Körtgen und seine Kumpels beobachten vom Hatzenbach aus, wie die Rennwagen von der Grand-Prix-Piste in die Nordschleife einbiegen. In der Nacht leuchten das Fahrerlager und das kunterbunte Riesenrad und vereinigen sich zu einer traumhaften Kulisse. Die Zuschauer erkennen im Dunkeln die vorbeirasenden Autos nicht, aber sie stehen gebannt am Zaun. Motorenlärm und Bier – für die Fans in der Eifel eine unschlagbare Kombination.
Der Klassiker ist die größte Sportveranstaltung Deutschlands
Allerdings: Man muss es mögen. Während sich Fußballfans nach dem Stadionbesuch am Samstagabend im „Aktuellen Sportstudio“ auf dem Sofa noch mal die Tore angucken, legen die Motorsport-Enthusiasten am Nürburgring bei Dunkelheit und Nieselregen die Steaks auf den Grill. Die Nacht ist noch jung – und das berühmt-berüchtigte 24-Stunden-Rennen auf der Nordschleife erst am Sonntagnachmittag zu Ende. Es geht in der allgemeinen Fußball-Euphorie ein wenig unter, aber seit 46 Jahren ist der Tag-und-Nacht-Klassiker in der Eifel die größte Sportveranstaltung Deutschlands – mit 200 000 Zuschauern. Die meisten von ihnen campen sich durch die Marathonveranstaltung – ohne Dusche, dafür aber mit Grillwurst und Bier bei lautstarkem Beisammensein. Schließlich muss jeder die 24 Stunden durchhalten. Auch die etwa 150 Rennwagen, die am Samstag um 15.30 Uhr starten und am Sonntag erkennbar mitgenommen ins Ziel röhren. Vor dem Start kontrolliert ein Mercedes-Mechaniker noch hektisch die Elektronikstecker im Motorraum, schließlich können winzige Details das Rennen vorzeitig beenden. „Unser Mechaniker hat schon Stunden vor dem Rennen einen Puls von 150“, sagt Martin Klosseck vom Reutlinger Rennstall Four Motors, der zwei Porsche-Rennwagen in den 24-Stunden-Wahnsinn schickt und eines der kleineren Privatteams ist. Vorne, um die Siege in der höchsten Fahrzeugkategorie, messen sich dagegen die großen Hersteller Porsche, Audi und Mercedes mit werksunterstützten Rennställen. Sie überlassen nichts dem Zufall.
Regenreifen? Das entscheidet über Sieg oder Niederlage
Alle nehmen die 24 Stunden auf der Nordschleife ernst: Es geht um die Ehre, ums Prestige. Ein Sieg in der Eifel wird in Fachkreisen genauso hoch bewertet wie einer bei den legendären 24 Stunden von Le Mans – vielleicht sogar höher, weil die Nordschleife die spektakulärste Piste der Welt ist. Und die gefährlichste. Da in der rauen Eifel das Wetter im Stundentakt kippen kann, entscheidet die Frage, ob Regenreifen aufgezogen werden sollen, über Sieg und Niederlage. Audi hat zahlreiche Beobachter rund um die Rennstrecke postiert, die jedes aufziehende Wölkchen melden. Zusätzliche Wetterstationen im Umkreis von 30 Kilometern geben Hinweise über die Großwetterlage über der Eifel.
Ein Formel-1-Rennen ist nach fast zwei Stunden zu Ende – für die ausdauernden Rennfreaks am Nürburgring gehören derlei Sprints in die Kategorie Kirmesboxen. Echtes Racing geht durch die Nacht, bewegt Mensch und Maschine im Grenzbereich – auch die Fans, die Tausende Zelte aufgebaut haben rund um den Ring. Im Zelt des Reutlinger Teams Four Motors sitzt am Samstagabend um 21 Uhr derweil der Hip-Hop-Star Smudo und verdrückt hastig ein paar Maultaschen. Der Sänger der Fantastischen Vier ist nebenberuflich Rennfahrer und macht seine Sache sehr gut. „Würde Smudo mehr Zeit ins Rennfahren investieren, wäre er verdammt schnell, er hat das richtige Gefühl für den Job“, sagt sein Teamkollege Daniel Schellhaas. Zum Beweis hämmert der Fanta-Vier-Mann dann auch eine beachtlich schnelle Rundenzeit in den Asphalt.
Smudo von den Fanta Vier ist mit am Steuer
Smudo fährt bereits seit 18 Jahren bei Four Motors mit. Tom von Löwis, ein ehemaliger DTM-Pilot, ist der umtriebige Teamchef der charmanten Reutlinger Truppe. Smudo im Boot zu haben ist wie ein Sechser im Lotto. Die großen Rennställe haben einigermaßen namhafte Tourenwagen-Piloten in ihren Reihen, doch die öffentliche Aufmerksamkeit ist enorm, wenn ein Star des Showgeschäfts die Mannschaft ziert. Also gibt Smudo am Nürburgring Autogramme, schüttelt Hände, lässt sich mit den Fans fotografieren und legt auf der Start-Ziel-Geraden als DJ am Mischpult Platten auf. Doch am Samstagabend ist er selbst platt.
Vier Piloten wechseln sich bei den 24 Stunden am Nürburgring in einem Fahrzeug ab. Jeder muss etwa zwei Stunden über die Nordschleife brettern, dann kommt der Nächste dran. Um 20.30 Uhr am Samstagabend wird Smudo von Tom von Löwis abgelöst, der nicht nur Teamchef ist, sondern im Alter von 70 Jahren auch mitfährt. In der Nacht muss der Sänger dann wieder ran. „Im Dunkeln findet man mit der Zeit schon seinen Rhythmus, aber ich reiße mich nicht darum“, sagt Smudo, den die Lichtreflexe ein bisschen irritieren. Aufkommender Regen macht die Angelegenheit dann tatsächlich zum Hochrisiko.
„Erst mal zwei Tage schlafen“
Die Probleme von Smudo hat Axel Schulz nicht. Der ehemalige Profiboxer ist Gast eines Teams vor Ort. In dieser Funktion legt er für die Zuschauer ein paar Würstchen auf den Grill. Nach seinem überschaubaren Tagwerk zündet sich Schulz auf einer Terrasse eine dicke Zigarre an, während die Autos in fünfzig Meter Entfernung an ihm vorbeirauschen. „Ich bin bei uns zu Hause eher das Mädchen – wenn im Auto jemand richtig Gas gibt, dann meine Frau“, sagt der Ex-Boxer und verneint damit die Frage, ob er es sich vorstellen könnte, mal im Rennwagen zu sitzen. Smudo ist ja nicht der einzige „Fremdgänger“. Auch der Skispringer Sven Hannawald, der Bobpilot Christoph Langen oder der US-Schauspieler Patrick Dempsey sind dem automobilen Geschwindigkeitsrausch verfallen.
Vor allem für die Promis ist Ankommen alles. Noch dreieinhalb Stunden sind am Sonntag zu fahren, die Tortur wäre fast überstanden – doch dann kommt es, wie halt so kommt in der Eifel: Wegen Nebels zücken die Rennkommissare am Mittag die rote Flagge. Das Rennen wird für mehr als zwei Stunden unterbrochen. Am Ende siegt ein Porsche GT3 vor zwei Autos aus dem Hause Mercedes, und die Smudo-Mannschaft freut sich über den ausgezeichneten 27. Gesamtrang. „Der Wahnsinn – was reißen wir als Nächstes?“, jubelt Smudo. Tom von Löwis bremst die Euphorie: „Am besten erst mal zwei Tage schlafen.“