Ausschreitungen in Stuttgart So haben Stuttgarts Polizisten die brutalen Krawalle erlebt

Jana Wagner wurde von einem Stein getroffen. Foto: StZ/Bilger

Polizeibeamte berichten davon, wie sie die brutalen Ausschreitungen in der Stuttgarter Innenstadt erlebt haben.

Lokales: Christine Bilger (ceb)

Stuttgart - Mitten im Lauf kommt der Schlag gegen den Hinterkopf. Jana Wagner ist mit ihren Kolleginnen und Kollegen im Laufschritt unterwegs, vom Schlossplatz zum Eckensee, wo in der Nacht zum Sonntag Randalierer gegen die Polizei losschlagen. Und erlebt im Alter von 25 Jahren im vierten Dienstjahr bei der Einsatzhundertschaft, zweiter Zug, etwas mit, was Beamte mit fast der zehnfachen Anzahl an Berufsjahren auf dem Buckel so noch nicht gesehen haben.

 

Am Sonntag hat sie sich erholt, am Montag erhält sie – stellvertretend für alle anderen Beamtinnen und Beamten, die beworfen, getreten und beschimpft wurden – einen Blumenstrauß aus den Händen der Landespolizeipräsidentin Stefanie Hinz, am Rande des Besuchs des Bundesinnenministers Horst Seehofer (CSU).

„Die Kopfschmerzen sind im Lauf des Tages gestern vergangen, am Anfang war mir noch leicht schwindelig“, sagt sie. Einen Arzt hat sie nicht aufsuchen müssen. Das meiste habe der Helm abgefangen. „Das ist ja der Hauptgrund, warum wir zum Glück nur leichtverletzte Leute haben: Die sind gut geschützt. So einen Stein an den Kopf zu kriegen, das wäre mindestens eine schlimme Platzwunde“, ergänzt der Pressesprecher Stefan Keilbach die Erzählung seiner Kollegin.

Die Schmerzen kommen erst später

Im Moment, wenn der Stein auftrifft, könne man weder sagen, ob das ein gezielter Wurf war, noch, von wo er gekommen sei. Sie habe gesehen, wie sich Randalierer mit Steinen versorgt hätten. Aber wer nun geworfen habe, das sei unklar. Sie sei einfach weitergelaufen, rein ins Geschehen. „Die Schmerzen kamen auch erst später“, erinnert sich die Beamtin. „Auch manche blaue Flecken kommen erst am Tag danach zum Vorschein, dann sieht man erst, wo man überall was abbekommen hat“, sagt ihr Kollege Kai Conzelmann.

„Wir reden darüber, auch die Männer“, sagt Jana Wagner. Gleich am Morgen nach dem Einsatz habe sich ihr Zug noch zusammengesetzt, und man habe sich ausgetauscht, wie man die Nacht erlebt hat. „Das hilft. Da kriege ich keinen bleibenden Schaden davon“, sagt die junge Beamtin.

Das hofft auch der Einsatzleiter jener Nacht, der Erste Polizeihauptkommissar Stephan Zantis vom ersten Revier. „Ich war auch dabei, im kurzen Hemd mit Mütze, nur eine Schutzweste hab ich mir noch geschnappt“, erzählt er. Beim Aussteigen am Neuen Schloss habe er schon gesehen, dass die Steine kreuz und quer fliegen. „Da schicke ich jetzt blutjunge Leute rein“, das gehe ihm in solchen Momenten durch den Kopf. „Gewalt sind wir ja prinzipiell gewöhnt, aber auf diese Extremsituation ist man natürlich nicht gefasst.“

Jana Wagner ist nicht die einzige Polizistin, die mit Blumen dasteht. Auf der Königstraße bekommen an diesem Montag hundert Beamte, bis hinauf zum Polizeipräsidenten Franz Lutz, je eine Blume in die Hand. Die anderen Blumen kommen von Mery Genc. Die 36-jährige Stuttgarterin möchte sich bedanken für den Einsatz der Polizei. Sie weiß, dass nun Menschen mit Migrationshintergrund in den Fokus rücken – denn viele der Randalierer und Gewalttäter am Wochenende haben Wurzeln im Ausland. „Gewalt ist nie eine Lösung“, sagt sie an die Adresse dieser Störer. Die Polizisten freuen sich über die kleine Geste.

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