Dagersheim - Viele Jahre lang war der Hulbgraben zwischen „Hundler“-Übungswiese und Wald vom parallel verlaufenden Feldweg kaum wahrnehmbar. Seit Kurzem aber sieht man das Wiesenbächle, das Richtung Hulb fließt, wieder. Von 65 Meter Verdolung befreit und kurvenreich aufgeweitet, ist der Hulbgraben jetzt auch aufgewertet. „Wir wollen da ein Feuchtbiotop. So war der Plan“, lacht Claudia Oßwald, diplomierte Landschaftsökologin mit städtischem Dienstherrn.
Wenn landwirtschaftliche Nutzflächen entwidmet, Landschaft versiegelt wird, muss andernorts ein Ausgleich dafür geschaffen werden. Möglichst ortsnah. Dieses Öko-Konto-Gesetz kommt auch in Dagersheim zum Tragen. Weil „Östlich der Waldstraße“ ein Neubaugebiet entstanden ist, gibt es nun den Ausgleich am Hulbgraben, nur einen Steinwurf respektive zwei Äcker entfernt im Süden des Fleckens.
Mit schwerem Maschineneinsatz ist dort seit Baubeginn im August/September 2020 der Hulbgraben neu modelliert worden. Eine auf Gewässerbau spezialisierte Landschaftsbau-Firma hat die im Dezember 2019 beschlossenen Pläne des Büros Treuchtlinger aus Oberboihingen in Erdbewegungen umgesetzt. Der Bach, jahrzehntelang in ein kerzengrades Bett gepresst, darf sich nun auf 215 Metern Länge wieder naturnah schlängeln. Sehr zur Freude etwa der vielen Kaulquappen, die die Kurve schon kriegen. „Denen gefällt’s“, schmunzelt Claudia Oßwald über die Froschbabys, die ab Mitte Mai quakend durchs Gras hüpfen dürf(t)en.
Bis dahin ist vielleicht auch die jetzige Einsaat aufgegangen, die bisher durch tiefe Temperaturen gehemmt worden ist. In jedem Fall schon gebaut ist ein Beobachtungsstand, von dem aus man das neue Biotop und sein kreuchendes und fleuchendes Treiben darin begutachten kann (samt Infotafel). Ein Weg südlich vom Bach führt dorthin.
Möglich geworden ist der Eingriff auch durch ein Tauschgeschäft. Der Schäferhunde-Sportverein hat ein gepachtetes Grundstück getauscht, und auch die Schwippeangler als Pächter des Gewässers sind in die Materie eingebunden. Sie werden die Elritzen und Bachschmerlen abfischen und gewässeraufwärts wieder aussetzen. Dafür, dass wegen der Verkehrssicherheitspflicht drei Hybridpappeln gefällt werden mussten, sollen standorttypische Gehölze nachgepflanzt werden.
Ein Hotspot im Naherholungsgebiet
Apropos: In dem Gewann „Bollensee“, durch das der Hulbgraben fließt, war früher ein Schilfgebiet. „Wir bringen aber keines ein“, erklärt Fachfrau Claudia Oßwald. Im Zweifel komme es von selber: „Im Oberlauf ist es angesiedelt. Dann kommt es mit dem Wasser hierher.“ An den besonnten Rändern des Südufers, zum Hundesport-Übungsplatz hin, soll ein Eidechsenbiotop entstehen. Zur Geländemodellierung ist „belebtes Bodenmaterial“ verwendet worden, wie es in der Verwaltungsvorlage heißt.
Die Gesamtkosten der Renaturierung belaufen sich auf rund 300 000 Euro, die wohl eingehalten, sogar „eher unterschritten werden“. Die Bepflanzung wird in den nächsten Wochen abgeschlossen. Dann soll der einst so unscheinbare Wiesenbach östlich vom Festplatz zum „naturschutzfachlichen Hotspot“ mutiert sein. Und womöglich zum frequentierten Kurzausflugsziel für Familien mit kleinen Kindern. Der Dagersheimer Süden mit seinem Wald ist bei Naherholungssuchenden außerordentlich beliebt.