Sparkurs bei Daimler Jeder zehnte Manager soll gehen

Von und Yannik Buhl 

Daimler-Chef Ola Källenius will die Kosten bei dem Autobauer offenbar kräftig senken. 1100 Führungsstellen sollen wegfallen. Der Betriebsrat ist entsetzt.

Knallharter Sparkurs: Ola Källenius Foto: dpa/Boris Roessler
Knallharter Sparkurs: Ola Källenius Foto: dpa/Boris Roessler

Stuttgart - Eigentlich stehen Daimler-Chef Ola Källenius und der ganze Konzern vor einem großen Termin. Der Schwede, der erst seit Ende Mai auf dem Chefposten ist, will am kommenden Donnerstag auf einem sogenannten Kapitalmarkttag in London und New York erstmals ausführlich seine Strategie für die Zukunft des Unternehmens vorstellen. Darunter sollen nähere Eckdaten sein, wie der Stuttgarter Autobauer kräftig sparen kann, um gleichzeitig die hohen Investitionen für die Zukunft zu stemmen. Einige der Pläne sind vorab bereits über den Betriebsrat öffentlich geworden – und versetzen den Konzern in Unruhe.

Verzicht auf Tariferhöhung

Das Management hatte vor kurzem mit dem Gesamtbetriebsrat Gespräche über Kürzungen bei den Tarifmitarbeitern aufgenommen, die jedoch zunächst ohne Ergebnis unterbrochen worden sind. Die Unternehmensleitung hatte vorgeschlagen, dass die Beschäftigten im nächsten Jahr auf die von der IG Metall ausgehandelten Tariferhöhungen verzichten sollen. Auch individuelle Entgelterhöhungen sollen demnach hinausgezögert werden. „Dies haben wir kategorisch abgelehnt“, stellte der Betriebsrat in einer am Freitag verschickten Rundmail an die Mitarbeiter klar.

Der Betriebsrat fordert stattdessen, dass mehr Beschäftigte die Möglichkeit erhalten sollen, das bei den Tarifverhandlungen im vorigen Jahr vereinbarte Zusatzgeld in freie Tage umzuwandeln. Bisher ist diese Wahlmöglichkeit auf bestimmte Beschäftigungsgruppen beschränkt. Zudem verlangt der Betriebsrat, die Altersteilzeit weiter zu öffnen sowie die Abläufe im Unternehmen zu verbessern. „Sinnloses Kostenschrubben lehnen wir ab!“, stellten die Arbeitnehmervertreter klar.

Der Betriebsrat kann sich auch vorstellen, dass „punktuell“ Beschäftigte in den sogenannten indirekten Bereichen, also der Verwaltung, der Entwicklung und der Logistik mit Abfindungen aus dem Unternehmen ausscheiden – allerdings nur, wenn das Unternehmen gute finanzielle Konditionen bietet. Im Juni hatte der Betriebsrat mit der Unternehmensleitung vereinbart, dass es zumindest bis Ende 2021 für die rund 60 000 Beschäftigten in diesen Bereichen kein groß angelegtes Abfindungsprogramm geben wird.

Zudem plädiert der Betriebsrat dafür, dass ein Teil der Produktion und der Dienstleistungen, die bisher von außerhalb zugekauft werden, wieder ins Unternehmen zurückgeholt werden und damit zusätzliche Beschäftigung für Daimler-Mitarbeiter bringen. Ein Daimler-Sprecher wollte sich nicht dazu äußern. Ganz im Gegensatz zu der Einschätzung des Gesamtbetriebsrates sagte der Sprecher, man befinde sich in einem „konstruktiven Dialog“ mit den Arbeitnehmervertretern.

Kündigungen bei der Stammbelegschaft sind nach einer Vereinbarung zur Zukunftssicherung bis Ende 2029 ausgeschlossen. Das Unternehmen hat sich in diesem Jahr jedoch bereits von zahlreichen Leiharbeitern getrennt. Zudem hat Daimler im September angekündigt, dass Pläne für eine Erweiterung des Rastatter Werks zunächst einmal auf Eis liegen. Begründet wurde das damals mit der schwierigen wirtschaftlichen Lage des Konzerns.

Weniger Führungspersonal

Bereits seit der frühere Daimler-Chef Dieter Zetsche bei der Vorlage der Bilanz im Februar angekündigt hatte, dass es ein Sparprogramm geben werde, wurde darüber spekuliert, wie stark die Personalkosten gesenkt werden sollen. Zetsche hatte damals angekündigt, dass das Unternehmen damit begonnen habe, „umfassende Gegenmaßnahmen“ zu erarbeiten, um die Ertragslage zu verbessern.

Zetsche hatte sich damals jedoch hartnäckig geweigert, Details des geplanten Sparprogramms zu benennen. Auch sein Nachfolger Ola Källenius, der seit Mai an der Spitze des Stuttgarter Konzerns steht, hatte bisher eisern dazu geschwiegen. Anfang dieser Woche hat Källenius nun auf einer internen Veranstaltung für Führungskräfte der Autosparte Mercedes-Benz Cars (MBC) erstmals eine konkrete Zahl zu den anvisierten Stellenstreichungen bei den Führungskräften genannt.

Källenius kündigte nach Angaben des Gesamtbetriebsrats an, dass er in Deutschland zehn Prozent der Führungsjobs abbauen will. Weltweit betrachtet wären das nach Angaben der Arbeitnehmervertreter rund 1100 Stellen auf den vier Führungsebenen unterhalb des Vorstands.

Elektrischer Antriebsstrang

Der sogenannte elektrische Antriebsstrang (EATS) entwickelt sich zu einem immer größeren Politikum innerhalb des Konzerns – und rückt auch zunehmend ins Zentrum der Diskussion um ein mögliches Sparprogramm. Seit Mitte Oktober verhandelt der Betriebsrat im Antriebs-Werk Untertürkheim bereits mit der Werkleitung darüber, ob der EATS an den Neckar kommen soll. Es geht dabei um die Entwicklung und Fertigung von Elektromotor, Getriebe und Leistungselektronik für die kommenden Generationen von Daimlers E-Autos der EQ-Reihe.

Bisher kommt der EATS für das erste E-Auto namens EQC von dem Zulieferer ZF in Friedrichshafen. Die Fremdvergabe an ZF hatte damals großen Ärger verursacht, weil die Entscheidung für Werk und Betriebsrat überraschend kam, am Neckar fühlte man sich übergangen. Für die kommenden EQ-Fahrzeuge hat sich Untertürkheim nun ebenso beworben wie eine Reihe großer Zulieferer. In den Verhandlungen geht es nun darum, unter welchen wirtschaftlichen Bedingungen der EATS nach Untertürkheim kommen könnte.

Was dazu aus dem Werk zu hören ist, gestalten sich die Verhandlungen aber sehr schwierig. Der Untertürkeimer Betriebsratsvorsitzende Michael Häberle ließ wissen: „Die Werkleitung hat uns mit einem umfangreichen Katalog an Forderungen konfrontiert, die in keinerlei Relation zum Verhandlungspaket stehen. Es wäre ein großer Fehler, die Entscheidung über die Zukunftsfähigkeit des Standorts von einer augenblicklichen wirtschaftlichen Situation abhängig zu machen.“ Außerdem wurde bekannt, dass der Vorstand um Ola Källenius von dem Werk fordert, den EATS zu denselben Bedingungen zu fertigen wie die Zulieferer. Michael Brecht, Vorsitzender des Gesamtbetriebsrats, übte daran deutliche Kritik: „Ola Källenius sät Zweifel daran, dass der EATS nach Untertürkheim kommen könnte, wie es das Werk möchte. Da haben wir eine knallharte Ansage von ihm gehört, dass der EATS nur dann zu uns kommt, wenn wir das zu den gleichen Konditionen machen wie ein Zulieferer. Und der Zulieferer macht das Produkt schon und hat alle Tipps und Tricks.“