Das 4:1 der Stuttgarter Kickers beim FC Bayern 1991 „Die Kickers haben uns vorgeführt“

Rainer Zobel bejubelt den denkwürdigen Sieg der Stuttgarter Kickers beim FC Bayern München am 5. Oktober 1991. Foto: Baumann/Pressefoto Baumann

Vor 30 Jahren gewinnen die Stuttgarter Kickers ein Bundesligaspiel beim FC Bayern mit 4:1. Inzwischen trennen die Clubs Welten und vier Spielklassen. Ex-Bayern-Profi Markus Babbel und der damalige Kickers-Trainer Rainer Zobel erinnern sich.

Sport: Jürgen Frey (jüf)

Stuttgart - Am 5. Oktober 1991 gewannen die Stuttgarter Kickers in der Fußball-Bundesliga mit 4:1 beim FC Bayern München. Markus Babbel war damals als Jungprofi für die Bayern am Ball, Rainer Zobel trainierte die Blauen. Im Doppelinterview blicken beide auf dieses denkwürdige Spiel zurück und schauen auf die Zukunft der Kickers.

 

Meine Herren, welche Erinnerungen haben Sie an den 5. Oktober 1991?

Zobel: Fang du bitte an, Markus.

Babbel: Ich glaube, irgendwie habe ich das Spiel verdrängt. Ich kann mich fast nur noch an das Ergebnis erinnern – 1:4. Und dass ich gemeinsam mit Oliver Kreuzer beim Stand von 1:3 eingewechselt worden bin.

Zwei Abwehrspieler für eine Aufholjagd?

Babbel: Es ging offenbar nur noch um Schadensbegrenzung. Das zeigt, dass unsere Mannschaft damals überhaupt nicht funktioniert hat. Ich fühlte mich als Jungprofi wie das fünfte Rad am Wagen.

Zobel: Und ich fühlte mich vor allem nach dem Spiel überfordert. Unser damaliger Präsident Axel Dünnwald-Metzler hatte auf dem Oktoberfest eine Wiesn-Box reserviert. Die Bayern-Fans grölten „Heynckes raus“, feierten uns. Und ich musste im Bierzelt hoch und die Musikgruppe dirigieren.

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Während beim FC Bayern der Krisenstab tagte. Drei Tage später war Jupp Heynckes tatsächlich entlassen, es kam Sören Lerby, später dann Erich Ribbeck.

Zobel: Das tat mir richtig leid. Ich kannte Jupp schon lange, ich spielte als junger Kerl mit ihm zusammen bei Hannover 96, wo er mein größter Förderer war. Aber so traurig und verzweifelt wie nach diesem Spiel gegen uns habe ich ihn selten erlebt.

Babbel: Es war der Wurm drin. Nicht nur, dass uns die Kickers vorgeführt haben, wir flogen auch im DFB-Pokal daheim gegen den FC 08 Homburg raus, wir verabschiedeten uns im Uefa-Cup gegen den dänischen Club Boldklubben 1903. Wir kamen in der Bundesliga sogar in Abstiegsgefahr. Am Ende retteten wir uns auf Platz zehn, auch weil wir das Rückspiel bei den Kickers mit 4:2 gewonnen haben.

Zobel: Und wir sind als Viertletzter in der 20 Clubs starken Liga mit einem Punkt Rückstand auf Wattenscheid 09 abgestiegen, nur fünf Zähler hinter dem FC Bayern. Dabei hattet ihr doch gute Einzelspieler wie Hansi Pflügler, Stefan Effenberg, Christian Ziege, Manfred Schwabl, Manfred Bender, Bruno Labbadia, Roland Wohlfarth, Michael Sternkopf.

Babbel: Aber die Hierarchie stimmte nicht. Es fehlte ein Anführer wie Klaus Augenthaler. Der war vor der Saison gegangen – genauso wie Jürgen Kohler und Stefan Reuter. Dafür kam Thomas Berthold vom AS Rom, ich rückte zusammen mit Christian Nerlinger und Max Eberl aus der Jugend hoch. Es ging turbulent zu. Uli Hoeneß verhängte für uns Spieler eine Ausgangssperre ab 23 Uhr und setzte sogar Privatdetektive ein. Es war eine verheerende Saison, ein Desaster, der Tiefpunkt für den Club.

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Der aber die Wende brachte.

Zobel: Wenn ich mich recht erinnere, holte der damalige Präsident Fritz Scherer in dieser Saison Franz Beckenbauer und Karlheinz Rummenigge als Funktionäre in den Club zurück. Eine ganz entscheidende Weichenstellung für die weitere Entwicklung der Bayern.

Babbel: Absolut. In anderen Vereinen glauben Leute aus der Führungsetage, die aus der Wirtschaft kommen, dir den Fußball erklären zu müssen. Für mich ist das eine Unverschämtheit.

Kommen wir zu den Kickers, eigentlich ging es seit diesem legendären 4:1 im Olympiastadion nur noch abwärts. Wie sehr leiden Sie mit, Herr Zobel?

Zobel: Natürlich leide ich noch mit. Aber man muss schon sagen, dass es uns damals überraschend in die Bundesliga gespült hatte. Unsere Elf war sehr jung, bis auf Ralf Vollmer, Wolfgang Wolf und Andreas Keim. Der Absturz begann meiner Meinung nach mit dem Tod von Axel Dünnwald-Metzler, es fand sich danach kein Präsident mehr mit diesen Führungsqualitäten.

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Babbel: Ich denke auch, dass mit diesem Präsidenten die Seele des Vereins ging, er hat die Kickers geliebt, gelebt, sie waren sein Baby. Nach seinem Tod kam ein Bruch. Aber dennoch ist es für mich nach wie vor faszinierend, wie viele Anhänger dieser sympathische Club in der fünften Liga hat.

Zobel: Über 2000 Zuschauer im Stadion – das ist schon mehr als beachtlich. Ich spiele mit meinem Lüneburger SK gerade mal vor 300 bis 600 Zuschauern – und das eine Klasse höher in der Regionalliga. Keine Frage, die Kickers sind schon ein ganz besonderer Verein. Nur ein Beispiel: Als wir begannen, große Erfolge zu feiern, kam ein Fan aus dem Blauen Adel zu mir und sagte, dass es gar nicht mehr gemütlich sei, weil so viele Zuschauer kommen. Sie machen da einen Fehler, Herr Zobel, bekam ich zu hören. Ich antwortete, ich weiß, ich bin im einzigen Hockeyverein, der auch Fußball spielt (lacht).

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Kommen die Kickers noch einmal hoch?

Babbel: Es wird immer schwieriger, auch mit dieser Tradition im Rücken. Du brauchst einen großen Sponsor, der auch die nötige Geduld mitbringt.

Zobel: Die Zeiten in der Pandemie sind schwierig, nicht allen Firmen geht es gut. Bei uns in Lüneburg verdienen die Spieler 450 Euro. Unser Etat beläuft sich auf 200 000 Euro. Nicht im Monat, im Jahr. Wir bedienen uns bei Werder Bremen, dem HSV mit deren U-19-Spielern, die es dort nicht ins Profiteam schaffen. Ich denke, es geht nur über junge, talentierte Spieler aus dem eigenen Nachwuchs oder der näheren Umgebung. Das muss meiner Meinung nach der Weg der Kickers sein.

Was muss passieren, damit es noch einmal zum Duell FC Bayern – Stuttgarter Kickers kommt?

Babbel: Das wird es nicht mehr geben, vielleicht in einem Freundschaftsspiel, Uli Hoeneß hatte immer ein Herz für die Kleinen.

Zobel: Moment, Moment – dieses reizvolle Duell könnte doch auch im DFB-Pokal steigen.

Babbel: Da hast du vollkommen recht, im WFV-Pokal sind die Blauen ja noch vertreten und können sich über diesen Wettbewerb für den DFB-Pokal qualifizieren.

Zobel: Mit viel Losglück geht’s dann gegen die Bayern. Und wir kommen ins Stadion.

Babbel: Ganz sicher.

Info

Schema

FC Bayern München: Hillringhaus – Berthold, Pflügler, Grahammer – Schwabl, Effenberg, Sternkopf (80. Kreuzer), Ziege, Bender (80. Babbel) – Labbadia, Wohlfarth.

Trainer: Jupp Heynckes.

Stuttgarter Kickers: Reitmaier – Ritter, Keim, Novodomsky – Wörsdörfer, Schwartz, Kula, Tattermusch, Imhof – Vollmer (88. Moutas), Marin (75. Richter).

Trainer Rainer Zobel.

Tore: 0:1 Kula (8.), 0:2 Marin (24.), 0:3 Keim (63.), 1:3 Wohlfarth (73.), 1:4 Moutas (89.).

Zuschauer: 35 000.

Markus Babbel
Am 8. September 1972 kam Markus Babbel in München zur Welt. 1991 wurde er Profi beim FC Bayern. Weitere Stationen: Hamburger SV (1992-1994), FC Bayern (1994-2000), FC Liverpool (2000- 2004), Blackburn Rovers (2004), VfB Stuttgart (2004-2007). 1996 gewann er den EM-Titel. Weitere Titel: Uefa-Cup (1996, 2001), Deutscher Meister (1997, 1999, 2000, 2007), DFB-Pokalsieger ( 1998, 2000), FA-Cup-Sieger (2001).

2007 wurde Babbel Assistenztrainer beim VfB, am 23. November 2008 Teamchef. Die Entlassung folgte am 6. Dezember 2009. 2010 wurde er Trainer in Berlin und führte Hertha BSC zur Zweitliga-Meisterschaft, 2012 wurde er Trainer der TSG Hoffenheim, 2014 bis 2018 war er beim FC Luzern, 2018 bis 2020 in Australien bei den Western Sydney Wanderers.

Babbel ist verheiratet und Vater von fünf Kindern. Er wohnt in Weinheim an der Bergstraße.

Rainer Zobel
Am 3. November 1948 wurde Rainer Zobel in Wrested (Kreis Uelzen) geboren. Als Profi spielte er von 1968 bis 1970 für Hannover 96 und von 1970 bis 1976 für den FC Bayern. Mit den Müchnern gewann er dreimal die deutsche Meisterschaft und dreimal den Europapokal der Landesmeister.

Als Trainer war er von 1990 bis 1992 und von September 2000 bis August 2001 bei den Stuttgarter Kickers tätig. Bei seinem zweiten Engagement löste ihn Marcus Sorg ab. Zobel arbeitete als Trainer auch beim 1. FC Kaiserslautern, dem 1. FC Nürnberg und TeBe Berlin. Im Ausland war er u.a. tätig in Ägypten, in Moldawien, im Iran, in Georgien und in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Seit 2019 ist er Teamchef beim Regionalligisten Lüneburger SK Hansa.

Zobel wohnt in Braunschweig, ist verheiratet und hat die drei Söhne Holger, Sebastian und Maximilian. (jüf)

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