Daimlers Elektroflaggschiff Was Experten vom neuen EQS halten
Der Innovationsforscher Stefan Bratzel und der E-Mobilitäts-Enthusiast Christian Jog über das Auto, mit dem Daimler seinen Führungsanspruch bei Elektroautos einlösen will.
Der Innovationsforscher Stefan Bratzel und der E-Mobilitäts-Enthusiast Christian Jog über das Auto, mit dem Daimler seinen Führungsanspruch bei Elektroautos einlösen will.
Stuttgart - Im Autoquartett dürfte der EQS von Mercedes-Benz zur Trumpfkarte werden. Christian Jog kann das bestätigen. Er gehört zum Vorstand des Vereins Electrify-BW, der für seinen bürgerschaftlichen Einsatz für die Energiewende eine Auszeichnung der Landesregierung bekommen hat und unter anderem ein Kartenspiel verlegt, in dem nur Elektroautos vorkommen. „Mit dem EQS wird das Blatt neu gemischt“, sagt der 43-jährige Software-Ingenieur. Zwei Spitzenwerte seien der elektrischen S-Klasse schon sicher: „Die Aerodynamik mit dem cw-Luftwiderstandsbeiwert von 0,20 ist phänomenal“, sagt Jog, und auch die Reichweite von 770 Kilometern nach dem neuen Standardmessverfahren WLTP stehe im Vergleich ganz vorn. Er weiß aber auch: „Es gibt ein paar Kategorien, in denen man den EQS ausstechen kann.“ Aus unserem Plus-Angebot: Mit diesem Elektroauto tritt Daimler gegen Tesla an
Der Daimler-Konzern hat die Messlatte für sein erstes Fahrzeug, das auf einer speziell für den Elektroantrieb konstruierten Plattform basiert, bewusst hochgelegt. Mit diesem Modell wolle man zeigen, dass Daimler die Führungsrolle bei Elektroautos und Fahrzeugsoftware übernehmen kann, sagt Vorstandschef Ola Källenius. Am Donnerstag, 15. April, 18 Uhr werden die letzten Tarnfolien abgezogen und das Auto der Öffentlichkeit präsentiert. Im Sommer soll das Luxusmodell an die ersten Kunden geliefert werden. Der langjährige Branchenbegleiter Ferdinand Dudenhöffer vom CAR-Forschungszentrum in Duisburg sagt deshalb: „Die Bedeutung des EQS für den Ruf von Daimler als E-Auto-Bauer ist immens.“
Die Fachwelt verfolgt den Auftritt gespannt und vergibt vorab schon einige Bestnoten. Stefan Bratzel etwa, ein Forscher, der sich regelmäßig mit der Innovationsfähigkeit der Autohersteller befasst, konnte den EQS kürzlich inspizieren. Der Leiter des Center of Automotive Management in Bergisch Gladbach sagt: „Ich habe stark den Eindruck, dass damit ein großer Wurf gelungen ist. Mit dem EQS hat Daimler in wesentlichen Kriterien den Anschluss gefunden und zeigt, dass man jetzt ganz vorne dabei ist.“ Nachdem der Stuttgarter Konzern bisher Elektroautos anbot, die ursprünglich für den Antrieb mit Verbrennungsmotoren konstruiert waren und damit nur im Mittelfeld der Konkurrenz lagen, sei man jetzt im Spitzenfeld angekommen, meint Bratzel. „Und das muss auch Daimlers Anspruch sein.“ Hören Sie im StZ Feierabend Podcast: Hat Tesla Daimler im Visier?
In puncto Aerodynamik und der damit eng zusammenhängenden Energieeffizienz, die sich in Reichweite auszahlt, könne sich der EQS Weltmeister nennen, sagt Bratzel. Das betont schnittige Design mit kurzem Bug und coupéhaftem Heck samt großer Ladeklappe hält er für „spannend“. Zudem lobt der Forscher die Innenausstattung mit dem von Daimler Hyperscreen genannten Display, das sich – als Extraausstattung – über 1,41 Meter und die gesamte Breite von Fahrer- und Beifahrerseite zieht. „Das ist zukunftsfähig“, sagt Bratzel, man spüre die hohe Vernetzung der Systeme von den Assistenz- bis zu den Entertainment-Funktionen. „Es gibt eine riesige Vielfalt an Funktionen und Möglichkeiten. Diese Komplexität soll der Nutzer aber nicht als Belastung, sondern als Mehrwert empfinden. Dafür ist entscheidend, dass die Bedienkonzepte diese Vielfalt reduzieren.“ Mit dem Bordsystem MBUX (Mercedes Benz User Experience) sei Daimler dabei auf gutem Weg, nun müssten die Systeme – wie auch die Batterie – noch zeigen, dass sie in der Praxis halten, was sie versprechen.
Zwei Punkte, bei denen Tesla noch vorne liegt, sieht der Autoforscher auch: Das eigene Schnellladenetz von Tesla sei in puncto Verfügbarkeit und Zuverlässigkeit spitze, die Amerikaner verfügten außerdem schon über ein komplett eigenes Betriebssystem für alle Funktionen des Autos, was bei Daimler erst für 2024 angekündigt ist.
In vielerlei Hinsicht bestätigt der E-Mobilitätsexperte Christian Jog, der bei einem Autozulieferer angestellt ist, Bratzels Einschätzung. Er hat mehrmals EQS-Testfahrzeuge auf der Straße gesehen und ist überzeugt, „dass die Verarbeitung, die Haptik und das Aussehen definitiv auf Daimler-Niveau liegt“. „Es ist eine echte S-Klasse“, sagt Jog. Anders als der stärker auf Sportwagen getrimmte Porsche Taycan ziele der EQS auf die Käufer, die ein bequemes Auto mit hochwertiger Ausstattung und neuester Technik suchen. Dabei gehe es – trotz einer Leistung von mehr als 500 PS – nicht um die maximale Geschwindigkeit. Im Sinne der Energieausnutzung wird der EQS bei 210 Kilometer pro Stunde abgeriegelt.
Wer im Elektroauto-Quartett künftig mit Konkurrenzkarten Paroli bieten will, muss nach Jogs Empfehlung auf andere Werte schauen. Zum Beispiel auf die Zuglast. „Maximal zugelassene 750 Kilo reichen sicher für die Pedelecs auf einem Anhänger. Wer aber vielleicht sein Boot ziehen will, könnte ein Problem haben“, sagt Jog. Auch in Sachen Frontkofferraum zieht der EQS den Kürzeren. Obwohl bei Tesla üblich und von Elektromobilisten geschätzt, verzichtet Mercedes auf den sogenannten Frunk. Zudem gebe es, anders als beim US-Konkurrenten, keine Batterievariante, die ohne Kobalt auskomme. Was das Ladenetz angeht, sieht Jog ein differenziertes Bild: Tesla hat in Deutschland 1500 Stationen, von den CCS-Schnellladesäulen, die der Mercedes ansteuern kann, gibt es 2300. Europaweit stehe es bislang jedoch 10 000 zu 5000 für Tesla.