InterviewDaimler-Betriebsrat zu Diesel-Vorwürfen „Die größte Sorge ist, dass noch mehr auf den Tisch kommt“

Von Anne Guhlich 

Die Daimler-Mitarbeiter haben lange zu ihrem Konzern gehalten und daran geglaubt, dass bei dem Stuttgarter Autohersteller nicht getrickst wird. Wie sich die Stimmung nun in den Werken ändert, sagt Wolfgang Nieke, der Betriebsratschef im Motorenwerk Untertürkheim im Interview.

Wolfgang Nieke, der Betriebsratschef im Motorenwerk in Untertürkheim, stellt bei den Daimler-Beschäftigten eine zunehmende Verunsicherung fest. Foto: Daimler
Wolfgang Nieke, der Betriebsratschef im Motorenwerk in Untertürkheim, stellt bei den Daimler-Beschäftigten eine zunehmende Verunsicherung fest. Foto: Daimler

Stuttgart - Daimler-Chef Dieter Zetsche muss am Montag beim Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer Rede und Antwort zu einem möglichen Abgasbetrug stehen. Inzwischen haben die Behörden vier Daimler-Motoren ins Visier genommen. Wolfgang Nieke, Betriebsratschef des Motorenwerks Untertürkheim, sagt, was das für die Beschäftigten bedeutet.

Herr Nieke, offenbar beanstandet das Kraftfahrbundesamt weit mehr Autos als ursprünglich angenommen. Was bedeutet das für die Belegschaft?
Das verstärkt die Skepsis bei den Beschäftigten. Daimler-Chef Dieter Zetsche hat sich am Anfang des Dieselskandals hingestellt und den Mitarbeitern gesagt, dass bei uns nicht betrogen wird. Darauf haben sich die Beschäftigten verlassen.
Und jetzt?
Seitdem haben die Behörden immer mehr Motorenvon Daimler ins Visier genommen. Wir erleben in allen Werken derzeit deutlich, dass mit jeder neuen Nachricht das Vertrauen abnimmt. Die Belegschaft ist sich nicht mehr sicher, ob sie den Erklärungen, dass es bei Daimler keine Defeat Devices gibt, noch länger glauben kann.
Das heißt, es gab keine interne Aufklärung zu dem Thema?
Daimler muss zuallerst gegenüber den Behörden und der Staatsanwaltschaft Klarheit schaffen. Insofern findet die Aufklärung eher hinter „verschlossenen Türen“ statt. Allerdings haben wir um den 20. Juni herum Betriebsversammlungen in Untertürkheim. Da werden die Beschäftigten Antworten hören wollen. Ihre größte Sorge ist, dass rund um das Thema Abgas noch viel mehr auf den Tisch kommen könnte als bisher bekannt. Das ist natürlich ein belastendes Gefühl - vor allem, weil wir nicht wissen, wie lange es noch dauern wird, bis wir Klarheit haben.
Haben Sie den Eindruck, dass vonseiten der Politik nun mehr Druck auf Daimler gemacht wird als bisher?
Bei der Frage bin ich auch nur Beobachter. Noch kann ich nicht beurteilen, ob hinter dem Auftreten des neuen Verkehrsministers Andreas Scheuer ein anderer Aufklärungswille steht, oder ob er beim Diesel nur ein geeignetes Feld sieht, um sich zu profilieren.

Außerdem im Video: Stichwort Dieselskandal – worum geht’s? Wann hat alles begonnen? Was ist seitdem passiert? Sehen Sie die zehn wichtigsten Fakten im Video.