Daimler in Rastatt will erweitern Es brodelt im Rastatter Bruch

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Das Daimler-Werk braucht mehr Platz und favorisiert ein Gebiet in den sensiblen Rheinauen. Die Naturschützer sind auf der Palme.

Im Mercedes-Benz-Werk Rastatt arbeiten 6500 Menschen. Die umstrittene Erweiterungsfläche liegt  links im Hintergrund. Foto: Daimler
Im Mercedes-Benz-Werk Rastatt arbeiten 6500 Menschen. Die umstrittene Erweiterungsfläche liegt links im Hintergrund. Foto: Daimler

Rastatt - Gegen den Ausbau der Elektromobilität kann nun wirklich niemand etwas haben, schon gar nicht Umwelt- und Naturschützer – oder? Die Daimler AG will ihr Werk im badischen Rastatt, wo bisher die A- und B-Klasse sowie das SUV-Modell GLA gebaut werden, neu ausrichten; bis zu einer Milliarde Euro sollen investiert werden. „Das Mercedes-Benz-Werk Rastatt wird das Kompetenzzentrum für die Produktion von neuen kompakten EQ-Modellen“, heißt es in einer Mitteilung des Unternehmens. Daimler ist in der Region Rastatt mit 6500 Mitarbeitern der größte Arbeitgeber.

Trotzdem sind die Umweltverbände Nabu und BUND ganz oben auf der Palme oder, um im Bild zu bleiben, im Wipfel einer Auwald-Erle. Denn der Umbau ist mit zusätzlichem Platzbedarf verbunden – jene Zulieferfirmen, die bisher auf dem Werksgelände angesiedelt sind, sollen auf eine neue Fläche außerhalb umziehen. Konkretere Angaben zu den Plänen machte das Unternehmen gegenüber unserer Zeitung nicht.

Erweiterungsfläche im sensiblen Gebiet hat „Prio eins“

Drei Varianten sind im Gespräch, doch ein Daimler-Vertreter habe vor Kurzem im Gemeinderat eine größtenteils unbewaldete Fläche im Rastatter Bruch südlich des Werkes als „Prio eins“ bezeichnet, sagt Gunter Kaufmann, der SPD-Stadtrat in Rastatt und früherer Landtagsabgeordneter. Zudem soll dort entlang einer Bahnlinie eine weniger stauanfälligere Straße gebaut werden, die unter anderem die Werke Rastatt und Kuppenheim miteinander verbindet. Für den Nabu-Landesvorsitzenden Johannes Enssle handelt es sich bei dem Gebiet der Rheinauen um ein „hochsensibles Naturjuwel von europäischem Rang“.

Die Pläne ärgern die Naturschützer gleich doppelt. Erstens waren schon vor 30 Jahren, als das Daimler-Werk gegründet wurde, wertvolle Naturflächen verloren gegangen – in einem „Rastatter Kompromiss“ einigten sich die Naturschützer und die Landesregierung unter dem damaligen Ministerpräsidenten Erwin Teufel (CDU) darauf, dass weitere Bebauungen der Rheinauen unterbleiben müssen. Kaufmann hat jene Vereinbarung mit unterzeichnet. Allerdings sagt Frank Lorho vom Umweltministerium jetzt, dass im Jahr 1999 eine zweite Vereinbarung geschlossen worden sei – mit der Schaffung einer „Umweltstiftung Rastatt“ und zahlreichen ökologischen Maßnahmen seien „alle Ansprüche abgegolten“, so Lorho.

Gutachten soll drei verschiedene Varianten prüfen

Zweitens existiert eigentlich eine nicht konfliktbeladene Erweiterungsfläche im Südosten des Werks. Im Jahr 2003 hatten sich Daimler und die Stadt Rastatt schriftlich auf diese Fläche verständigt. Warum Daimler dennoch das sensible Gebiet im Süden bevorzugt, begründet das Unternehmen auf Anfrage nur ganz allgemein mit „besseren Rahmenbedingungen für werksinterne Prozesse mit unseren Zulieferern“. Gunter Kaufmann glaubt zu wissen, was der Hauptgrund ist: Die strittige Erweiterungsfläche besteht aus Kleingärten mit mehr als 100 Besitzern; langwierige Verhandlungen stünden bevor. Das allerdings war schon 2003 bekannt. Das Landschaftsschutzgebiet im Süden gehöre dagegen allein der Stadt Rastatt.

Mit 35 Ja- und drei Neinstimmen hat der Gemeinderat Rastatts nun ein Gutachten in Auftrag gegeben; bis Ende des Jahres soll unvoreingenommen geprüft werden, welche Vor- und Nachteile die drei Varianten haben. Die dritte Möglichkeit ist übrigens die Verdichtung auf dem bestehenden Gelände. Gefragt, warum es trotz der bestehenden Vereinbarung von 2003 über eine Erweiterungsfläche nun diese Prüfung gebe, hieß es vonseiten der Stadt Rastatt mit entwaffnender Offenheit: „Weil uns Daimler darum gebeten hat.“ Das Umweltministerium will die Ergebnisse der Studie abwarten, bevor es sich positioniert. Brigitte Dahlbender, die Landesvorsitzende des BUND, hat dagegen bereits ihre Forderung formuliert: Daimler soll die riesigen Parkplätze am Werksrand nutzen – wenn mehrgeschossige Parkhäuser gebaut würden, werde genügend Fläche für die geplante Erweiterung frei. Daimler hat auch die beiden anderen deutschen Pkw-Werke in Sindelfingen (Kreis Böblingen) und Bremen zu Kompetenzzentren für die Elektromobilität ernannt.

Insgesamt will Mercedes-Benz in den nächsten Jahren zehn Milliarden Euro für den Ausbau der Elektroflotte ausgeben. Wann die Erweiterung des Rastatter Werks abgeschlossen sein soll, bleibt unklar. Zusätzliche Arbeitsplätze wird es durch die Erweiterung wohl nicht geben: „Wir sind für die nächsten Jahre personell gut aufgestellt“, so Daimler. Im vergangenen Jahr sind in Rastatt mehr als 300 000 Fahrzeuge vom Band gelaufen.