Diese Geschichte kennen viele Handwerksmeister. Da hatten sie Jahre in die Ausbildung investiert, dann bewarb sich der Azubi nach wenigen Berufsjahren für einen Job in der Industrie, bei Mercedes, Bosch und Porsche. Dort, wo sie meist höhere Löhne zahlen und mit flexiblen Arbeitszeiten, Urlaubs- und Weihnachtsgeld, betrieblicher Altersvorsorge und anderen Extras locken.
Doch die Zeiten, dass der Weg vom Handwerk in die Industrie eine Einbahnstraße war, sind vorbei. Der tiefgreifende Stellenabbau im Automobil- und Maschinenbau hat unerwartete Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt. Inzwischen bewerben sich (Ex-)Beschäftigte von namhaften Unternehmen bei den Handwerksbetrieben der Region Stuttgart, wie Peter Friedrich, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Region Stuttgart betont. Die Kammer selbst beschäftige seit kurzem einen Kfz-Meister, der von Porsche kam. „Vor zwei Jahren war das noch undenkbar“, sagt Friedrich.
Schlechte Lage der Industrie ist für das Handwerk Fluch und Segen zugleich
Die schlechte Lage der Industrie ist für das Handwerk Fluch und Segen zugleich. Im letzten Quartal 2024 brachen die Aufträge seitens der Industrie ein. Dazu kommt der Arbeitsplatzabbau, der den privaten Konsum hemmt – wenn ehemalige Beschäftigte weniger in ihre Immobilien investieren und die Verschönerung ihres Zuhauses ausgeben. „Das freut uns überhaupt nicht“, sagt Friedrich. „Gleichwohl sehe ich das Gute im Schlechten. Dann haben wir Möglichkeiten, wieder Fachkräfte zu gewinnen.“
Ehemalige Beschäftigte aus der Industrie könnten in Kfz-Werkstätten, im Metallbau und in der Konstruktionstechnik eingesetzt werden, sagt Friedrich. Was die Elektronik und den Sanitär- und Heizungsanbau betreffe, müssten die Qualifizierungen wohl angepasst werden. „Die Arbeitsmarkt-Drehscheiben könnten diese Anpassung leisten.“
Das Beispiel wirft ein Schlaglicht auf die Branche, die mit der schlechten Konjunktur und dem Fachkräftemangel zu kämpfen hat. Dennoch schlägt sich das Handwerk über alle Branchen hinweg nicht schlecht, wie Handwerkskammer-Präsident Rainer Reichhold bei der Vorstellung der Jahreszahlen für 2024 in Stuttgart betont. Obwohl die Konjunktur stagniere, zähle die Handwerkskammer in der Region Stuttgart mit 32 603 Betrieben etwas mehr als im Jahr zuvor. „Das zeigt, dass eine Existenzgründung im Handwerk weiterhin attraktiv ist“, so Reichhold.
Dahinter stecke allerdings die Zunahme der zulassungsfreien Betriebe – vor allem von Kosmetikstudios, Gebäudereinigungen und Bodenlegern. Die Zahl der meisterpflichtigen Betriebe dagegen nahm leicht ab. „Da müssen wir etwas tun. Denn dort wird der meiste Umsatz generiert und die meisten Ausbildungs- und Arbeitsplätze gestellt“, betont Reichhold. Allein im Bereich Bekleidung und Textil gab es knapp 70 Betriebe weniger als im Jahr zuvor. Die Schließungen tauchten in keiner Statistik. „Die älteren Inhaber sperren still und leise zu, weil es sich für sie nicht mehr lohnt.“
Tausende Betriebe in der Region suchen eine Nachfolge
Die Kammer gehe davon aus, dass sich der Trend verlangsame, jedoch kämen nicht genügend Meisterinnen und Meister nach, um die Betriebsnachfolge anzutreten. „In den nächsten Jahren suchen tausende Betriebe in der Region einen Nachfolger.“ Zwar bündele man die Kräfte, um mehr junge Menschen auf dem Weg zum Meistertitel zu unterstützen – dennoch müsse auch die Politik dafür sorgen, dass sich das Unternehmertum wieder lohne, sagt Rainer Reichhold. „Wir müssen Bürokratie abbauen, Investitionen steuerlich fördern und Fachkräfte sichern.“
Dazu unterstützt die Handwerkskammer Betrieb bei der gezielten Anwerbung von Auszubildenden im Ausland. Im Herbst 2024 haben zehn indische Azubis in fünf Betrieben eine Ausbildung zum Fleischer bzw. Fleischereifachverkäufer begonnen. In diesem Jahr sollen 60 weitere Azubis aus Indien ihre Ausbildung in der Region Stuttgart starten. „Wir helfen bei der Auswahl, den Einreiseformalitäten und auch vor Ort“, betont Hauptgeschäftsführer Friedrich. Natürlich komme es aber vor allem auf das Engagement der Betriebe an. „Wir wollen den Betrieben Lust darauf machen, Willkommenskultur zu leben.“
Allerdings mache er die Erfahrung, dass immer mehr ausländische Bewerber nach der politischen Situation in Deutschland fragen – ob sie denn willkommen seien, sagt Friedrich. „Deshalb müssen wir das Signal senden, dass Deutschland ein Zuwanderungsland ist und wir die Fähigkeit haben, Menschen zu integrieren.“
Die Zahl der Azubis steigt leicht an
Ausbildung
2024 haben 4063 junge Menschen eine Ausbildung im Handwerk in der Region Stuttgart begonnen – 49 mehr als im Vorjahr. Die Zahl der auszubildenden Betriebe stieg ebenfalls leicht an. Die große Mehrzahl der Azubis hat einen Haupt- oder Realschulabschluss. Die Handwerkskammer der Region Stuttgart fordert von den Gymnasien, noch stärker über die berufliche Ausbildung zu informieren.
Lehrstellen
Die Kammer geht davon aus, dass derzeit jede vierte Lehrstelle unbesetzt bleibt und unterstützt Betriebe bei der Anwerbung von Azubis aus dem Ausland. Unterdessen steigt die Zahl der Azubis mit einem ausländischen Schulabschluss weiter an.
Popularität
Die meisten suchen eine Ausbildung als Kraftfahrzeugmechatroniker/in, Anlagenmechaniker/in für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik, Elektroniker/in, Friseur/in, Maler/in und Zimmer/in. Insgesamt war 2024 knapp jeder fünfte Auszubildende weiblich – etwas mehr als im Vorjahr.