Dachterrassen in Stuttgart Man spürt den Puls der Stadt

Von Elke Rutschmann 

Stuttgart von oben, von seinen Dachterrassen und Dachgärten aus gesehen. In unserer Sommerserie „Über den Dächern der Stadt“ geben wir Einblicke und halten Ausblick. Heute: die Terrasse von Eva Funke.

Der vielleicht beste Ort, um ein Buch zu lesen. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Der vielleicht beste Ort, um ein Buch zu lesen. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Stuttgart - Wenn sich Eva Funke sehr beeilt, dann schafft sie es gerade noch, das eingepackte Eis von ihrer Stammeisdiele am Eugensplatz auf ihre Dachterrasse zu retten, ohne dass es vorher geschmolzen ist. Etwa 100 Meter, 75 Stufen im Treppenhaus und 15 der steilen Wendeltreppe trennen sie von dem erfrischenden und erhabenen Erlebnis hoch über Stuttgart in dem schönen Gründerzeithaus an der Kernerstraße.

Jetzt sitzt Eva Funke dort mit einer Tasse Milchkaffee. Sie mag es minimalistisch. Zwei kleine Stühle, ein kleiner Tisch und ein paar Rosenstöcke in Töpfen, von denen die roten gerade in voller Pracht stehen. Mehr braucht es nicht auf der kleinen Fläche, die mit Holzdielen ausgelegt und von einem pinkfarbenen Geländer eingefasst ist. Das beeindruckende Panorama reicht aus. Die promovierte Literaturwissenschaftlerin umschreibt es gerne als fünf Aussichten auf acht Quadratmetern.

Man braucht seine Zeit, um alles zu erfassen, weil einem bis auf den Fernsehturm alles geboten wird, was Stuttgart ausmacht: das Alte und das Neue Schloss, die Oper, das Rathaus und die Weißenhofsiedlung. In der Ferne sieht man den Pragsattel, die Universität in Vaihingen und auch einen Großteil des Killesbergturms des Architekten Jörg Schlaich. Oben ist der Himmel mit seinen wechselnden Wolkenformationen. Und dann blickt man hinab auf Schornsteine, Antennen und Dachfenster – aber auch auf jede Menge grüner Flächen. Ihren Freunden kann sie von der Terrasse aus zwar nicht die Welt, aber Stuttgart von oben erklären. „Dann findet man sich auch in der Stadt besser zurecht“, sagt die 60-Jährige. Sie findet es spannend, wie gleich unten rechts die neue John-Cranko-Ballettschule wächst und ist gleichzeitig traurig, wie die größte Baustelle im Ländle (Stuttgart 21) das Stadtbild verändert. Das Einkaufszentrum hinter dem Königsbau sieht aus wie eine Registrierkasse.

Eva Funke packt manchmal das Fernweh

„Früher war es schöner“, sagt Eva Funke. Ein Großteil des Schlossgartens ist weg, und es sind längst nicht mehr so viele Züge, die sie bei der Einfahrt in den Bahnhof beobachten kann. Von hier aus sieht es fast aus wie eine Spielzeugbahn. „Und dann packt mich auch immer das Fernweh“, sagt die Journalistin. Wie cool und zugleich wunderschön die Stadt ist, raube einem fast den Atem. „Es war daher auch Liebe auf den ersten Blick gewesen“, erzählt Eva Funke. Es war aber auch eine Zweierbeziehung mit kleinen Hindernissen und fast wäre es gar nicht zu dieser Begegnung gekommen. Als die Redakteurin dieser Zeitung vor 20 Jahren vor dem in die Jahre gekommenen Haus stand, wollte sie die Besichtigung erst gar nicht antreten. Aber da stand der Makler schon an der Tür und winkte. „Einfachen umdrehen und gehen, das ging dann natürlich nicht mehr“, sagt Eva Funke.

Im Untergeschoss der 105 Quadratmeter großen Maisonette-Wohnung drängelten sich die Interessenten, Eva Funke ging deshalb gleich nach ganz oben ins Schlafzimmer und auf die Terrasse. Sie war überwältigt. „Ich wusste sofort, die Wohnung will ich haben“, sagt sie. In einem Café gönnte sie sich ein Glas Prosecco, rief von einer Telefonzelle den Makler an und sagte zu.

Doch die Eigentümer wollten die Wohnung plötzlich nicht mehr verkaufen. Eigentlich wollten sie ein Haus in Vaihingen/Enz kaufen – doch das war ihnen dann doch zu weit weg von Stuttgart. Eva Funke gab nicht auf, half mit, dem Paar ein Haus zu suchen. Sie wurden irgendwann fündig, und Eva Funke zog ein. Erst dann bemerkte sie, dass sie einige Mängel wegen der Terrasse einfach ausgeblendet hatte. „Der Preis ging hoch, weil die Leute merkten, dass ich die Wohnung unbedingt will, und ich musste auch noch kräftig renovieren“, sagt Funke. Sie hat es aber nie bereut. Die Dachterrasse haben die Vorbesitzer vor 30 Jahren hochgezogen, gebaut wurde das Haus zwischen 1885 und 1895. Damals war hier ein oben ein Speicher mit Mansarden in denen wohl Dienstboten gewohnt haben.

Der Geräuschpegel der Stadt ist immer da

Nicht nur dem Ausblick, auch dem Geräuschpegel der Stadt kann sich Funke nicht entziehen. Hier oben ist es nie ganz still. Man spürt den Puls der Stadt und wenn sie zur Ruhe kommt. Eva Funke bekommt jede Demonstration und alle Festivitäten in der City mit. „So verpasse ich wenigstens keinen Termin“, sagt sie und schmunzelt. Sie hört auch alle möglichen Glocken – vermisst aber den hellen Klang des 1507 gegossenen Silberglöckleins vom Westturm der Stiftskirche. „Es klingelt zwar noch immer um 21 Uhr und um Mitternacht, aber die Entlüftungsanlage von Stuttgart 21 überdeckt es“, sagt Funke.

Eher rustikal geht es in der Stadt beim Silvesterfeuerwerk zu. Kein Wunder, dass die Dachterrasse Anziehungspunkt bei ihren Gästen ist. „Und wenn der Platz oben nicht ausreicht, gibt es eine Etage tiefer auch noch einen Küchenbalkon“, sagt Funke. Den nutzt sie auch hin und wieder, wenn ihr der Antrieb fehlt. Aber wenn es die Zeit zulässt, sitzt sie abends gerne on top, solange es hell ist und liest ein Buch. Gerne auch mit einem Gläschen Wein. Im Moment heißt ihr Favorit „Kleiner Mann – was nun?“ von Hans Fallada. Der kleine Mann hätte an der herrlichen Aussicht von hoch oben auf die Stadt jedenfalls sicher seine Freude gehabt.

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