Stuttgart - „Ein Weckruf an die Entscheidergeneration“ hat Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) vor Kurzem die Fridays-for-Future-Demonstrationen genannt. Die schwedische Schülerin Schwedin Greta Thunberg hat mit ihren Aktionen für mehr Klimaschutz eine regelrechte Welle losgetreten. Der Protest der Jugend werde auf den Konferenzen wahrgenommen, so Schulze. Beim jetzigen EU-Gipfel in Brüssel konnte die Schülerin die Teilnehmer aber nicht überzeugen. Das Ziel, bis 2050 eine „klimaneutrale Wirtschaft“ verbindlich in der EU zu vereinbaren, ist gescheitert.
Bosch wartet nicht auf solche Ergebnisse, sondern prescht vor. Das Ziel: Bis 2020 will der Technologiekonzern weltweit klimaneutral sein. Was auf den ersten Blick enorm ambitioniert klingt, ist es eigentlich gar nicht. Denn Bosch hat sich gut vorbereitet, um sicher das Ziel zu erreichen. „In den vergangenen drei Jahren haben wir uns intensiv damit beschäftigt, wie wir die CO2-Emissionen senken können“, erläutert Thorsten Kallweit, der bei Bosch unter anderem die Nachhaltigkeit verantwortet. „Wir wollen keine Ankündigung machen, die wir nicht einhalten können“, so Kallweit.
Was machen andere Unternehmen?
Bosch ist nicht der einzige Konzern in Deutschland, der sich mittlerweile intensiv dem Klimaschutz widmet. Auch Daimler gehört dazu. Bis 2022 sollen die europäischen Werke von Mercedes-Benz CO2-neutral mit Energie versorgt werden, hat der Autobauer angekündigt. Erste Erfahrung gibt es – das Smart-Werk in Hambach/Frankreich beziehe bereits den kompletten Strombedarf aus erneuerbaren Energiequellen. Im polnischen Jawor wird derzeit ein neues CO2-neutrales Motorenwerk gebaut. Und auch die VW-Tochter Audi will bis Mitte des kommenden Jahrzehnts ihre Werke CO2-neutral betreiben, sagt eine Sprecherin. 2018 wurde bei einem Werk in Belgien eine erste CO2-neutrale Großserienfertigung zertifiziert, fügt sie hinzu. Viele andere Unternehmen hierzulande sind noch nicht so weit. Zulieferer wie Mahle, ZF oder Eberspächer und Maschinenbauer wie Schuler beschäftigen sich zwar auch mit Klimaaspekten – doch feste Termine etwa für Klimaneutralität in den Werken haben sie bisher nicht formuliert. „Der Maschinenbau ist nicht energieintensiv, die Energiekosten liegen bei etwa einen Prozent. Die Branche ist nur für 0,3 Prozent der deutschen CO2-Emissionen verantwortlich“, erläutert Naemi Denz, die beim Maschinenbauverband VDMA unter anderem für Nachhaltigkeit zuständig ist.
Was heißt klimaneutral?
Doch was verbirgt sich nun konkret hinter dem Klimaschutzzielen von Bosch und Daimler? Was heißt Klimaneutralität? Nach dem international anerkannten Standard Greenhouse Gas Protocol, der unter anderem von dem World Ressources Institute (WRI), einer Denkfabrik zum Thema Umweltschutz mit Sitz in Washington D.C., entwickelt wurde, geht es in drei Stufen hin zu einem klimaneutralen Unternehmen. Die ersten beiden Stufen behandeln vor allem den CO2-Ausstoß, der etwa durch Öl- oder Gasheizungen in Unternehmen entstehen. Es geht zudem um firmeneigene Fuhrparks sowie um die Emissionen, die beim zugekauften Strom anfallen. Erst in der dritten Stufe wird es umfassend. Dann geht es auch um Dienstreisen der Mitarbeiter, um Fahrten zum Arbeitsplatz, um zugekaufte Materialien, um die Emissionen der hergestellten Produkte und die Entsorgung der Produkte. Bosch konzentriert sich zunächst auf die ersten beiden Stufen des WRI-Standards; von einer wirklichen Klima-Neutralität über den Lebenszyklus der Produkte ist auch Bosch noch weit entfernt. Doch der Anfang ist gemacht. Allein in den ersten beiden Stufen fallen bei Bosch weltweit 3,3 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr an, die ab 2020 vermieden werden sollen. „Wir sollten als Schwaben vor unserer eigenen Haustür anfangen“, sagt Kallweit. Im Jahr 2020 werde die Hälfte des Ausstoßes vermieden, schätzt der Leiter der Nachhaltigkeit. In Mexiko ist man fast am Ziel; dort wurde auf Initiative von Bosch hin ein Windpark gebaut. Schwieriger sei es in China, erläutert Kallweit, dort sei die Stromerzeugung kohlelastig. „Da müssen wir kompensieren.“ Projekte dazu sind etwa Waldschutz und Brunnenbau in Afrika.
Fernziel emissionsfreie Mobilität
Daimler blickt weiter voraus. 2022 ist nur ein Zwischenziel. Das Fernziel des Autobauers ist die emissionsfreie Mobilität. Im Jahr 2039 soll die Pkw-Neuwagenflotte komplett CO2-neutral fahren. Dabei spielen Elektrofahrzeuge und Hybride eine enorm wichtige Rolle. Ohne Zulieferer geht es nicht. Denn wenn sie nicht klimaneutral arbeiten, können Daimler-Fahrzeuge nicht klimaneutral sein. Deshalb werden Workshops mit den CO2-intensivsten Lieferanten veranstaltet, sagt eine Daimler-Sprecherin. Letztlich sollen Schritte zur CO2-Reduzierung vereinbart werden. Die Einhaltung der Ziele werden in den Vertragsbedingungen verankert, fügt sie hinzu. Am Tisch sitzen dabei Hersteller von Stahl, Aluminium und auch Batteriezellen; sie stehen für etwa 80 Prozent des CO2-Ausstoßes in der Lieferkette eines reinen E-Fahrzeugs, so die Sprecherin. Auch das Recycling ist wichtig. Schon während der Entwicklung soll ein Recycling-Konzept entwickelt werden, damit alle Pkw-Modelle von Mercedes zu 85 Prozent recyclingfähig sind.
Und wie sieht es bei einer ganzheitlichen Betrachtung bei Bosch aus? Der Zulieferer zeigt sich zugeknöpft. „Wir haben in der Lieferkette 37 000 Zulieferer“, umschreibt Annette Wagner, die unter anderem für Nachhaltigkeitsstrategien zuständig ist, die Komplexität des Vorhabens. „Wir schauen, wo die größten Emissionen anfallen und was sinnvolle Maßnahmen sind, um sie zu reduzieren.“ Wann das vollständig umgesetzt werden soll, lässt sie jedoch offen.
Die Bosch-Beschäftigten, die von der Ankündigung überrascht wurden, hätten durchweg positiv darauf reagiert. „Wir bekamen mehr als 1000 Kommentare von Mitarbeitern“, sagt eine Sprecherin. Viele wollen einen Beitrag leisten. So sie das Fahrradleasing positiv aufgenommen worden; im Jahr eins seien 8000 Verträge geschlossen worden. Auch die Shuttlebusse zwischen den Bosch-Standorten in der Region würden mehr genutzt.