Daniel Martinez beim Giro d’Italia Ein Bora-Mann und die Pollen könnten Radsport-Star Pogacar stoppen

Tadej Pogacar (links) war bisher nicht zu schlagen – Bora-Kapitän Daniel Martinez will aber am Slowenen dran bleiben. Foto: imago/Stefano Costantino

Tadej Pogacar überstrahlt den bisherigen Giro d’Italia. Aber hinter dem Radsport-Star fährt Bora-Kapitän Daniel Martinez eine fast perfekte Rundfahrt. Kann er den Slowenen schlagen?

Tadej Pogacar nimmt es derzeit mit vielen Rivalen auf. Dem kompletten Peloton des Giro d’Italia entwischt er immer wieder. Drei Etappensiege holte der Radstar sich bereits in den ersten neun Tagen der Italien-Rundfahrt. Die rote Nase, die der Slowene nach seinem Ausflug ins Massensprintfach in Neapel hatte, deutet allerdings auf allergische Reaktionen wegen Pollen hin – diesem Gegner kann der übermächtige Slowene nicht einfach davonfahren. Das könnte den Rennverlauf massiv beeinflussen und Männer, die bisher im Schatten des Dominators standen, ins Rampenlicht führen.

 

Bester dieser Schattenmänner war in der ersten Giro-Woche der Kolumbianer Daniel Martinez. Der Kapitän vom deutschen Bora-hansgrohe-Team hielt bereits auf der zweiten Etappe dagegen, als Pogacar zum ersten von insgesamt drei Tagessiegen stürmte und das Rosa Trikot eroberte. Martinez gewann hier den Spurt der Schattenmänner um Platz zwei. Er war auch beim Zeitfahren am Freitag der Klassementfahrer, der am wenigsten Zeit auf den Tagessieger und Gesamtführenden Pogacar verlor. Und bei der letzten Bergankunft am Samstag in Prati di Tivo schnupperte er sogar kurze Zeit selbst am Etappensieg. „Ich dachte, das würde mein Tag heute werden. Aber dann war Pogacar doch stärker als ich“, meinte Martinez. Erneut wurde er Zweiter hinter Pogacar. Immerhin setzte er sich vom Gesamtdritten, dem früheren Tourde-France-Sieger Geraint Thomas (Ineos), ein wenig ab.

Pogacar zeigt Respekt

Für Martinez spricht auch, dass Pogacar ihn als Rivalen ernst nimmt. „Er hat in dieser Saison schon einige gute Resultate eingefahren. Wir wissen auch, dass er gut im Bergsprint ist. Wir konnten ihm nicht das Terrain überlassen“, erklärte der Slowene, warum er sein Team im Finale am Samstag ganz besonders zur Tempoarbeit motiviert hatte.

Im Schatten Pogacars legte Martinez einen bisher fast fehlerfreien Giro hin. Er überstand dabei auch kritische Momente: Auf der zweiten Etappe verhinderte zunächst ein Defekt, dass er unmittelbar dem Angriff Pogacars folgen konnte. Er kämpfte sich dann in die Verfolgergruppe zurück. Und dank der Hilfe des später wegen einer Krankheit ausgeschiedenen Florian Lipowitz konnte er den Rückstand auf Pogacar begrenzen und sich selbst als Bester des Rests in Szene setzen. Und der Bora-Kapitän bewies auch bereits, dass er Nehmerqualitäten hat: Auf der sechsten Etappe stürzte er und kam trotzdem noch in den Top Ten des Tages ins Ziel.

Ein Kind von der Straße

Jene Nehmerqualitäten bildete Martinez bereits in der Kindheit und Jugend aus. Kolumbianische Medien weisen gern auf seine einfache Herkunft hin. Die Eltern verdienten ihr Geld als Straßenhändler. Er selbst steuerte seinen Anteil zum Schulgeld bei, indem er in den Pausen Süßigkeiten in der Schule verkaufte. Bildung erwerben, für diese Chancen aber auch schon arbeiten und außerdem an einer Radsportkarriere werkeln, die den Weg aus der Armut verspricht – das war früh der Lebensdreiklang des Daniel Martinez. Dabei hat er es weit gebracht. Ein Etappensieg bei der Tour de France sowie der Gesamtsieg der renommierten Dauphiné-Rundfahrt stehen bereits zu Buche. Vierfacher Landesmeister im Zeitfahren ist er ebenfalls. „Wegen der vielen Zeitfahrkilometer haben wir ihn als Kapitän zu diesem Giro mitgenommen“, sagte Boras Sportlicher Leiter Enrico Gasparotto unserer Redaktion. Und weil man beim Raublinger Rennstall weiß, wie man auch gegen überlegene Konkurrenz einen Giro d’Italia gewinnen kann – 2022 gelang das mit Jai Hindley unter anderem gegen die früheren Giro-Sieger Richard Carapaz und Vincenzo Nibali – ist noch nicht gesagt, dass die nächsten zwei Wochen zum Schaufahren für Tadej Pogacar werden.

Eine wichtige Rolle kommt auch der Widerstandsfähigkeit des Körpers gegen Umweltbedingungen zu. Der Giro d’Italia ist von allen drei großen Rundfahrten die, die am häufigsten von Herausforderungen an den Organismus geprägt ist. Mal ist es heiß, mal sibirisch kalt. Dann wieder machen Regen und Hagel den Asphalt zur Schlitterfläche. Und der Mai beschert regelmäßig Pollenflug. Pogacars Nase sah da sprichwörtlich rot – der Mann im Rosa Trikot moderierte das Problem aber schnell wieder ab. Viele im Peloton würden wegen der Pollen schniefen. Und ihm gehe es auch schon wieder besser, meinte er.

Noch stehen schwere Etappen an

Dennoch: In den Pollen steckt derzeit das größte Hoffnungspotenzial seiner Konkurrenten. Geht Pogacars Nase zu, ziehen die Lungen weniger Luft. Die Beinmuskeln können dann weniger gut arbeiten. Ersten Aufschluss wird die durch zahlreiche Hügel gespickte Etappe von Pompei nach Cusano Mutri an diesem Dienstag bringen. Die nächsten größeren Herausforderungen folgen dann erst am Wochenende. Am Samstag steht das Zeitfahren am Gardasee an – die Paradedisziplin von Bora-Kapitän Martinez.

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