Daniel Kehlmann: „Lichtspiel“ Meisterwerk des Bösen

Mit dem Film „Die freudlose Gasse“ verhalf der Regisseur G. W. Pabst der Neuen Sachlichkeit und Greta Garbo (hier mit Einar Hanson) zum Durchbruch. Später drehte er unter dem Hakenkreuz. Foto: imago/United Archives/imago stock&people

Von Hollywood nach Nazi-Deutschland: In seinem neuen Roman erzählt Daniel Kehlmann die Geschichte des Filmregisseurs G. W. Pabst und zeigt, was der Kunst widerfährt in einer Gesellschaft, in der die Niedertracht zur Regel geworden ist.

Kultur: Stefan Kister (kir)

Vielleicht als Vorspann zunächst eine kurze Vergewisserung: Was macht Daniel Kehlmanns Romane zu den Blockbustern, die sie zweifellos sind? Wenn damit – wie sich gleich zeigen wird nicht ohne Grund – die Bildwelt des Films aufgerufen wird, fällt als erstes die Gabe ins Auge, komplexe Dinge zugänglich zu machen: So wie mancher Bildungsballast im Kino seine Schwere verliert, wird im Imaginationsraum dieses Autors die Kehrseite erhabener Prätentionen mit hintergründigem Witz ins Licht gerückt.

 

Kehlmann-Figuren flimmern zwischen Größe und Lächerlichkeit, man könnte in diesem Widerspiel geradezu einen Special-Effekt erkennen, der sich durch sein ganzes Werk zieht. Darin liegt die Möglichkeit entwaffnender Komik, wie in der „Vermessung der Welt“, wo abgehobene Gelehrte auf den Boden allzumenschlicher Tatsachen zurückgeholt werden. Wenn jedoch wie im Fall des Eulenspiegel-Romans „Tyll“ in die Komödie der Eitelkeiten unerträgliche Nahaufnahmen der aus ihr resultierenden Gräuel eines furchtbaren Krieges geschnitten werden, kippt die Freude über menschliche Unzulänglichkeiten in unheimlichen Ernst. Was aber, wenn der Hintergrund kurioser Bedeutsamkeitsverunsicherung ein Zivilisationsbruch bildet, der alles Vorstellbare übersteigt?

Damit Film ab.

Falsche Richtung

In seinem neuen Roman „Lichtspiel“ erzählt Daniel Kehlmann die Geschichte des Regisseurs G. W. Pabst, der neben Ernst Lubitsch, Fritz Lang und Friedrich Wilhelm Murnau das Kino der Weimarer Republik geprägt hat. Sein Stummfilm „Die freudlose Gasse“ sprengt mit sozialem Zündstoff der Neuen Sachlichkeit eine Bresche und bahnt einer noch unbekannten jungen schwedischen Schauspielerin den Weg zu späterer Göttlichkeit. Er verfilmt Brechts „Dreigroschenoper“, erregt mit der Adaption von Wedekinds „Lulu“ Skandale, bekommt bald den Beinamen der „rote Pabst“ und landet folgerichtig, als es in Deutschland finsterer wird, dort, wo man ihm im Roman zum ersten Mal begegnet: in Hollywood und einer typischen Kehlmann-Szene.

Der Regisseur versucht zwei Produzenten ein Filmprojekt über das Zerbrechen einer Zivilisation nahe zu bringen, aber irgendwie klappt die Verständigung nicht, sprachlich und auch sonst. Aus dem Drehbuch, das man ihm stattdessen aufdrängt, wird ein Flop. Auch Greta Garbo kann nichts für ihren früheren Entdecker tun, und so kommt es, dass er, während aus Europa mit Migranten überfüllte Schiffe nach Amerika aufbrechen, in einem leeren mit Frau und Kind in Gegenrichtung zurückreist.

Propaganda oder Lager

Eine Verkettung unglücklicher Umstände macht ihn zur Geisel des Nazi-Regimes, das für die internationale Öffentlichkeit nach einem Filmkunst-Aushängeschild sucht. Die Alternative heißt Lager. Wie manch andere flüchtet der aus der Spur geratene Migrant ins Innere, dreht Filme über deutsche Heroen, die den Propagandaauftrag mit Kunstwollen zu unterlaufen suchen. Unterdessen wird sein Sohn von der Hitlerjugend umgekrempelt, und seine Frau verzweifelt. „All das geht vorbei, aber die Kunst bleibt“, redet er sich ein: Standen nicht auch die Meister der Renaissance im Dienst von Giftmördern wie den Borgia, „was ist mit Shakespeare, der sich mit Elisabeth arrangieren musste?“

Pabst ist in dem Roman keine komische, sondern eine tragisch verstrickte Gestalt. Charakteristisch besetzt Kehlmann die Positionen um: Aus der Kluft zwischen Anspruch und realer Erscheinung wird der Abgrund von schwindender individueller Handlungsvollmacht und der zur Norm gewordenen Niedertracht. Diese verkörpert sich in dem zum Leiter einer NSDAP-Ortsgruppe aufgestiegenen Hausmeister Jerzabek, der im Anwesen des Regisseurs die Herrschaft übernommen hat.

Zynischer Tiefpunkt

Kehlmann zeigt den Terror nie in der Totalen, sondern im Detail alltäglicher Verrohung. Sie nistet in harmlos unheimlichen Kinderspielen, in den lauernden Fragen im Zug reisender Denunzianten oder im eiskalten Ehrgeiz der „Triumph-des-Willens“-Filmerin Leni Riefenstahl, die ihre nackten Speerwerfer für die Diktatur in Stellung bringt. Und natürlich ist der Autor hier ganz in seinem Element, die Banalität in die Lächerlichkeit des Bösen zu überführen, was dessen Schrecken nur umso aufsässiger macht.

Selbstbetrug und Meisterschaft türmen sich in dem verschollenem Vermächtnis „Der Fall Morland“ zu unerträglichem Schuldgewicht auf. Dieses chef-d’œuvre inconnu, das in den Wirren der letzten Kriegstage verlorenging, bildet das schwarze Zentrum. Aus einer erbärmlichen Nazi-Schmonzette formt der Regisseur das Porträt einer zerrütteten Gesellschaft, ein filmisches Bekenntnis des hilflosen und vergeblichen Strebens nach Schönheit. Doch um es ins Bild zu setzen, lässt Pabst KZ-Häftlinge als Statisten herbeikarren, Todgeweihte, Misshandelte, Ausgehungerte, in schlackernde Abendgarderobe gesteckt. Der ästhetische Höhepunkt im Filmschaffen des Regisseurs markiert zugleich dessen zynischen Tiefpunkt.

Jede Einstellung muss mit der nachfolgenden verbunden sein. Nach diesem Credo des Filmkünstlers ordnet Kehlmann seine scharf geschnittenen Szenen. Das Ergebnis ist ein atemraubender Erzählfluss, der in allen perspektivischen Facetten schillert. Und wer könnte sagen, wo in diesem Leben ein Abzweig verpasst worden ist, wo genau der biografische Anschlussfehler liegt? Alles mündet in die Lethe der Demenz von Pabsts früherem Kameramann – der hält sich nach dem Krieg mit Peter-Alexander-Filmen über Wasser, die das Wirtschaftswunderland durch das heitere Vergessen tragen.

Immer wieder ist zu hören, das Kino habe seine große Zeit hinter sich. In diesem Roman, der Film- und Unheilsgeschichte kunstvoll ineinander schneidet, lebt es als kollektives Leseereignis auf. In Zeiten, in denen viel überwunden Geglaubtes wieder in Bewegung gerät, kann man Daniel Kehlmann gar nicht Publikum genug wünschen.

Daniel Kehlmann: Lichtspiel. Rowohlt, Hamburg. 480 Seiten, 26 Euro.

„Lichtspiel“ beim Literarischen Quartett: Freitag, 13. Oktober, 23.30 Uhr im ZDF.

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