Daimler Wechsel an der Spitze des Mercedes-Vertriebs

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Im vergangenen Jahr wurde der Vertrag von Mercedes-Vertriebschef Joachim Schmidt noch bis 2015 verlängert. Jetzt geht er in den Ruhestand. Einen Nachfolger hat Daimler bereits benannt.

Joachim Schmidt geht mit 65 in den Ruhestand. Foto: dpa-Zentralbild
Joachim Schmidt geht mit 65 in den Ruhestand. Foto: dpa-Zentralbild

Stuttgart - Am 23. Juli wirkte Joachim Schmidt etwas müde, aber nicht amtsmüde. An einem brütend heißen Tag präsentierte der Vertriebschef von Mercedes-Benz einem Kreis von Journalisten die Vertriebs- und Marketingstrategie der Zukunft. Weil die Journalisten ohne Krawatte gekommen waren, legte auch der Daimler-Mann den Binder ab. Die Müdigkeit des Managers war darauf zurückzuführen, dass Schmidt bis zwei Uhr nachts gefeiert hatte, weil ihm als Aufsichtsratsvorsitzenden des VfB Stuttgart eine große Last von den Schultern gefallen war. Denn tags zuvor war Bernd Wahler nach einer Zeit heftiger Turbulenzen zum neuen VfB-Präsidenten gewählt worden.

Am Dienstag nun teilte der Autokonzern überraschend mit, dass Schmidt entschieden habe, nach 34 Dienstjahren bei Daimler in Rente zu gehen. Nachfolger wird am 1. Oktober Ola Källenius, derzeit Chef der konzerneigenen Tuningtochter AMG. Bis zum Jahresende, so das Unternehmen, wolle Schmidt den neuen Vertriebschef in dessen neue Aufgabe einführen und ihm mit Rat und Tag zur Seite stehen.

In der Fachwelt hat die Personalie und auch der Zeitpunkt der Veröffentlichung Irritationen ausgelöst. Denn erst im März des vorigen Jahres war der Vertrag von „Mister Mercedes“, wie der gebürtige Sindelfinger damals in der Pressemitteilung des Unternehmens geadelt wurde, bis zum 30. September 2015 verlängert worden. Zudem wird der Wechsel kurz vor der Frankfurter Automesse IAA bekannt gegeben und damit ein Thema gesetzt, das Aufmerksamkeit von den technischen Neuheiten ablenken könnte. Daimler begründet den Publikationstermin damit, dass auf der Messe die internationale Vertriebsmannschaft versammelt und dies eine gute Gelegenheit sei, bei einer internen Veranstaltung auf den Stabwechsel anzustoßen.

Zur Frage, ob der Wechsel womöglich mit dem Engagement Schmidts beim VfB zu tun habe, will sich das Unternehmen nicht äußern. Den exponierten und fordernden Nebenjob des Aufsichtsratschefs hat der Daimler-Manager erst seit Juni, nachdem der Unternehmer und Arbeitgeber-Präsident Dieter Hundt nach heftigen Querelen mit dem Verein auf einer Reise aus Mexiko stinksauer mitteilte, dass er den Posten hinschmeiße.

Hinter den Kulissen wird bei Daimler von mehreren Quellen jedoch entschieden zurückgewiesen, dass sich der Daimler-Vorstand an der Doppelfunktion als VfB-Aufsichtsrats- und Vertriebschef gerieben haben könnte. „Joachim Schmidt versteht und verkörpert Mercedes-Benz wie kaum ein anderer“, wird Daimler-Chef Dieter Zetsche in einer Pressemitteilung zitiert. Unter seiner Führung habe die Marke Mercedes-Benz viele neue Regionen erobert, so Zetsche, und die Mercedes-Kunden mit ihren traditionellen Stärken begeistert.

Schmidt wies in einem Brief an die Mitarbeiter auf die Rekordabsatzzahlen hin, die belegten, „dass sich unser aller Engagement mit Blick auf unsere Produktoffensive und unsere Marktstrategien auszahlt.“ Die Resonanz auf die neuen Kompakten sei hervorragend, die neue E-Klasse finde reißenden Absatz und das neue Flaggschiff, die S-Klasse, begeistere Medien wie Kunden gleichermaßen. Zudem sei es gelungen die Marke Mercedes-Benz zu modernisieren. Sein ganz persönliches Ziel, so Schmidt, sei immer gewesen, die strategischen Initiativen so weit voranzutreiben, dass er „die Geschicke des Vertriebs“ mit dem Erreichen des 65. Lebensjahrs in jüngere Hände übertragen könne. Nun gehe eine 34-jährige „intensive, spannende und leidenschaftliche Arbeit mit und für den Stern zu Ende“.

Die lange Karriere Schmidts bei Daimler war indes recht wechselhaft. Der promovierte Mathematiker fing 1979 bei Daimler an und stieg dann im Vertrieb bis an die Spitze auf, die er 1999 erreichte. 2005 erlitt der Manager, der stets wie ein Gentleman der alten Schule wirkt, jedoch einen Karriereknick. Der damalige Mercedes-Chef Eckhard Cordes machte Klaus Maier zum Vertriebschef. Schmidt wurde degradiert und übernahm den Vertrieb der Konzernmarken in Asien, Afrika und Osteuropa. Nachdem Cordes 2005 mit dem Abgang des damaligen Daimler-Vorstandsvorsitzenden Jürgen Schrempp ausschied und Zetsche die Führung des Konzerns sowie der Pkw-Sparte übernahm, kam die zweite Chance. Als Vertriebschef Maier sich 2009 mit Zetsche verkrachte, kehrte Schmidt zurück .

Der künftige Mercedes-Vertriebschef Ola Källenius gilt schon seit längerem als Kandidat für höhere Aufgaben im Konzern, und dies nicht nur, weil mit dem gebürtigen Schweden der sehr deutsche oberste Führungszirkel internationaler wird. Der 44-Jährige ist weltläufig, macht bella figura bei öffentlichen Auftritten und hat als Chef der Tuningtochter einen guten Job gemacht. „Mit Ola Källenius übernimmt ein echter Car-Guy das Ruder“, verteilt Daimler-Chef Zetsche Vorschusslorbeeren. „Er weiß, wie man eine Marke zum Erfolg führt und kennt sowohl unsere Kunden als auch unsere Organisation bestens.“ Ihm sei es maßgeblich zu verdanken, dass AMG in den letzten Jahren zweistellig gewachsen sei und die Marktführerschaft in vielen Märkten massiv ausgebaut habe.

Källenius hat Wirtschaft in Stockholm und St. Gallen studiert. Bei Daimler stieg er 1993 ein, war in Stuttgart unter anderem im Einkauf, arbeitete für den Konzern in Großbritannien, war Chef des US-Werks in Tuscaloosa und steht seit April 2010 an der Spitze der Tuningtochter AMG in Affalterbach. AMG war in den vergangenen Jahren schon mehrfach ein Karrieresprungbrett. Sowohl Lkw-Vorstand Wolfgang Bernhard als auch China-Vorstand Hubertus Troska waren Chefs dieser Daimler-Tochter.