Daimler Autoforscher können ihr Aus in Ulm nicht begreifen

Die Bauten von Richard Meier – noch Heimat des Daimler-Forschungszentrums – setzten Standards für die Arbeitswelt. Foto: Daimler AG
Die Bauten von Richard Meier – noch Heimat des Daimler-Forschungszentrums – setzten Standards für die Arbeitswelt. Foto: Daimler AG

Der Daimler-Konzern verkündet den Abzug vom Eselsberg in Ulm Ende 2018. Die Entwickler kommen am Freitag geschockt aus einer Betriebsversammlung.

Politik/Baden-Württemberg: Rüdiger Bäßler (rub)
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Ulm - Wenn im letzten Vierteljahrhundert von der Wissenschaftsstadt Ulm die Rede gewesen ist, dann war das Daimler-Forschungszentrum immer mit gemeint: ein Denklabor der ersten Stunde, dessen Mitarbeiter sich in die Zukunft des Autofahrens vortasteten, und obendrein eine architektonische Perle vom Reißbrett des US-Amerikaners Richard Meier. In diesem campusartig angelegten Werk mit seinen geschwungenen Gebäuden und hellen Glasfassaden begann zugleich eine neue Zukunft des Arbeitens.

Für rund 250 Ingenieure, Physiker, Naturwissenschaftler und Informatiker, dazu 50 wissenschaftliche Doktoranden sowie 150 Studierende der Universität Ulm und anderen bundesdeutschen Hochschulen endet diese Zukunft wohl sehr bald. Am Freitag informierte die Geschäftsleitung die Beschäftigten über die Schließung des Forschungszentrums Ende 2018. „Wir sind fassungslos“, sagte anschließend der Betriebsratsvorsitzende des Forschungszentrums, Frank Niebling.

Der Konzern spricht von einer strategischen Entscheidung

Der Konzern begründete die Schließung mit einer Überprüfung des „Forschungsnetzwerks“ im Hinblick auf „Effizienz, ­Effektivität, Wettbewerbsfähigkeit und Kostenstruktur“. Diese Überprüfung habe ergeben, dass es „strategisch sinnvoll“ sei, die Pkw-Forschungsarbeit innerhalb Deutschlands auf die Standorte Sindelfingen und Untertürkheim „sowie das neue und hochmoderne Prüf- und Technologiezentrum in Immendingen zu konzentrieren“. Den Ulmer Beschäftigten würden Stellen in Sindelfingen oder Untertürkheim angeboten werden.

Betriebsratschef Niebling kann diese Begründung nicht verstehen, sie sei, so sagte er, von der Geschäftsleitung bisher auch nicht mit Zahlen oder Fakten hinterlegt worden. Noch im November sei neues Personal eingestellt worden. Betriebsrat Werner Ritter, ein Entwickler im Bereich Fahrassistenz, betonte: „Distronic, Verkehrszeichenerkennung oder Fußgängererkennung gäbe es nicht ohne Ulm.“

Besondere Stärke besitzt der Standort Ulm auch auf dem Sektor Tribologie. Dabei geht es um die Verminderung von Reibung innerhalb des Motors oder Getriebes mit dem Ziel der Spritersparnis. Dank dieser Arbeit seien der Realverbrauch der neuesten Motorengenerationen „deutlich optimiert worden“, erklärte Belegschaftsvertreter Niebling.

Die Zentrale der Konzerntochter TSS soll ersatzweise wachsen

Daimler kündigte einen Ausgleich für wegfallende Stellen an. Ebenfalls auf dem Forschungsgelände auf dem Ulmer Eselsberg ist die Daimler TSS GmbH angesiedelt, ein konzerninterner IT-Dienstleister mit aktuell rund 500 Beschäftigten. Nach Angaben der 1. Bevollmächtigten der IG Metall Ulm, Petra Wassermann, unterliegt TSS, anders als das Forschungszentrum, nicht der Tarifbindung. Laut dem Autobauer ist geplant, „mittelfristig einige Hundert Arbeitsplätze für IT-Experten“ in den frei werdenden Büros zu schaffen.

Innerhalb Deutschlands hat TSS Standorte in Stuttgart, Leinfelden-Echterdingen und Berlin. Sind die Daimler-Forscher in Ulm am Ende Teil eines Revirements – und müssen TSS-Mitarbeiter von anderen deutschen Standorten nach Ulm umziehen? Einer Konzernsprecher nannte das am Freitag bloße Spekulation.

Die Beschäftigten geben noch nicht auf

Noch unabsehbar sind die Folgen der angekündigten Schließung für die Universität und die direkt dem Werksgelände gegenüber liegende Hochschule Ulm. Das Forschungszentrum besaß in den zurückliegenden Jahren große Zugkraft für den Entwicklernachwuchs und war zugleich eine Kaderschmiede für die Konzernzentrale. Viele in die Labors eingetretenen Jungwissenschaftler seien „von Sindelfingen abgegriffen worden“, so Betriebsrat Ritter. Dieser Austausch sei wohl bald dem Ende geweiht. Der Konzernsprecher betonte, es sei kein Grund ersichtlich, weshalb ab 2019 die Zusammenarbeit mit der Ulmer Universität leiden sollte.

Die Beschäftigen wollen sich nach Aussage mehrerer Betriebsräte vom Freitag nicht in ihr Schicksal fügen. Niebling will intensive Gespräche mit der Geschäftsleitung suchen, um Alternativvorschläge zur Schließung zu erörtern, kündigte er an. Sein Kollege Ritter wird dabei sein.

Bleibe es bei der Vorstandsentscheidung, sei der Exodus der besten heimat­gebundenen Köpfe zu anderen Unternehmen kaum aufzuhalten. Seine Warnung: „Daimler spielt mit seiner technologischen Führerschaft.“

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