Daria Schroth aus Pforzheim ist zum ersten Mal vor zwei Jahren in Marokko mit dem muslimischen Fasten in Berührung gekommen. Foto: Privat
Eigentlich wollte Daria Schroth nur reisen. Dann landete sie mitten im Ramadan in Marokko und entschied spontan, mitzufasten. Wie diese Erfahrung ihr Leben zwei Jahre später noch prägt.
Als Daria Schroth aus Pforzheim vor zwei Jahren nach Marokko reiste, ahnte sie noch nicht, dass sie bald Teil eines Rituals sein würde, das für Millionen von Muslimen weltweit zum Alltag gehört. Eigentlich hatte sie nur ein Zimmer in einem kleinen Gästehaus gebucht. Kein Hotel, sondern ein Familienhaus, in dem die Gäste mit der Familie zusammenleben. Erst kurz vor dem Flug merkt sie: Ihre Reise fällt genau in den Ramadan.
„Für mich war sofort klar: Wenn ich in einem Land bin, in dem diese Zeit so wichtig ist, dann will ich mich auch damit auseinandersetzen“, erinnert sich die heute 28-Jährige. Schroth, Leiterin des Kunstvereins in Pforzheim, entscheidet spontan: „Ich faste mit“.
Mit ihrer marokkanischen Gastmutter bricht Daria Schroth nicht nur ihr Fasten, sondern besucht auch die Moschee. Foto: Privat
In dem Gästehaus, in dem sie damals unterkommt, lebt sie mit einer marokkanischen Familie zusammen. Die Mutter kocht jeden Abend für alle Gäste. Wenn die Sonne untergeht, sitzen plötzlich viele Menschen im kleinen Wohnzimmer: Familienmitglieder, Nachbarn und Reisende.
Fasten als verbindendes Element zwischen Menschen beim Ramadan
„Es war sofort eine Verbindung da“, sagt Schroth. „Dann sitzt man zusammen und isst gemeinsam die erste Dattel – das war ein ganz besonderer Moment.“
Die Begegnungen gehen schnell über das Essen hinaus. Schroth begleitet die Mutter der Familie zur Moschee. Da das Gebäude gerade renoviert wird, findet das Gebet draußen statt – zwischen Bauzäunen, auf Teppichen, mitten im Viertel.
„Es sah eigentlich aus wie eine Baustelle, aber überall lagen Teppiche und Menschen kamen zusammen“, erzählt sie. „Ich habe mit den Kindern gespielt und es war einfach unglaublich besonders.“
Moschee im Umbau: Gebete zwischen Bauzäunen und auf Teppichen
In wenigen Tagen bilden sich schon Rituale: Abends ging sie zum Tarawih-Gebet (ein spezielles Gebet im Ramadan), tagsüber fastete sie.
„Wenn ich Menschen getroffen habe und gesagt habe: Ramadan Mubarak, ich faste auch, war sofort eine Nähe da“, sagt sie. „Plötzlich war egal, woher man kam oder welche Sprache man sprach.“
Eine Begegnung bleibt ihr besonders in Erinnerung: In der Moschee lernte sie mehrere Mädchen kennen. „Ich brachte ihnen Englisch bei, sie mir Französisch“, so Schroth. Zwei Jahre später schreiben sie sich noch immer Nachrichten.
Marokko im Ramadan: Neue Bekanntschaften, die über Jahre hinweg bestehen
Seit etwas mehr als einer Woche ist Schroth wieder in Marokko. Eines der Mädchen hat sie eingeladen, zum Iftar (dem abendlichen Fastenbrechen) zu kommen und bei der Familie zu übernachten. „Das berührt mich total“, sagt sie. „Obwohl wir uns kaum kennen, fühlt sich diese Verbindung noch immer stark an.“
Schroth ist selbst nicht muslimisch. Sie ist, wie sie sagt, „deutsch und eher christlich sozialisiert“ und wurde auch konfirmiert. In ihrer Familie spielte Religion im Alltag allerdings keine allzu große Rolle.
Vor ihrer Reise wusste sie deshalb nur wenig über das islamische Fasten. „Ehrlich gesagt hatte ich vorher einfach überhaupt keine Ahnung davon“, sagt sie.
Ramadan: Vom Zufall zur neuen Erfahrung
Heute sieht sie im Ramadan vor allem eine gemeinsame Erfahrung. „Für mich ist der Ramadan ein kollektiver Prozess“, erklärt sie und fügt hinzu: „Man merkt, dass gerade unglaublich viele Menschen gleichzeitig in dieser Zeit sind – und das schafft eine besondere Verbindung.“
Aktuell ist Daria Schroth wieder in Marokko. Foto: privat
Auch in Deutschland fastet sie inzwischen gelegentlich mit. Ein Grund ist ihr persönliches Umfeld: Die Schwägerin ihres Partners ist Muslimin und deren Kinder sind für die 28-Jährige „wie meine Nichten und Neffen“. „Da entsteht automatisch ein Bezug.“
Der Alltag während des Fastens fühlt sich für Daria Schroth anders an. „Alles wird klarer und entschleunigter“, sagt sie und fügt hinzu: „Man muss sich nicht ständig überlegen: Was esse ich jetzt? Wann koche ich?“
Wie das Fasten den Alltag verändert
Herausfordernd ist allenfalls das Nicht-Trinken an langen Tagen. „Wenn ich zu schnell unterwegs bin und zu viel mache, merke ich manchmal Schwindel“, erzählt sie. „Das ist dann ein Zeichen, dass ich wieder einen Gang runterschalten sollte.“
Der Moment des Fastenbrechens am Abend ist für sie der emotionalste. „Dieses erste Glas Wasser ist in dem Moment alles“, sagt sie. „Man spürt plötzlich so viel Dankbarkeit.“
Was sie allerdings eher kritisch sieht, ist, wenn das Fasten nur als Herausforderung betrachtet wird, wie es derzeit auf Social Media ein Trend ist.
„Wenn jemand sagt: ‚Ich probiere das mal als Challenge‘, finde ich das schwierig“, sagt Schroth. „Aber wenn man es macht, um zu verstehen, was es emotional und körperlich bedeutet, kann das helfen, mehr Verständnis füreinander zu entwickeln.“
Ein Zeichen für Zusammenhalt in Pforzheim
Gerade in einer von Migration geprägten Stadt wie Pforzheim sieht sie darin eine Chance. Kürzlich wurde dort erstmals ein öffentlich organisiertes Iftar (Fastenbrechen) von der Stadt veranstaltet. „Das war ein schönes Zeichen“, sagt sie. „Für viele aus der muslimischen Community ist dieser Monat sehr wichtig“. Es tue gut, wenn die Muslime mit dieser Veranstaltung auch gesehen würden.
Am Ende geht es ihr vor allem um Offenheit. „Man sollte nichts verurteilen, womit man gar keine Berührungspunkte hat“, sagt sie und fügt hinzu: „Oft reicht es schon, neugierig zu sein und zu fragen.“