„In der Werkskantine hat meine Mutter gearbeitet“, erzählt Walter Erz. Seine Eltern waren um 1920 aus dem Ulmer Raum nach Reichenbach gekommen, wo sie Arbeit bei der Firma Otto fanden. Die Mutter arbeitete zunächst als Spulerin, bevor sie Leiterin der Kantine wurde. Der Vater war Lagerarbeiter und hatte zudem die Aufgabe, bei Hochwasser oder Packeis den Durchfluss am Wehr des damaligen Filskanals zu regulieren.
Bei Dunkelheit hängte er sich dafür eine Sturmlampe mit dickem, geschliffenem Glas vorne an den Kittel. Dieses gute Stück konnte Walter Erz retten, als die Weberei in den 90er Jahren abgebrochen wurde. In letzter Minute hat er damals ein paar Gegenstände nach draußen gebracht, darunter einen Luftdruck-Temperaturregler oder den Porzellangriff einer Toilettenspülung. Die meisten Sachen sind nun bei Oliver Hornisch, der ein virtuelles Heimatmuseum betreibt, aber auch schon ein paar Objekte für eine echte Ausstellung beisammen hätte.
„Dalba“ steht für Talbach; die Eltern von Walter Erz bekamen damals eine Arbeiterwohnung in dieser Siedlung. Vier Mehrfamilienhäuser standen rechts der Landstraße in Richtung Hochdorf, eines links. Es gab zwei Waschhäuschen, ein Backhäuschen, eine Mosterei und eine Bandsäge für die gemeinsame Nutzung, außerdem hatte jede Familie einen Holzschuppen, um ihre Gerätschaften abzustellen oder auch Tiere zu halten. „Wir waren halb autark da unten“, sagt der Reichenbacher über diese kleine Welt, die komplett verschwunden ist.
Die Kinder mussten überall mit anpacken, Bucheckern oder Pferdeäpfel – „Rossbolla“ – sammeln, Ährenlesen und vieles mehr. Aber sie hatten viel Freiraum, lernten im Filskanal schwimmen, erkundeten das nahe gelegene Dalba-Wäldle und spielten im Winter Hockey mit Schlägern, die sie aus Haselnussstecken herstellten.
Walter Erz erinnert sich, wie er einmal ein Auto stoppte, als er an der Landstraße Schnee schippte. Es war Seniorchef Otto: „Er hat angehalten, ist ausgestiegen und hat mir 50 Pfennig gegeben.“ Überhaupt waren die Fabrikanten durchaus fürsorglich gegenüber ihren Beschäftigten und deren Familien, findet Walter Erz. Sie zahlten zwar nicht so viel wie beispielsweise Starmix oder Traub. Aber sie hielten die Wohnungen in Schuss, stellten Infrastruktur oder auch kostenloses Trinkwasser aus ihrer eigenen Quelle bereit. „Wir haben verschiedene Vergünstigungen gehabt“, sagt der 85-Jährige. „Vielleicht hat man das ein bisschen zu wenig geschätzt.“
Noch mehr Erinnerungen sind lebendig geblieben: Wie bei Hochwasser, das immer wieder vorkam, die Mostfässer im Keller herumschwammen zum Beispiel. Oder an die Weberei, in die der kleine Walter gelegentlich an der Hand seiner Mutter kam, wenn diese mit ihrem Wägele den Arbeitern Vesper und Getränke brachte. Tief eingeprägt hat sich ihm der „Höllenlärm“ im Websaal, aber ganz besonders die Dampfmaschine, die im Raum nach dem warmen Kesselhaus stand – ein Traum aus hochglänzenden Messingarmaturen, blanken Stahlwellen, schwarzen Blechverkleidungen mit Zierstreifen… Die Augen glänzen noch heute bei der Erinnerung. Die gewaltige Maschine, die das Unternehmen immer dann, wenn die Wasserkraft ausfiel oder nicht reichte, mit Elektrizität versorgte, hat Walter Erz lebenslänglich mit dem „Dampfvirus“ infiziert. So hat er auch bei der Restaurierung der historischen Reichenbacher Dampfmaschine mitgewirkt und seit dem Renteneintritt eine ganze Reihe von Modellen gebaut.
Dass die kleine Welt seiner Kindheit komplett verschwunden ist, fühlt sich seltsam an. Im Krieg suchten die Bewohner des Viertels Schutz im Untergeschoss der Weberei, die einmal – wie auch ein Wohnhaus – von Brandbomben getroffen wurde. Zum Glück gab es keine Verletzten. Während und nach dem Krieg wohnten immer wieder ausgebombte oder geflüchtete Familien bei seiner Familie mit, erzählt Walter Erz. Als sich im April 1945 deutsche Soldaten im Schnaitwald bei Hochdorf verschanzten und von den nahenden amerikanischen Truppen beschossen wurden, wurde die Erz’sche Wohnung zeitweise zum provisorischen Lazarett, in dem auch Schwerverwundete versorgt wurden. Einer davon, Erich Heckmann, verstarb und liegt heute noch auf dem Soldaten-Gräberfeld auf dem Reichenbacher Friedhof.
Abschwung in den 1980er Jahren
Bundesstraße
Als in den 80er Jahren der Ausbau der B 10 anstand, wäre diese eigentlich im Bereich der Dalba-Siedlung verlaufen. Fabrikant Otto setzte sich dagegen zur Wehr und stritt jahrelang vor Gericht. Er erreichte schließlich, dass die Bundesstraße im Bereich der Dalba-Siedlung – dort, wo heute die Spedition Nagel sitzt – aufgebockt wurde und auch etwas höher oben am Hang verläuft.
Stilllegung und Abriss
Der industrielle Wandel ging an der Firma Otto trotzdem nicht vorbei, noch in den 80er Jahren wurde die Produktion eingestellt. Während das Gebäude der Spinnerei heute noch im Gewerbepark auf dem Otto-Areal erhalten ist, wurden die Weberei und die Wohnhäuser der Dalba-Siedlung in den 90er Jahren komplett abgebrochen.