Herzlichen Glückwunsch, Danger Dan! Musik machen Sie bereits lange, aber 2021 scheint Ihr erfolgreichstes Jahr gewesen zu sein, es hagelte Preise für „Alles von der Kunstfreiheit gedeckt“. Wie ging es Ihnen damit?
So langsam komme ich runter und kann das reflektieren. Es war natürlich ein super Jahr für mich. Das ist wahrscheinlich das, wovon alle Musikerinnen und Musiker träumen, dass man so viel Aufmerksamkeit kriegt und Feedback bekommt. Ich freue mich natürlich auch über Preise, je nachdem was für Preise das sind. Es wäre eigentlich viel schöner, wenn man so was über ein ganzes Leben verteilen könnte. Es war ganz schön viel. Ich bin zwar traurig, dass unsere Tour nun verschoben wurde, aber ich glaube, das tut mir, um ehrlich zu sein, ganz gut, dass ich mal keine Termine habe und darüber nachdenken kann, wie es mir überhaupt geht.
Kam der Erfolg mit „Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt“ unerwartet?
Ich hab damit so aus verschiedenen Gründen nicht gerechnet. Ich dachte, die Musik ist gar nicht so zeitgeistig, ich dachte eigentlich, das wäre so kleinkunstmäßig und bleibt unter der Oberfläche. Und ich war mir nicht sicher, ob die Leute, die sonst meine Rapsachen kennen, das auch mögen würden. Am Ende fanden es alle gut, aber das war mir vorher natürlich nicht klar.
Wie gut passen für Sie Hip-Hop und Punk zusammen?
Beides sind Subkulturen, in denen man keinen krassen akademischen Hintergrund braucht, um das gut zu machen. Das ist was, das man sich selbst beibringen mus, sonst wird das halt scheiße. Und was ich auch bei beiden bemerke, ist, dass beide eine Szene stark selber kreieren müssen. Man muss sich aktiv einbringen, damit es sie überhaupt gibt. Natürlich gibt es wie überall auch Widersprüche. Wir haben es mit der Antilopen Gang geschafft, in einem Jahr auf dem größten Hip-Hop-Festival, Splash, wie auch auf dem größten Punk-Festival, dem Ruhrpott-Rodeo, zu spielen. Wir sind in beiden Szenen zu Hause.
Solo und mit Ihrer Band bringen Sie sehr viel Musik heraus. Woher kommen die Kraft und Ideen dafür?
Ich glaube, weil es uns viel Spaß macht und weil wir Freunde sind, geht das. Mit diesem Team würde ich auch Bratwürste verkaufen – und es würde trotzdem Spaß machen. Wenn ihr mich fragt: Umgebt euch lieber mit euren Freunden als mit euren Chefs. Menschen brauchen ja keine Chefs, Menschen brauchen Freunde. Es hilft in meinem Berufsalltag, dass sich das gar nicht wie Arbeit anfühlt. Unsere Ideen kommen viel aus unseren Streitigkeiten. Abgesehen davon, wollen und müssen wir von dem, was wir tun, leben.
Gibt es eine Rollenaufteilung?
Ja, es ist meistens so, dass ich alle Ideen habe, Kolja alles scheiße findet und Panik Panzer derjenige ist, der dann alles machen muss.
In den Texten der Antilopen Gang geht es häufig um Widerstand. Wie stehen Sie zu den Coronamaßnahmen?
Es wäre zu kurz gegriffen, wenn man sagt, in unseren Texten geht es immer darum, dagegen zu sein. Es gibt progressive Ideen, da kann man dafür sein, und es gibt regressive Ideen, da kann man dagegen sein. Ich selbst definiere mich immer lieber über eine Negation. Aber ich würde nicht grundsätzlich sagen, dass ich dagegen bin, wenn es Maßnahmen gibt, die Leute davor zu schützen, sich mit Corona zu infizieren oder andere anzustecken. Oder solche Geschehen zumindest so einzudämmen, dass möglichst wenig Leute dabei draufgehen.
Wie sehen Sie die Proteste gegen die Coronamaßnahmen?
Das sind von Rechten und mitunter Neonazis organisierte Demos, und von Leuten, die tatsächlich nicht so ernsthafte politische Forderungen haben. Viele Leute, die da sind, sind Antisemiten, die antisemitischen Verschwörungsmythen anhängen, die seit hunderten von Jahren immer wieder in neuem Gewand daherkommen, aber immer die alte Geschichte von einer Elite erzählen, die die Leute steuern und vergiften will. Mich wundert das nicht in Deutschland. Mit solchen Leuten will ich nichts zu tun haben.
Zurück zur Musik: Auf dem neuen Band-Album fallen Sätze wie: „Ich bin Kommunist/Nehmt die Gewehre zur Hand/ Gelobt sei das Antilopen-Land“. Auf Ihrem Soloalbum geht es um Militanz. Wollen Sie zu Gewalt aufrufen?
Man muss die einzelnen Textstellen in ihrem Kontext angucken. Es gibt da keine Art einheitliche Nachricht, die wir hätten. Zum Zitat aus „Alles von der Kunstfreiheit gedeckt“: „Und wenn du friedlich gegen die Gewalt nicht ankommen kannst, ist das letzte Mittel Militanz“ – das ist im Kontext von Neurechten und meinem ausgeprägten Misstrauen gegenüber staatlicher Verfolgung solcher Gruppen sogar noch viel schlimmer, ich unterstelle den Sicherheitsbehörden, dass sie am Aufbau solcher Strukturen mitbeteiligt sind, was man etwa am NSU oder NSU 2.0 sehen kann. Oder ob das so was wie Nordkreuz ist, wo Listen gemacht werden, um Leute, die anders denken als sie, zu erschießen . . . Was solche Neonazistrukturen betrifft, zeigt meine Erfahrung, dass Sicherheitsbehörden da einen ganz schlechten Job machen und auf Wissen von antifaschistischen Gruppen zurückgreifen müssen. Genauso ist das mit der Selbstverteidigung. In Stuttgart ist das vielleicht nicht so eine starke Lebensrealität, aber in ländlichen Gebieten schon. Wenn du da ein linkes, alternatives Jugendzentrum betreibst, musst du dich selber darum kümmern, das zu verteidigen, wenn das angegriffen wird von Neonazis.
Auch mit physischer Gewalt, Waffengewalt?
Wenn prügelnde Nazis vor dir stehen und das machen, was Nazis machen, nämlich Gewalt ausüben und Politik mit Angst und Schrecken, denke ich nicht, dass du mit ’ner Lichterkette oder Diskussion weit kommst.
Wie sieht das perfekte Antilopen-Land aus?
Ich habe davon kein konkretes Bild. Es gibt ein Lied von uns, welches das ein bisschen beschreibt, das heißt „Chocomel und Vla“. Wie auch immer das da aussieht, es gibt auf jeden Fall sehr viel Schokomilch und sehr viel Vla, also Pudding.
Wie eng sind für Sie das Künstlersein und politischer Aktivismus verbunden?
Wir verstehen uns nicht als politische Gruppe, die eine politische Agenda hat und dafür Musik benutzt. Das fände ich auch doof. Kunst muss überhaupt nichts tun. Wir verstehen uns eher als Rapcrew. Aber wir sind auch politische Menschen und politisch interessiert. Wenn wir rumsitzen und Tee trinken, reden wir meistens über Politik. Aber letztes Jahr hab ich ja hauptsächlich Liebeslieder geschrieben, und auch wir als Band haben ein viel größeres Repertoire als nur politische Lieder.
Zum Beispiel Lieder über die große Lebensfrage wie etwa „Uns und denen“ oder „Lauf davon“. Wie sehr beschäftigt Ihre Band die Frage, was man mit seinem Leben anfangen soll?
Das ist für alle Menschen ein großes Thema. Es ist gut, sich dazu bewusst Gedanken zu machen und immer wieder zu zweifeln, das halte ich für sehr vernünftig. Ich glaube, dass wir da immer wieder auf der Suche nach Antworten sind – und es gibt immer wieder neue.
Auf dem Cover der Band Knochenfabrik „Filmriss“ und dem Lied „Bin ich erstmal blau“ mit der Antilopen Gang geht um Alkoholkonsum und Rausch. Kann man beide als Antialkohol-Lieder sehen?
Ich sehe die gar nicht als Statements gegen Alkohol. Was schon stimmt: die Saufhymne von Knochenfabrik bekommt auf dem Klavier eine Veränderung und Traurigkeit. Das war ein Lied, bei dem ich mit 18, 19 auf den Tisch gesprungen bin und ganz viel Bier getrunken habe. Das passt jetzt nicht mehr so in mein Leben. Ich finde, zu dem Lied passt am besten Crémant oder Rotwein.
Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit Max Herre für den Song über Freundschaft ?
Ich bin seit jeher Freundeskreis-Fan gewesen. Der hat zur selben Zeit wie Knochenfabrik damals in meinem Leben eine sehr wichtige Rolle gespielt. Ich hab’ Max einfach gefragt, und er hat Lust dazu gehabt. Wir haben ganz viel telefoniert und fast nur über Politik gesprochen. Es war eine sehr angenehme und schöne Zusammenarbeit.
Sie wollten früher Clown werden, später haben Sie als Lehrer gearbeitet - verbindet sich beides in dem Beruf als Künstler?
Ich hoffe, mein Beruf jetzt hat mehr von Clown als von Lehrer. Clownesk sind wir bestimmt an ganz vielen Stellen, und wenn Leute sich damit was beibringen wollen, ist es auch okay. Ich empfehle immer andere Literatur und fände es überheblich zu sagen, man könnte von der Antilopen Gang irgendwas lernen. Was fast unangenehmen ist, dass mir ganz viele Lehrer schreiben, weil sie meine Texte im Deutschkurs bearbeiten.
Termine und Album
Musiker
Danger Dan wurde 1983 als Daniel Pongratz in Aachen geboren und lebt in Berlin. Er wurde 2021 unter anderem mit dem Preis für Popkultur in den Kategorien Lieblingslied und Lieblingsalbum („Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt“) geehrt. Sein Solo- Konzert in Stuttgart am 25. Oktober ist ausverkauft, ein Zusatzkonzert ist für den 26. Dezember geplant.
Album
„Geldwäsche Sampler“, Antilopen Gang, VÖ: 24.12.2021. Das Konzert für den 29. Januar in Stuttgart wurde coronabedingt verschoben. Es ist für den 28. November im Wizemann geplant.