Dachterrassen in Stuttgart Feuerwehrleute im Garten Eden

Von tel 

Wie sieht Stuttgart von oben aus? Wir werfen einen Blick auf fremde Dachterrassen und Dachgärten. Auf der Feuerwache 2 West gibt es sogar Palmen und Wasserschildkröten.

So viel Grün gibt’s in der Innenstadt: Dachgarten auf der Feuerwache 2 Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
So viel Grün gibt’s in der Innenstadt: Dachgarten auf der Feuerwache 2 Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Stuttgart - Der wilde Wein trägt reichlich Trauben, die sogar genießbar sind, an den Bäumen reifen Äpfel, Birnen, Feigen, Kiwi und Quitten, im Gewächshaus gedeihen Tomaten und Gurken, von den Sträuchern kann man Himbeeren und Brombeeren pflücken, und im gemauerten Teich mit plätscherndem Zulauf tummeln sich vier Wasserschildkröten. Dazwischen wiegen sich Palmen und Bananenstauden im Sommerwind. Ein Garten Eden. Auf dem Dach der Feuerwache 2 West.

Da wären wir ja im Leben nicht draufgekommen: Die Männer und Frauen, ja, auch zwei Frauen gehören hier zum Einsatzteam, die auf ihren Wagen durch die Stadt brausen und in rußgeschwärzten Monturen und Helmen tapfer gegen Flammen kämpfen und bei vielen anderen Unglücksfällen helfend zur Stelle sind, besitzen den garantiert schönsten Dachgarten der Stadt. Offenbart hat ihn erst der Blick vom benachbarten Gebäude der Landesbank Baden-Württemberg, wo man eine Spur Neid, aber vor allem Bewunderung, nicht verhehlen kann.

Floriansjünger mit grünem Daumen

Dürfen wir ihn sehen? Aber gern, lädt Hartmut Sick, Leiter dieser Dienststelle mit 75 Kollegen, ein. Es ist ruhig, kein Alarm zerreißt die mittägliche Stille, und Sick nimmt sich Zeit. Den Dachgarten hat der Architekt Wolfgang Miller von vornherein eingeplant, als die Feuerwache 1983 neu gebaut wurde. Weil er sich offenbar gedacht hat, dass diese Leute, die oft Übermenschliches leisten und immer mit Zerstörungen konfrontiert sind, etwas Schönes zum Ausgleich und für das körperliche und seelische Wohlbefinden brauchen. Aber wer hat ihn so gestaltet? „Das haben wir alles selbst gemacht“, sagt Sick mit berechtigtem Stolz.

Die Floriansjünger mit dem grünen Daumen haben Beete aus Klinkersteinen gemauert, Pergolas aus Metall hochgezogen, damit sich Wein, Efeu und Passionsblumen darüber ranken können, das Gewächshaus eingerichtet und den Teich gebaut. Mit Wasser können sie ja bekanntlich umgehen. Der gemauerte Grill und der wuchtige Räucherofen aus schwarzem Metall sind selbstverständlich auch Eigenleistungen. „Wir bringen ja alle eine handwerkliche Ausbildung mit“, erklärt Sick. Als Voraussetzung für den Eintritt in die Berufsfeuerwehr, Sick zum Beispiel ist Maschinenschlosser. Ja, dann! Wo mit Schreinern, Schlossern, Maurern, sogar Landschaftsgärtnern so viel handwerkliches Können beisammen ist, braucht man sich nicht mehr zu wundern.

Und woher kommen die Pflanzen? „Die Palmen hat uns die Wilhelma preiswert verkauft und die Bananenstauden noch als Zuwaage draufgelegt“, erzählt Sick. „Solche Anschaffungen beschließen wir gemeinsam und legen dann zusammen.“ Vieles brächten auch die Kollegen mit: Pflanzen vom Urlaub im Süden wie die Agave, den blühenden Hibiskus, Oleander und Lavendel, die prächtig gedeihen, weil hier die umliegenden Häuser die Wärme des Talkessels speichern und abgeben. Anderes wandert hierher, was im heimischen Garten zu groß geworden ist. So sind auch die Schildkröten irgendwann hier eingezogen. Jetzt umgibt ein Drahtzaun den Teich, weil die Panzer-Bande gern mal Land gewinnen und auf Wanderschaft im Garten gehen will. „Dann müssen wir sie wieder mühsam suchen.“ Nur das neue Gartenhäuschen für alle Geräte hat gerade die Stadt gestiftet.

Metallstange zum Abrutschen beginnt ganz oben

Dieser Dachgarten ist nicht nur das Ergebnis von bewundernswerter Fähigkeit zur Gestaltung, er ist vor allem auch Ausdruck einer funktionierenden und harmonischen Gemeinschaft. Sick nickt und strahlt: „Das ist richtig und auch ganz wichtig, denn wir müssen uns in allen Situationen hundertprozentig aufeinander verlassen können. Wir sind wie eine Familie.“ Oft 24 Stunden zusammen, denn die 75 Kollegen arbeiten in drei Schichten, 17 seien immer auf der Wache anwesend. Und die Schicht dauere 24 Stunden, von 7 Uhr früh bis zum nächsten Morgen wieder um 7 Uhr. Wenn die Bereitschaft um 18 Uhr beginne, fülle sich der Dachgarten.

Sie kochen zusammen, vor allem am Wochenende, wenn die Stadtküche nicht liefert, sie essen zusammen, sie feiern zusammen, oft kommt die eigene Familie dazu, am großen Tisch unter der Schatten spendenden Pergola ist für alle Platz.

Leuchtet allerdings die Alarmlampe brandrot auf, verbunden mit der Lautsprecherdurchsage, die auch in den letzten Winkel des Hauses dringt, wird alles liegen und stehen gelassen. Und die Truppe landet in einem Rutsch in der Garage bei den Einsatzfahrzeugen. Denn die Metallstange, der schnellste Weg nach unten, reicht in einem Schacht bis hinauf auf den Dachgarten. Weil jede Minute zählt, wenn Feuer unterm Dach ist. http://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.serie-ueber-den-daechern-der-stadt-die-juhe-auf-halbhoehe.8635b510-03e5-4822-bfeb-57bc822c35c0.html

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