehen – das ist das Thema unserer Serie „Über den Dächern der Stadt“. Wir geben Einblicke in öffentliche und private Dachterrassen – zum Beispiel vom Dach des St. Agnes-Gymnasiums.

Hobbygärtner Christoph Thiel hat sich eine grüne Oase über den Dächern im Hospitalviertel geschaffen. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Hobbygärtner Christoph Thiel hat sich eine grüne Oase über den Dächern im Hospitalviertel geschaffen. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Stuttgart - Für die Sportlichen ist es eine feine Sache: bis man die 86 Stufen oben ist, kommt man ganz schön außer Puste. Es gibt aber auch einen Fahrstuhl, und mit dem Aufzug geht es bequem hoch in den vierten Stock. Die letzten zwölf Stufen sind dann nicht mehr der Rede wert. Christoph Thiel macht die Tür auf – und weiß, was gleich kommt: Erst ein ungläubiges Staunen, und dann der Ausruf: „Das gibt’s doch gar nicht!“

Doch, das gibt’s – und zwar mitten in der Innenstadt, im Hospitalviertel: Auf dem Dach des St. Agnes-Gymnasiums hat Thiel auf etwa 80 Quadratmetern sein Paradies geschaffen: einen Garten, in dem 30 verschiedene Sorten von Rosen blühen, ein kleiner Springbrunnen plätschert. Und durch ein Gartentor, um das sich im Frühjahr 200 blühende weißen Schneebälle ranken, geht es auf eine sattgrüne Liegewiese. Wenn es im Sommer sehr heiß ist, wird noch ein Planschbecken aufgestellt. Wäre nicht der 360 Grad-Rundblick über den Stuttgarter Talkessel, könnte man meinen, in einem Schrebergarten irgendwo am Stadtrand zu sein.

Umzug aus der Eigentums- in die Dienstwohnung

Zu dem kleinen Paradies kommt Christoph Thiel, weil er Hausmeister im St. Agnes-Gymnasium ist und zu seiner Dienstwohnung in dem privaten Mädchengymnasium eben auch die Dachterrasse gehört. Thiel, der eigentlich Maler und Lackierer ist, wohnt mit seiner Frau Kathrin (48), den Söhnen Florian (20) und Moritz (18) seit 17 Jahren über den Dächern Stuttgarts. Als sein Vorgänger damals in Rente ging, hat er Thiel gefragt, ob er nicht den Hausmeisterjob übernehmen möchte. Die Stelle sei allerdings daran gebunden, dass er und seine Familie auch in der Schule wohnen. Thiel: „Meine Frau und ich haben uns die Wohnung angeguckt, und obwohl wir erst vor kurzem im Stuttgarter Westen eine Wohnung gekauft hatten, haben wir nicht lang überlegen müssen.“

Dann hat Thiel die erste Bewerbung in seinem Leben geschrieben – und die Hausmeisterstelle bekommen. „Vermutlich weil ich schon als Maler in der Schule gearbeitet hatte und man mich kannte“, sagt der heute 50-Jährige und erfüllte sich mit dem Umzug einen Kindheitstraum. Als Junge hatte er sich immer gewünscht, an einem Ort zu wohnen, von wo aus er den Fernsehturm sieht. Jetzt sieht er nicht nur diesen, sondern auch den Bismarck- und den Bahnhofsturm.

Was er und seine Familie besonders schätzen: Man ist Mitten in der Stadt und trotzdem ist es still. Der Lärm dringt nicht hoch bis auf die Terrasse – nur das Lachen der 972 Schülerinnen weht der Wind in den Pausen vom Schulhof manchmal die 20 Meter hoch zur Terrasse.

Auch unerwünschte Gäste kommen

Nicht nur den Thiels gefällt es da oben gut. Auch Eichhörnchen und Enten haben sich auf der Terrasse schon häuslich eingerichtet. Ein Entenpärchen hat in der Hecke bei der Liegewiese seine Eier ausgebrütet. Thiel hat die sechs Kleinen in einen Karton gepackt und zum Eckensee gebracht – zu Fuß, damit die stolzen Eltern durch die Stadt hinterher watscheln konnten. Der nächste Gast, ein Eichhörnchen, wurde weiter weg, nach Winterbach transportiert, damit es ja nicht wieder kommt. „Das ist durch die Balkontür in unser Schlafzimmer und hat in unserem Bett seine Nüsse versteckt“, sagt Thiel. Auch gern kommen seine Kameraden vom Laufsport . „Die hab ich für den Abend nach dem Stuttgart-Lauf zum Grillen eingeladen. Innerhalb eines Tages hatten sich 60 Gäste angemeldet. Die konnten alle kommen. Aber mehr ging aus statischen Gründen wirklich nicht mehr, denn die 60 Leute wiegen zusammen etwa vier Tonnen“, sagt Thiel.

Bis zu seinem Ruhestand dauert es zwar noch eine gute Weile, aber was dann? Thiel zuckt mit den Schultern. Ich möchte meinen Beruf ausüben so lange es geht, sagt er. Danach muss es „was mit Garten im Grünen“, sein, denn auf seiner Dachterrasse hat sich Thiel zum Hobbygärtner entwickelt. Bei einem Wettbewerb zur Stadtverschönerung hat er mit seiner Dachterrasse im vergangenen Jahr sogar den Sonderpreis des Verschönerungsvereins gewonnen.

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