Allzu oft sind die Lebenserinnerungen prominenter Schauspieler, Künstler und Showstars arg konventionell. Sie erzählen brav der Reihe nach von ihrer Kindheit, den Mühen ihres Aufstiegs bis zu den lichten Höhen ihrer Karriere und vergessen nicht, von all den berühmten Zeitgenossen zu berichten, denen sie im Laufe der Jahre begegnet sind. Handelt es sich um die Memoiren von Comedians, dann droht dem Leser zudem eine humoristische Dauerberieselung. Schließlich muss diese Berufsgruppe immer und überall beweisen, wie unglaublich witzig sie ist.
Wer nur die ersten Seiten von Hape Kerkelings „Gib mir etwas Zeit“ liest, könnte meinen, hier würden all diese Klischees erfüllt. Der Ton klingt stellenweise angestrengt unbeschwert und in einem der frühen Kapitel begegnet der Autor als junger Showmaster gleich einem (ganz natürlich gebliebenen) Weltstar, der zu diesem Zeitpunkt noch keiner war. Die übliche Witzischkeit und das dazugehörige Namedropping also. Andererseits: Welcher Showstar beginnt seine Memoiren schon mit der Urmutter Lucy, dem Skelett eines Australopithecus afarensis aus Äthiopien, und zitiert dazu gleich noch einen niederländischen religionskritischen Philosophen des 17. Jahrhunderts? Rasch wird daher klar: Es handelt sich um ein wunderbar kluges und wunderbar klug konstruiertes Buch.
Der Komiker Hape Kerkeling ist auf dem Bestsellermarkt kein Neuling. Sein Bericht über seine Wanderung auf dem Jakobsweg nach Santiago de Compostela stand 100 Wochen auf Platz eins der Spiegel-Bestsellerliste und erreichte – so der Verlag – fünf Millionen Leserinnen und Leser. Der Buchtitel „Ich bin dann mal weg“ ist mittlerweile zum geflügelten Wort geworden. Auch die Geschichte seiner Kindheit „Der Junge muss an die frische Luft“ war als Buch und Verfilmung außerordentlich erfolgreich. Als dann ein eher bemüht witziges Buch über Katzen folgte, mochte man denken: Bei dem ist jetzt die Luft raus. Mitnichten. Mit seinem jüngsten Buch mit dem Untertitel „Meine Chronik der Ereignisse“ ist Hape Kerkeling nicht mehr nur irgendein erfolgreicher schreibender Fernsehstar, sondern er etabliert sich als Schriftsteller.
Anschaulich und lebendig
Das liegt vor allem an zwei Dingen: Zum einen kann Kerkeling Szenen anschaulich und lebendig schildern, zum anderen versteht er es, die drei zeitlichen Ebenen seiner Erzählung geschickt so ineinander zu verschieben, dass ein Spannungsbogen entsteht.
Wie so viele Künstler musste sich auch Kerkeling während der Corona-Pandemie, als öffentliche Auftritte untersagt waren, eine Beschäftigung suchen – vermutlich weniger aus finanziellen Gründen, sondern um die Zeit zu füllen. So kam er auf die Idee, Ahnenforschung zu betreiben und schickte seine Genprobe an ein amerikanisches Labor. Das Ergebnis: Er ist zu 68 Prozent Skandinavier, zu 14 Prozent Brite, zu 13 Prozent Südosteuropäer (Balkan und Osteuropa) und ist zu vier Prozent italienischer Abstammung.
Das meiste davon vermochte er aus seiner Familiengeschichte rekonstruieren. Seine skandinavische Herkunft verweist, aufgrund der engen genetischen Verwandtschaft zwischen Niederländern und Norwegern, auf seine holländischen Wurzeln. Die zeigen sich bereits im Ursprung seines Nachnamens, der auf eine Kaufmannsfamilie aus dem Amsterdam des frühen 17. Jahrhunderts zurückgeht. Der vierprozentige Italiener liegt an einem genuesischen Migranten in den Niederlanden, der mit dieser Kaufmannsfamilie in intimeren Kontakt kam. Osteuropäisches Blut hat ohnehin jeder, der seine Wurzeln in Deutschland hat. Aber was ist mit dem britischen Gen-Anteil? Dieses Rätsel lässt Kerkeling zunächst offen – und kommt dann später umso spektakulärer darauf zurück.
Der junge Tunichtgut
Das Holland des frühen 17. Jahrhunderts bildet eine Erzählebene. Wie in einem historischen Roman beschreibt der Autor den Alltag der calvinistischen Familie Kerkerlingh, ihre Handelsgeschäfte, ihren Glauben, ihre Macken und Leidenschaften, ihre Freuden und Enttäuschungen. Zum Beispiel im Leben des jungen Tunichtgut Berend Kerkelingh. Der junge Mann, der als Geck mit seinen Kumpels jeder Mode nachläuft, wird von seinem strengen Vater vom schicken Amsterdam ins bodenständigere Rotterdam geschickt, um ihm die Flausen auszutreiben. Stattdessen soll er das Schiffsbauerhandwerk lernen. Doch dann verguckt er sich ausgerechnet in die katholische Tochter seines Chefs.
Eine Hochzeit zwischen einem Calvinisten und einer Katholikin war im 17. Jahrhundert so verpönt, wie es in den 1980er Jahren in Deutschland verpönt war, schwul zu sein. Daher musste auch der junge Hape Kerkeling – zweite Erzählebene – seine Homosexualität lange vor der Öffentlichkeit verbergen. Als der junge Komiker eine Karriere als Fernsehmoderator beim WDR in Aussicht hatte, legte man ihm sogar nahe, sich zum Schein eine Freundin zuzulegen. Doch stattdessen verliebte sich Hape in Amsterdam in einen wahnsinnig gut aussehenden jungen Mann namens Duncan, den er in einem Schwulenclub kennenlernte. Es war die Zeit von AIDS, und mit großem Einfühlungsvermögen erzählt Kerkeling, wie seine große Liebe Duncan nach einer kurzen Zeit des gemeinsamen Glücks innerhalb von nur zwei Jahren an der Krankheit zugrunde geht.
Was auch immer es war
Eine Liebe – oder was auch immer es war – prägt auch die dritte Erzählebene: das Rätsel um Kerkelings britische genetische Herkunft. Der Lösung kommt der Autor in akribischer Recherchearbeit auf den Grund. Hape Kerkeling ist nämlich vermutlich ein echter Royal, ein Nachfahre des britischen Königshauses der Windsors. Seine Großmutter war, darauf deutet alles hin, eine uneheliche Tochter des englischen Königs Edward VII.. Auch hier gelingt es dem Autor, die Begegnung seiner Urgroßmutter, einer einfachen Arbeiterin in einer böhmischen Porzellanfabrik, mit dem englischen König in Bad Marienbad anschaulich und einfühlsam zu schildern.
Kerkeling arbeitet in „Gebt mir etwas Zeit“ heraus, wie diese drei Erzählebenen miteinander verbunden sind: Jeder von uns ist ein Produkt der Weltgeschichte, der Geschichte seiner Familie, seiner persönlichen Geschichte, seines genetischen Erbes – und manchmal auch einer Liebe, die alle Konventionen sprengt.
„Gebt mir etwas Zeit“
Buch
Hape Kerkeling: Gebt mir etwas Zeit. Meine Chronik der Ereignisse. Piper. 368 Seiten. 24 Euro
Heimat
Hans-Peter (Hape) Kerkeling wuchs in Recklinghausen bei seiner Großmutter auf. Mit 21 Jahren moderierte er bereits im WDR eine Fernsehsendung, die Ulk-Show „Känguru“. Sie wurde nach einem Jahr abgesetzt. Die Fernsehkarriere ging dennoch weiter. Er gewann den Grimme-Preis und den deutschen Fernsehpreis. Bekannt ist er für die von ihm dargestellten Personen wie den „Reporter Horst Schlämmer“.
Autor
Kerkelings Bücher „Ich bin dann mal weg“ (2006) und „Der Junge muss an die frische Luft“ (2015) wurden mit Erfolg verfilmt.
Outing
1991, während der Aids-Krise, outete der Filmemacher Rosa von Praunheim Kerkeling gegen dessen Willen als schwul. Das führt zu einem Aufruhr in der Boulevardpresse. Im Rückblick bilanzierte der Komiker 30 Jahre später: „Es hätte mir nichts Besseres passieren können.“