Daimler-Gesamtbetriebsratschef Brecht „Die Stimmung ist sehr angeheizt“
Der Gesamtbetriebsratschef Michael Brecht wirft dem Management vor, es sich zu einfach zu machen. Die Daimler-Beschäftigten seien wütend.
Der Gesamtbetriebsratschef Michael Brecht wirft dem Management vor, es sich zu einfach zu machen. Die Daimler-Beschäftigten seien wütend.
Stuttgart - Michael Brecht, 1965 in Forbach im Schwarzwald geboren, ist seit dem 2. April 2014 Vorsitzender des Gesamtbetriebsrats der Daimler AG.
Herr Brecht, erstmals sind Details über Daimlers Sparprogramm bekannt geworden. Wie ist nun die Stimmung im Unternehmen?
Die Stimmung ist sehr angeheizt. Man ärgert sich, es gibt auch Wut bei den Beschäftigten.
Der Gesamtbetriebsrat verhandelt mit dem Unternehmen über Sparmaßnahmen. Was ist der Stand der Verhandlungen über das Sparprogramm?
Die Verhandlungen stocken erst einmal. Es gibt von uns den Vorschlag, zunächst das tarifliche Zusatzgeld in freie Tage umzuwandeln. Außerdem sind wir der Meinung, dass wir auch über die Fluktuation und über Altersteilzeit viel erreichen können. Diese Vorschläge müssen aufseiten des Managements nun erst mal diskutiert werden. Nächste Woche treffen wir uns wieder.
Was erwarten Sie sich von dem Kapitalmarkttag in London/New York?
Ich schaue mit gemischten Gefühlen auf den Tag. Die Investoren sind wichtig, aber sie sind nur ein Teil der Stakeholder. In dieser Situation ist es jedenfalls wichtig, nicht nur über die höchste Rendite nachzudenken.
Ola Källenius sät Zweifel daran, dass der EATS nach Untertürkheim kommen könnte, wie es das Werk möchte.
Da haben wir eine knallharte Ansage von ihm gehört, dass der EATS nur dann zu uns kommt, wenn wir das zu den gleichen Konditionen machen wie ein Zulieferer. Und der Zulieferer macht das Produkt schon und hat alle Tipps und Tricks. Das ist durchaus eine ernst zu nehmende Debatte. Dahinter steckt die Frage: Wenn wir diese Technologie nicht kriegen, was bleibt dann für uns in diesem Transformationsprozess?
Wie schätzen Sie es ein, dass der Vorstand nun offenbar über Tarifbestandteile wie Lohnerhöhungen diskutieren will?
Das Management macht es sich zu einfach. Sie sagen: Wir haben hier eine Lücke bei unseren Zielen, und wenn man sonst keine Idee hat, schaut man eben auf die Personalkosten. Dabei kommt dann heraus, dass tarifliche Fragen über den Tisch geschoben werden. Das ist für uns aber ein absolutes No-Go. Wir sagen: Das Unternehmen kann viel größere Effekte erzielen, wenn wir effizienter werden und die Komplexität reduzieren.
Wurde der Betriebsrat erst jetzt über konkrete Sparpläne informiert?
Bei uns wird laufend über Kosten gesprochen. Wir sind an einem Punkt, an dem vieles zusammenkommt. Da ist der Hochlauf der Elektromobilität, der uns viel Geld kostet. Dazu kommt, dass die Kunden nicht bereit sind, mehr Geld für E-Autos auszugeben. Außerdem müssen wir noch zum Teil die Umweltprämie bezahlen. Und das Thema Strafzölle ist auch eines, das uns extrem belastet. Das alles wurde vom Management jetzt zusammengezählt, und in den letzten Tagen hat sich das zugespitzt.
Was schlagen Sie vor, um Geld einzusparen?
Ich sage immer, ich will nicht über Köpfe reden, sondern über Geldsummen. Wir haben viele Dinge fremdvergeben, weil in der Vergangenheit die Kapazität dafür fehlte. Die können wir jetzt wieder zu uns holen, wenn diese Kapazitäten frei werden, und es besser und effektiver machen. Das wird auch auf der Kostenseite einzahlen. Punktuell können wir auch über Abfindungen reden, wenn Mitarbeiter das wollen. Auf jeden Fall muss man beim Sparen in der Hierarchie von oben beginnen, nicht von unten, wenn man als Management glaubwürdig sein will.
Was halten Sie davon, 1100 Führungskräfte einzusparen?
Unsere Beschäftigungssicherung zählt auch für das Management bis zum mittleren Bereich. Auch bei den Führungskräften sind viele im Tarifbereich und unterliegen der Mitbestimmung. Um hier zu sparen, brauchte es ja auch Veränderungen in den Abläufen. Da müsste man sehen: Geht das überhaupt? In jedem Fall brauchen die Leute eine Perspektive, man kann sie ja nicht einfach heimschicken.
Wenn die Gespräche weiterhin schwierig bleiben, könnte es dann zu Protesten kommen?
Wir müssen schauen, wie es weitergeht. Ja, das Gesprächsklima ist unterkühlt. Aber wir wollen nicht mit der großen Keule antreten. Bei allen strittigen Themen müssen wir ja auch anschließend weiter zusammenarbeiten. Streiks oder Proteste sind ein Mittel, aber das ist im Moment nicht angebracht. Ich glaube an die Vernunft.