Das älteste Gebäude von Ostfildern In der Propstei lebte einst ein Kreuzritter

Die Propstei in Nellingen ist heute der Sitz von Oberbügermeister Christof Bolay. Foto: Ines Rudel/Ines Rudel

Bis ins 12. Jahrhundert reicht die Geschichte der Propstei zurück. Heute hat im ältesten Gebäude der Stadt Ostfilderns Oberbürgermeister Christof Bolay seinen Amtssitz.

Reporterin: Elisabeth Maier (eli)

Das älteste Gebäude der Stadt Ostfildern ist die Propstei in Nellingen. Da muss der Stadtarchivar Jochen Bender nicht lange überlegen. „Der älteste Teil des heutigen Propsteigebäudes wurde 1500 als gotisches Fachwerkhaus im Zuge des Neuaufbaus des Klosterhofs errichtet.“ Der älteste Holzbalken aus dem Gebäude, das 1986 mit großem Aufwand restauriert wurde, stammt aus dem Jahr 1489. Dort hat heute unter anderem Ostfilderns Oberbürgermeister Christof Bolay seinen Amtssitz.

 

Wie lässt sich das Baujahr der Propstei so genau bestimmen? Der Hausforscher Rainer Bodeney hat nach Benders Worten das Alter der Hölzer untersucht. Diese sogenannte dendrochronologische Expertise ergab, dass der Baubeginn des Hauptgebäudes auf das Jahr 1499 zu datieren ist. Bei vier Balken stellte er die Fälljahre 1498 und 1499 fest. „In der späten Barockzeit fügte man den südlichen Gebäudeteil mit seinem niedrigeren Giebel an“, sagt der Kulturwissenschaftler Bender. Dieser Anbau lasse sich auf das Jahr 1787 oder wenig später datieren. Der nördliche Anbau stammt aus dem 19. Jahrhundert.

Heute ist das Gebäude ein repräsentativer Amtssitz. Die Stadt Ostfildern hat das Gebäude, das seit 1838 als Pfarrhaus genutzt wurde, 1986 gekauft. Danach wurde der Bau umfassend renoviert. „Es ist gelungen, alte und neue Bauelemente sehr stimmig zu verbinden“, sagt Jochen Bender. Beim Gang durch das Verwaltungshaus, in dem neben dem Oberbürgermeister auch der Erste Bürgermeister Andreas Rommel und seine Mitarbeiter ihre Räume haben, lässt sich die spannende Reise durch die Baugeschichte sehr schön ablesen.

Empfänge im historischen Gemäuer

Im Trau- und Veranstaltungszimmer im Erdgeschoss zieht das historische Gemäuer die Blicke auf sich. Dort finden auch immer wieder Empfänge statt. Mit Glas und modernen Beleuchtungselementen wirkt der Raum jedoch zeitlos. Auch die Holzdecke ist nicht historischen Vorbildern nachempfunden, sondern modern und schlicht. Dieses Gestaltungsprinzip zieht sich durch das gesamte Gebäude. Im oberen Bereich ist ein Stück der ursprünglichen Gebäude freigelegt. Damals wurde mit Materialien wie Holz und Lehm gearbeitet. Bender findet es wichtig, die Baugeschichte der Propstei nicht aus dem Blick zu verlieren. Das ist den Architekten aus seiner Sicht sehr gut gelungen.

Verblüffend ist, dass die Propstei zwei Treppenhäuser hat. Neben dem offenen Treppenhaus gibt es hinter verschlossener Tür noch einen Aufgang, der in die oberen Stockwerke führt. Das mag sich aus der Ständeordnung im Mittelalter erklären lassen. Heute wird meist das offene Treppenhaus genutzt. Mit moderner Kunst in den Treppenhäusern und im Eingangsbereich verführt die Ostfilderner Verwaltung Mitarbeiter und Besucher, sich auf eine Zeitreise einzulassen. Das macht den großen Reiz des historischen Verwaltungsgebäudes aus.

Im Ensemble mit der Kirche St. Blasien, dem heutigen Pfarrhaus und dem ehemaligen Fruchtkasten mit seinem markanten Staffelgiebel bildet die Propstei im Nellinger Klosterhof ein besonderes Ensemble. Seitlich hinter dem Gebäude ist das Natur-Labyrinth, das 1992 im Rahmen eines Frauen-Projekts entstanden ist. Wer zur Ruhe kommen möchte, ist in der Anlage mit Blumen und Heilkräutern richtig. 200 Meter Weg lassen sich in dem Idyll zurücklegen.

„Der Klosterhof ist seit dem Mittelalter der kirchliche und herrschaftlich-obrigkeitliche Mittelpunkt von Nellingen“, erläutert Bender die Geschichte. Der kinderlose Ritter Anselm von Nellingen, einer der letzten Nachkommen aus diesem alten Ortsadel, habe 1120 dem Kloster St. Blasien im Südschwarzwald einen bedeutenden Teil seiner Güter gestiftet. Nach seiner Rückkehr vom Kreuzzug in das Heilige Land trat auch er selbst in dieses Kloster ein. „Nun waren die Mönche aus dem Schwarzwald die Grundherren von Nellingen“, erzählt der Stadtarchivar. Da sich der Besitz des Klosters ständig vergrößert hat, wurde ein Propst eingesetzt, der die Klostergüter verwaltete. Er wurde urkundlich erstmals im Jahr 1256 erwähnt. Der Klosterhof war nach Benders Worten jedoch nie ein richtiges Kloster, sondern nur Verwaltungssitz. Das ist der markante historische Bau heute wieder.

Der Kirchturm als Wahrzeichen

Die evangelische Kirche St. Blasius mit ihrem über die Filder weithin sichtbaren Turm gehört ebenfalls zu dem historischen Ensemble. Da wird die Geschichte des früher selbstständigen Filderdorfs Nellingen bis heute lebendig. „Die größte Blütezeit“ erlebte die Propstei nach Jochen Benders Worten im 14. und 15. Jahrhundert. Doch der Städtekrieg zwischen den Württembergern und den Freien Reichsstädten von 1449 bereitete dem ein Ende. Damals brannte das Filderdorf Nellingen mitsamt dem Kloster bis auf die Grundmauern ab. Der Wiederaufbau habe sich zögerlich gestaltet. Erst Ende des 16. Jahrhunderts waren die Gebäude des Klosterhofs wieder hergestellt.

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