DAK Kinder- und Jugendreport Wenn Angst bei Jugendlichen zum Dauerzustand wird
Immer mehr Kinder und Jugendliche leiden unter schweren psychischen Erkrankungen. Was ein Psychiater und eine Psychologin aus Stuttgart zu den Ursachen sagen.
Immer mehr Kinder und Jugendliche leiden unter schweren psychischen Erkrankungen. Was ein Psychiater und eine Psychologin aus Stuttgart zu den Ursachen sagen.
Die Auswirkungen der Pandemie, Krieg in der Ukraine, Klimawandel und jetzt auch noch Trump in den USA – die letzten Jahre sind von vielen globalen Krisen überschattet. Vor allem bei Kindern und Jugendlichen scheint sich dies dauerhaft auf die Psyche niederzuschlagen. Laut dem aktuellen Kinder- und Jugendreport der Krankenkasse DAK leiden immer mehr Kinder und Jugendliche an psychischen Erkrankungen wie Angst- und Essstörungen sowie Depressionen. Mädchen sind dabei mehr betroffen als Jungen.
Im Jahr 2024 haben sich 61 von 1000 bei der DAK versicherten Mädchen zwischen 15 und 17 Jahren wegen einer Angststörung behandeln lassen. Hochgerechnet sind damit laut der Krankenkasse rund 9500 junge Frauen im Land betroffen. Im Vergleich zum Jahr 2019, also vor der Pandemie, sei dies ein Anstieg um 55 Prozent, heißt es in dem Report. Auch die Zahl chronischer Angststörungen stieg um 143 Prozent.
Die Fallzahlen der DAK spiegeln auch die Beobachtungen von Oliver Fricke, ärztlicher Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie am Klinikum Stuttgart, wider. „Mein Eindruck ist sogar, dass der Bedarf an Behandlung bei schweren Erkrankungen gestiegen ist“, sagt Fricke.
Laut einer Anfrage des Recherche-Netzwerks „Correctiv“ bei der Deutschen Krankenhausgesellschaft ist dies auch deutschlandweit der Fall. Wegen der fünf häufigsten psychischen Diagnosen mussten im Jahr 2025 insgesamt 44 381 Minderjährige stationär in Kinder- und Jugendpsychiatrien behandelt werden. Inzwischen müssen laut dem Bericht minderjährige Psychiatriepatienten vier bis sechs Monate auf einen Therapie- oder Klinikplatz warten.
Für Siegfried Euerle, DAK-Landeschef Baden-Württemberg, zeigen die Zahlen, wie „hartnäckig die Folgen der Pandemie bei jungen Menschen geblieben sind“. Psychische Erkrankungen in dem Alter wirkten oft lange nach und belasteten damit später auch Ausbildung, Familienplanung und Berufsleben. Denn entgegen früherer Hoffnungen gingen Erkrankungen wie Angst- und Essstörungen sowie Depressionen nicht einfach wieder zurück. „Sie stabilisieren sich auf einem hohen Niveau – besonders bei Mädchen“, sagt Euerle. Deshalb brauche es in Baden-Württemberg umfassende Initiativen zur Stärkung der mentalen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen.
Auch die Komorbiditäten, also das gleichzeitige Auftreten von zwei oder mehr psychischer Erkrankungen, haben sich seit Pandemiebeginn verdoppelt. Auch dabei sind junge Mädchen häufiger betroffen: Die Zahl der Betroffenen mit Angststörung und Depression erhöhte sich von 2019 bis 2024 um 101 Prozent.
Bei Depressionen und Essstörungen zeigt sich weiterhin ein ähnlich hohes Niveau. Bei Depressionen stiegen die Behandlungszahlen um 35 Prozent, bei Essstörungen um 43 Prozent.
Die Ursachen für den Anstieg liegen aber nicht nur in der Pandemie. „Aus meiner Sicht verfügt die aktuelle Generation der Jugendlichen über weniger gut ausgebildete Schutz- und Resilienzfaktoren als die Jugendlichen in früheren Jahrgängen“, sagt Oliver Fricke. Dies seien zum Beispiel gelebte Beziehungen zu Gleichaltrigen, also ein Netzwerk von realen Freundschaften – und nicht nur mit virtuellen Kontakten – sowie auch gute Kompetenzen in der Lösung von Konflikten.
Zudem seien einige Stressoren über die häufige Mediennutzung stärker in den Alltag der Jugendlichen eingedrungen. Bei Mädchen seien dies häufiger soziale Netzwerke. Klimaveränderung und Naturkatastrophen, Angriffskrieg in Europa, Wirtschaftskrise sowie die Polarisierung in der Gesellschaft – all diese Veränderungen im direkten Lebensraum ließen Sicherheiten nicht mehr so deutlich erkennen, sagt Fricke und ergänzt: „Aus meiner Sicht ist es also ein multifaktorielles Geschehen.“
Aufgrund seiner Erfahrungen im klinischen Alltag seien aber soziale Medien ein eindeutiger Risikofaktor. Diese könnten zu Medienabhängigkeit sowie einer Verschlechterung des psychischen Befindens bei einer bereits bestehenden Erkrankung beitragen. „Wer bereits psychisch belastet ist, hat durch den intensiven und teils exzessiven Gebrauch sozialer Medien ein deutlich erhöhtes Risiko, auch manifest psychisch zu erkranken“, sagt Fricke.
Problematisch ist die zunehmende Verdichtung der Versorgung sowie eine nach wie vor insgesamt noch nicht zufriedenstellende Versorgung von psychischen Störungen bei Kindern und Jugendlichen an sich. „Und dies trotz bereits gestiegener Behandlungskapazitäten“, betont Fricke.
Warum aber steigen vor allem bei Mädchen die Zahlen so stark an? „Mädchen haben eine höhere Empfindlichkeit als Jungen bei nicht kompensiertem Stress internalisierende Störungen wie Angststörungen oder Essstörungen zu entwickeln“, sagt Fricke.
Dies zeigt sich auch in den Zahlen bei der Frauen-Sucht-Beratungsstelle Lagaya im Stuttgarter Osten sowie in der dortigen Abteilung „Mädchen.Sucht.Auswege“ – der Anlaufstelle für Mädchen zwischen zehn und 18 Jahren. Die am häufigsten gestellte Hauptdiagnose bei 18- bis 29-Jährigen waren Essstörungen – was insgesamt rund 33 Prozent ausmachte. Auch war diese Altersgruppe insgesamt am stärksten in der Beratungsstelle vertreten. Psychische Erkrankungen, die sich in jungen Jahren ausbilden, bestehen also meistens im jungen Erwachsenenalter fort.
Gesellschaftliche und mediale Einflüsse tragen zwar zweifellos zur Belastung bei. Doch der Alltag in der Beratungsstelle zeigt, dass bei Mädchen andere Ursachen hinzukommen können. Sehr viel häufiger als Jungen oder Männer seien Mädchen und Frauen Opfer von sexueller Gewalt, Belästigung und Missbrauch und litten dann zusätzlich unter einer Traumafolgestörung. Bei rund 35 bis 40 Prozent der Klientinnen von Lagaya sei dies der Fall, sagt die Psychologin Violeta Hristova-Mintcheva (58) von Lagaya.
Die Suchtberatung fokussiert sich auf Mädchen und Frauen. Sie hätten bei jeder Form der Sucht ein anderes Konsummuster als Männer, sagt die Psychologin. Auch bei den Essstörungen – einer psychosomatischen Erkrankung mit suchtähnlichem Charakter, die lange Zeit als „typisch weibliche“ Krankheit gesehen wurden – gäbe es deutliche geschlechtsspezifische Unterschiede.
„Hinter der Erkrankung stecken oft soziale Probleme wie Einsamkeit oder Bindungsprobleme“, sagt Hristova-Mintcheva. Viele Betroffene hätten auch Schwierigkeiten mit einer gesunden Dynamik zwischen Abhängigkeit und Autonomie. Bei jeder Form von Abhängigkeitserkrankung, ob bei Substanzen, Kaufsucht oder Essen, sei die grundlegende Problematik, dass die Betroffenen keine freie Entscheidung mehr darüber haben, was und ob sie konsumieren, ergänzt die Psychologin.
Manche Probleme entstünden schon im Elternhaus – weil Kinder überbehütet oder vernachlässigt werden. „Um eine stabile Persönlichkeit zu entwickeln, brauchen Kinder auch Verlässlichkeit“, sagt Hristova-Mintcheva. Aus ihrer Sicht bestünde heutzutage eine große Herausforderung auch darin, stabile Strukturen für Kinder zu schaffen.
„Es ist umgekehrt auch nicht gut, von Kindern alles fernzuhalten“, sagt Hristova-Mintcheva. Um sich gut zu entwickeln und eine stabile erwachsene Persönlichkeit zu werden, müssten Kinder gesunde Coping-Strategien lernen. Viele Kinder seien heute nicht gut gerüstet dafür, dass das Leben nicht nur „Friede, Freude, Eierkuchen“ sei. Besonders bei Essstörungen werde dann versucht mangelnde Kontrolle im Leben über den Körper zurückzuholen.