Daimler-Betriebsratschef zum Sparprogramm „Arbeitszeitverkürzung ist ein passendes Instrument“

Michael Brecht, der Vorsitzende des Daimler-Gesamtbetriebsrats wehrt sich gegen die Kritik des Arbeitgebers. Foto: dpa/Bernd Weissbrod

Der Daimler-Betriebsratsvorsitzende Michael Brecht will sich von dem Personalchef Wilfried Porth in der aktuellen Krise nicht den schwarzen Peter zuschieben lassen.

Chefredaktion: Anne Guhlich (agu)

Stuttgart - Aufgrund der Corona-Pandemie muss der Stuttgarter Autobauer Daimler seine ursprünglich geplanten Sparmaßnahmen noch einmal drastisch verschärften. Auch die Personalkosten sollen noch mal erheblich sinken. Der Daimler Personalvorstand Wilfried Porth wirft dem Gesamtbetriebsratsvorsitzenden Michael Brecht dabei so wenig Entgegenkommen vor, dass selbst betriebsbedingte Kündigungen nicht mehr ausgeschlossen sind. Das will Brecht nicht auf sich sitzen lassen.

 

Herr Brecht, der Daimler-Personalvorstand Wilfried Porth will mit Ihnen über betriebsbedingte Kündigungen sprechen, obwohl es eine Vereinbarung zur Beschäftigungssicherung gibt. Ist das ein Tabubruch?

Wir sind noch nicht an dem Punkt, an dem wir Drohungen wie betriebsbedingte Kündigungen aussprechen sollten. In unserer Zukunftssicherung steht die klare Formulierung, dass es immer unser gemeinsames Ziel ist, betriebsbedingte Kündigungen zu vermeiden. Das haben wir in der Krise 2008 / 2009 hinbekommen und das werden wir auch jetzt schaffen.

Porth erhöht den Druck auf den Betriebsrat. Er moniert, dass von den Betriebsräten gerade nicht genügend Zugeständnisse kommen, um betriebsbedingte Kündigungen zu vermeiden. Woran liegt das?

Unser Auftrag als Arbeitnehmervertreter besteht in erster Linie darin, für die Belegschaft die richtigen Lösungen zu finden. Wir befinden uns durch Corona seit einigen Monaten in einer beispiellosen Krise, in der wir als Arbeitnehmervertretung sehr schnell und umfassend reagiert haben. Wir haben sehr zügig Maßnahmen wie den Abbau von Arbeitszeitkonten oder die Kurzarbeit umgesetzt und dabei ein hohes Maß an Flexibilität gezeigt. Aber die Debatte, die Wilfried Porth nun eröffnet, geht ja über das Krisenmanagement hinaus. Es geht um die Frage, wie die Strukturen des Konzerns aussehen müssen, damit wir erfolgreich die Transformation in der Autoindustrie meistern können.

Und da stehen Sie auf der Bremse?

Keineswegs. Aber das Unternehmen kann doch nicht ernsthaft davon ausgehen, dass wir als Arbeitnehmervertreter uns über Nacht Hals über Kopf auf diese Debatte einlassen und nur das tun, was das Management jetzt von unser verlangt. Wir sind doch nicht diejenigen, die in den vergangenen Jahren die Strukturen aufgebaut haben, die es heute gibt und die uns heute zu schaffen machen.

Ist das Thema Kosten beim Aufbau der Strukturen in den vergangenen Jahren aus dem Blick geraten?

Ja. Die Strategie der Vergangenheit war auf Wachstum ausgelegt und darauf, dass wir die steigenden Kosten durch steigendes Wachstum kompensieren. Durch die Transformation in der Autoindustrie und den Wandel hin zu alternativen Antriebsformen geht diese Strategie nicht mehr auf. Bei Daimler arbeiten heute die allermeisten Beschäftigten in den Bereichen der Old Economy – also dem klassischen Fahrzeugbau mit konventionellen Antrieben. Wir müssen in die herkömmlichen Bereiche auch weiterhin kräftig investieren, da wir jeden Tag neue gesetzliche Aufgaben bekommen, um die Schadstoffemissionen bei den Verbrennern noch weiter zu reduzieren. Und wir müssen auch weiter in die alternativen Antriebsformen investieren. Beschleunigt durch die Coronakrise wird dieses Nebeneinander der alten und neuen Technologien immer schwerer zu bewältigen.

Um Geld zu sparen, fordert der Personalvorstand von Ihnen daher nun Maßnahmen wie den Verzicht auf die Steinkühlerpause, Schichtzuschläge oder Urlaubs- und Weihnachtsgeld. Sind das für Sie die richtigen Instrumente?

Wenn man Strukturen ändern will, weil man zu viele Leute im System hat, hilft es doch nichts, wenn man das Weihnachtsgeld kürzt. Dann hat man zwar Geld gespart, aber man hat es immer noch mit den gleichen überkommenen Strukturen zu tun. Ich sage es noch mal: Der Vorstand trägt die Verantwortung dafür, dass das Unternehmen heute so aussieht, wie es aussieht. Keiner der Männer und Frauen, die hier arbeiten, hat sich selbst eingestellt. Niemand hat seinen Aufgabenbereich und die Arbeitsabläufe selbstständig definiert. Wenn es heute Überkapazitäten und Doppelstrukturen gibt, ist das nicht die Schuld der Mitarbeiter. Wir müssen also Maßnahmen finden, die für die Beschäftigten auch nachvollziehbar sind. Ansonsten generieren wir Verluste durch Unmut in der Belegschaft, die für das Unternehmen weitaus schädlicher sein können als die Ausbezahlung von Weihnachts- und Urlaubsgeld.

Welche Maßnahmen könnten das sein?

Die Verkürzung der Arbeitszeit ist ein passendes Instrument für die jetzige Situation. Bereits in der Krise 2008/2009 haben wir die Arbeitszeit an allen Standorten um 8,75 Prozent reduziert. Aufgrund des Einbruchs bei der Nachfrage werden wir nun über viele Jahre hinweg eine Unterauslastung unserer Werke haben. Letztes Jahr haben wir 2,4 Millionen Autos gebaut. Bis Juni 2020 haben wir gerade mal 890 000 Autos gefertigt. Und wir werden bis Ende des Jahres kaum die Lücke von 1,5 Millionen Fahrzeugen schließen. Wir können die Menschen aber auch nicht einfach entlassen, weil wir in diesem Fall nicht am Wachstum teilnehmen könnten, das entsteht, wenn die Wirtschaft wieder anzieht. Andererseits sind nicht ausgelastete Werke sehr teuer. Das war bei den ersten Berechnungen über die Sparmaßnahmen im Personalbereich noch nicht berücksichtigt.

Der Arbeitgeber fordert eine Arbeitszeitverkürzung ohne Lohnausgleich.

Der Arbeitgeber sagt selbst, dass er keinen Mitarbeiter in existenzielle Nöte bringen will. Insofern ist eine Arbeitszeitverkürzung ohne Lohnausgleich schwer vorstellbar. Wir werden mit dem Arbeitgeber darüber verhandeln, wie hoch dieser Ausgleich sein wird.

Für welchen Zeitraum soll die Arbeitszeit verkürzt werden?

In der Regel schließt man solche Maßnahmen zunächst für ein Jahr ab.

Bislang hieß es, dass bis 2022 insgesamt 1,4 Milliarden Euro durch Personalmaßnahmen eingespart werden sollen. Dieser Betrag wurde nun noch mal erheblich erhöht. Bis wann sollen die Maßnahmen wirksam sein?

Die Maßnahmen sollen bis 2025 greifen. Man kann ja nicht über Nacht das ganze System umbauen. Wir werden strukturell einiges ändern müssen. Wir können nach der Krise auf keinen Fall so weiterarbeiten wie bislang. Wir müssen die Krise jetzt nutzen, um zu identifizieren, wo wir ineffizient und wo unnötige Kostenblöcke versteckt sind. Das Management führt derzeit beispielsweise eine Funktionenanalyse durch, bei der untersucht wird, in welchen Bereichen verschiedene Menschen im Grunde die gleichen Zuständigkeiten haben. Solche Doppelstrukturen müssen wir abbauen. Bis Ende des Jahres sollen die ersten Ergebnisse vorliegen.

Bislang wurde über die anstehenden Personalmaßnahmen bei Daimler vor allem spekuliert. Hat das Unternehmen Ihrer Ansicht nach zu lange gewartet, um der Belegschaft gegenüber transparent zu machen, wie ernst die Lage ist?

Ich bin mit der Öffentlichkeitsarbeit des Unternehmens in der Tat nicht immer einverstanden. Das liegt daran, dass alles, was der Konzern veröffentlicht, von Juristen dahingehend geprüft wird, welche Wirkung die Veröffentlichung auf den Finanzmarkt hat. Dadurch ist das Unternehmen immer geneigt, die Zahlen eher positiv zu interpretieren. Die tatsächlichen Probleme werden dabei häufig nicht angesprochen. Wenn wir nach außen darstellen, wie gut alles läuft, intern aber bereits Diskussionen führen, bei denen wir um Fertigungstiefe, Investitionen und Arbeitsplätze ringen, ist es für die Menschen oft sehr schwer nachzuvollziehen, wie es denn nun eigentlich um ihren Arbeitgeber steht. Das sollte sich ändern.

Weitere Themen