Danger Dan im Stuttgart Der Liedermacher-Rebell trifft einen Nerv

Danger Dan im Mozartsaal Foto: Lichtgut//Piechowski

Danger Dan, vom Rapper zum Liedermacher am Klavier gereift, hat sein Publikum restlos begeistert im Mozartsaal der Stuttgarter Liederhalle.

Minutenlang badet er im Applaus. Knapp 800 Besucher im ausverkauften Mozartsaal sind aufgesprungen, sie jubeln und klatschen. Der Rapper, Sänger und Pianist Danger Dan alias Daniel Pongratz (39) genießt den Moment und lächelt demütig, als könnte er es nicht so recht glauben. Mit dem HipHop-Trio Antilopengang sind ihm bei einer jüngeren Zielgruppe gewitzte Hits wie „Pizza“ (2017) gelungen, mit seinem Liedermacher-Soloalbum „Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt“ (2021) hat er generationsübergreifend einen Nerv getroffen.

 

Im roten Blouson und roten Doc Martens-Stiefeln setzt der Künstler sich ans Digitalpiano, das er auch bei den Antilopen spielt. Er eröffnet mit „Lauf davon“, einem Lied über einen, der den Karrierestart in einer Agentur hinwirft aus Angst, in der bürgerlichen Tretmühle gefangen zu werden: „Schwerer als reinzukommen, ist es wieder rauszukommen“, singt Danger Dan – und beruft sich auf den Avantgarde-Punk Lou Reed.

Er teilt Überzeugungen, Leidenschaften, Existenzängste

Das klingt ehrlich autobiografisch wie alles an diesem Abend. Der Sänger ist völlig bei sich. Er teilt Überzeugungen, Leidenschaften, Existenzängste, Therapieerfahrungen und wirkt dabei zu 100 Prozent selbstbestimmt – im Pop-Zirkus eine Seltenheit. „Aufgeregt“, „ergriffen“ und „froh“ sei er. Im Lockdown habe er endlich mal richtig Klavier üben wollen, dabei seien ihm die Ideen gekommen, die sich nun aufreihen wie Huldigungen an große Liedermacher.

Wortgewandt wie Reinhard Mey zählt Danger Dan Mordmethoden auf in „Ode an den Mond“. Er verwendet altmodische Begriffe wie „meine Wenigkeit“, ehe er in „Ingloria Victoria“ im Duktus eines Georg Kreisler beschreibt, am Gymnasium habe man ihm vermittelt, er sei „nicht pünktlich und nicht arbeitsam und tugendhaft im preußischen Sinne“ gewesen. Von der betroffenen Schule sei er nicht nur einmal geflogen, sagt er: Das Gymnasium entferne ihn aus dessen Wikipedia-Beitrag, er schreibe sich selbst immer aufs Neue wieder hinein.

Die Freiheit möchte er nicht den Querulanten überlassen

Ein Bürgerrechtler und Rebell mit offenem Herzen sitzt da, der von einem friedlichen, fröhlichen Miteinander träumt. Gleich zu Beginn hat er seine „Spielregeln“ erklärt: „Auf Konzerten von mir dulden wir keinen Rassismus, keinen Sexismus, keine Homophobie und keine Transphobie.“

In „Das schreckliche Buch“ beschreibt er, wie ein Verleger seinen Roman als unrealistisch ablehnt, in dem nur akkurat das Treiben deutscher Querulanten und Verschwörungsfreaks dokumentiert. Die hätten gerne „Merkel muss weg!“ skandiert, sagt Pongratz – und seien nach Merkels Amtsende auf „Freiheit!“ umgeschwenkt. Diese aber wolle er ihnen auf keinen Fall überlassen und intoniert „Meine Freiheit, deine Freiheit“, eine Kapitalismus-Satire des österreichischen Kabarett-Meisters Georg Kreisler.

Ein Lied erklärt, was er unter „Militanz“ versteht

Ein wichtiges Anliegen ist Danger Dan der Kampf gegen den Faschismus: „Die Maxime muss sein: nie wieder!“, sagt er, und bittet ein junges Streichquartett auf die Bühne. Es intoniert instrumental „Mein Vater wird gesucht“, ein zutiefst trauriges Lied der vor den Nazis geflohenen Emigranten Hans Drach und Gisela Kohlmey von 1935.

Die Streicher begleiten Danger Dan auch durch ein ausgeklügeltes Arrangement von „Kunstfreiheit“. Darin widmet er sich der Frage, was man über rechtsextreme Figuren sagen darf und sollte. Der TV-Moderator Jan Böhmermann hat es einem Millionenpublikum vorgestellt, das Danger Dan sonst vielleicht nie entdeckt hätte. Das Wort „Militanz“, um das es große Diskussionen gab, lässt er im Mozartsaal das Publikum singen und sagt: Alles, was er dazu zu sagen habe, stecke in einem anderen Lied. Dann spielt er „Ich verprügelte die Sextouristen in Bangkok“. Das sei „moralisch nicht zu argumentieren“ heißt es da, „aber irgendwas muss man doch tun“ – „hat Penelope Cruz gesagt“, schallt es aus 800 Kehlen.

Fürs große Finale spart Daniel Pongratz „Eine gute Nachricht“ auf, das Liebeslied ans Leben, das Rio Reiser nicht mehr schreiben konnte. Ergreifender wird’s nicht.

Danger Dan spielt am 26.12. im Hegelsaal, es sind noch ein paar wenige Karten verfügbar.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Pizza Jan Böhmermann Video