Interview mit deutschem Champagner-Chef „Champagner ist Mythos, aber auch Qualität“

Christian Josephi vertritt die Produzenten der Champagne in ganz Deutschland und Österreich – von Stuttgart aus. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Christian Josephi vertritt die Produzenten der Champagne in ganz Deutschland und Österreich – von Stuttgart aus. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Zum Jahreswechsel knallen wieder die Korken! Was viele nicht wissen: Am Eugensplatz wird besonders darauf geachtet. Dort sitzt das Büro de Champagne für Deutschland und Österreich, die fachliche Kompetenz für alle Händler und Sommeliers.

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Stuttgart - Zum Jahreswechsel knallen wieder die Korken! Was viele nicht wissen: Am Eugensplatz sitzt das Büro de Champagne für Deutschland und Österreich. Christian Josephi berät von dort aus Händler und Sommeliers. „Heute steht hier der Genuss im Vordergrund“, sagt er über seinen Standort.

Herr Josephi, ich brauche Sie nicht zu fragen, womit Sie auf Neujahr anstoßen?
Nein, das müssen Sie wirklich nicht.
Ich tu’s trotzdem.
Als Repräsentant der Champagne darf ich keine einzelne Marke nennen, aber ich werde einen schönen Jahrgangschampagner aus dem Jahr 2006 aufmachen.
Kein Trollinger-Sekt blanc de noir?
Nein. Aber ich verspreche Ihnen, die Champagne ist sehr daran interessiert, was sich hier so tut. Das Premiumsegment in Deutschland entwickelt sich sehr gut, beim Sekt ist das auch der Fall.
Beim Weingut Aldinger produziert der Junior inzwischen einen Sekt brut natur für 50 Euro die Flasche. Auch ein Erzeuger wie Kessler steigt ins Premiumsegment ein.
Das wird in der Champagne absolut mit Wohlwollen gesehen. Natürlich ist das Konkurrenz. Aber Regionalität ist etwas Gutes und Premiumsegment auch. Weil es eine Konsumentengruppe gibt, die solche Produkte versteht und goutiert.
Wer Aldinger kauft . . .
. . . genau, der greift irgendwann auch zu Champagner.
Die Stuttgarter sind so weit. Die Optionen, ein Glas Champagner zu trinken, nehmen zu: Böhm, Breuninger, Kreis, Markthalle . . .
Das freut uns! Deutschland ist der Schaumweinmarkt Nummer eins der Welt mit über 400 Millionen verkauften Flaschen im Jahr. Vor allem über die Spitzengastronomie wird viel Champagner abgesetzt. Und in Stuttgart gibt es davon zur Genüge.
Ich hätte eher gedacht, dass das Champagnerbüro in München angesiedelt ist bei Schickimickis?
München, klar, das läge nahe. Aber die Münchner sind doch eher Italien-affin. Und die Sternedichte ist in Stuttgart ganz klar höher. Der Südwesten ist die Wein­konsumregion Nummer eins in Deutschland, hier wird Wein angebaut. Mich beeindruckt, wie viel Weinwissen in dieser Region vorhanden ist.

Hohe Kaufkraft und gute Gastronomie

Stuttgart passt also?
Wenn wir strategisch denken, müssten wir auf Sylt sitzen. Oder in Berlin. Aber hier ­haben wir eine hohe Kaufkraft und eine gute Gastronomie, das passt.
Obwohl die Schwaben das Vorurteil nicht loswerden, geizig zu sein.
Da hat sich viel verändert. Früher ist der Industrielle von der schwäbischen Alb mit dem Käfer durchs Dorf zu einer Scheune gefahren. Dort ist er auf den Jaguar umgestiegen und ab nach München. Heute steht auch hier der Genuss im Vordergrund! Mein Vater war ein Koch aus Passion, der hat uns immer nach Frankreich geschleppt, dort wurde das Essen einfach lustvoll inszeniert. Heute kommen die Franzosen nach Baden-Württemberg zum Essen.
Was positiv für die Champagne ist?
Klar! Auch in der Spitzengastronomie geht es viel lockerer zu. Dass sich das Konsumverhalten verändert hat, ist für uns ganz wichtig. Immer mehr Menschen erkennen, dass man mit Champagner aus dem Alltag etwas Besonderes machen kann.
Wieso eigentlich?
Champagner hat viel mit Mythos und Aura zu tun, aber auch mit Qualität. Die gute Qualität wird immer das wichtigste sein.

Jeder profitiert von der Ursprungsbezeichnung

Warum ist das Champagner-Marketing so erfolgreich?
Auf jeder Flasche steht Champagner. Egal wie berühmt, jeder profitiert von dieser Ursprungsbezeichnung. Es ist eine Einmaligkeit, dass sich ein ganzes Anbaugebiet, das ein Drittel der deutschen Gesamtweinproduktion ausmacht, seit Jahrhunderten auf die Schaumweinproduktion beschränkt. Wir müssen kein Marketing mehr machen, wie es bei anderen Anbaugebieten der Fall ist. Unser Stuttgarter Büro ist nur für die Ausbildung von Händlern und Sommeliers da. Auch der Dachverband in Frankreich konzentriert sich auf die Fortbildung und technische Beratung, nicht aufs Marketing.
Könnte Champagner nicht billiger sein?
Das ist einfach. Frankreich ist ein Hochlohnland, dort gibt’s die 35-Stunden-Woche, Mindestlohn schon lange vor Deutschland, das ist eine faire Wohlstandsverteilung. Die Trauben werden nur von Hand gelesen. Nicht, weil es so schön ist, 120 000 Lesehelfer zu beschäftigen. Es gibt keine Vollernter, mit denen man die Trauben unversehrt in den Keller bringt.
Was Stuttgart und die Champagne noch vereint: Beide sind eine Stätte des Weltkulturerbes! Wir mit dem Le-Corbusier-Haus, die Champagne im Ganzen.
Die Unesco-Kommissare haben in der Champagne unter den Häusern die Keller kontrolliert, die ja auch dazu gehören. Nach 500 Kilometern haben sie aufgehört . . .



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