Inzwischen haben sich die Dinge so grundlegend wie dramatisch verändert. Die rund 60 000 Tickets sind sportlich wertlos geworden, da nicht allein das HSV-Spiel wegen des Coronavirus statt in einer weiß-roten Festung vor leeren Rängen ausgetragen wird. Wenn überhaupt. Inzwischen ist der Abbruch der kompletten Saison kein undenkbares Szenario mehr, sondern ein wahrscheinliches – so sehr sich die Clubs mit Blick auf ihre Finanzen auch dagegen wehren mögen.
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Die Corona-Lawine rollt mit steigender Geschwindigkeit und ist dabei, den laufenden Fußballbetrieb unter sich zu begraben. Der Zweitligist Hannover 96 meldete am Donnerstagnachmittag in Abwehrspieler Jannes Horn (23) den zweiten infizierten Spieler und schickte daraufhin den kompletten Kader für die nächsten 14 Tage in häusliche Quarantäne. Zudem beantragte der Ligarivale des VfB die Absetzung der nächsten beiden Spiele. Ob es dabei bleiben wird? Unwahrscheinlich.
Mit wem ist Jannes Horn alles in Kontakt gekommen? Was passiert mit dem 1. FC Nürnberg, dem letzten Gegner der Hannoveraner? Wann folgen unter den Profikickern die nächsten Corona-Fälle? Es gibt so viele offene Fragen, dass man sich kaum vorstellen kann, dass am Wochenende der Ball rollt – und sei es unter dem Ausschluss von Zuschauern wie beim SV Wehen Wiesbaden, wo am Sonntag (13.30 Uhr) der VfB gastieren soll. Bis Mittwoch hatte sich der Club dagegen gewehrt – und musste sich dann der Anordnung des hessischen Staatsministeriums beugen.
Inzwischen hat auch der VfB den ersten Corona-Fall: Ein Mitarbeiter der Arena Betriebs GmbH sei positiv auf Corona getestet worden. Zusammen mit seinem „direkten beruflichen Umfeld“ sei er nun in Quarantäne. Das vermeldete Finanzvorstand Stefan Heim am Donnerstagnachmittag – und ließ offen, ob der betroffene Mitarbeiter auch Kontakt zum unmittelbaren Umfeld der Mannschaft hatte. Der VfB war am Montag Gastgeber des vorerst letzten Profiligaspiels in Deutschland – 54 000 Menschen sahen das 1:1 gegen Arminia Bielefeld.
Am Montag wollen die Vertreter der 36 Proficlubs zu einer außerordentlichen Mitgliederversammlung der Deutschen Fußball-Liga (DFL) in Frankfurt zusammenkommen, um über die weitere Vorgehensweise zu beraten. Doch herrscht inzwischen weitgehende Einigkeit darüber, dass es einer schnelleren Entscheidung bedarf, ob und wie es weitergehen soll. Zumindest in der zweiten Liga deutet nach den Turbulenzen in Hannover manches darauf hin, dass der Spielbetrieb zumindest vorübergehend ausgesetzt wird.
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Es ist eine nie dagewesene Situation, die den gesamten Profifußball in völlige Ratlosigkeit gestürzt hat. Auch beim VfB jagt inzwischen eine Krisensitzung die nächste. Welche konkreten Konsequenzen ein mögliches vorzeitiges Saisonende für den Verein hätte, darüber wollen sich die Verantwortlichen in der Öffentlichkeit vorerst zwar nicht äußern. Doch hat am Mittwoch Vorstandschef Thomas Hitzlsperger zumindest „umfangreiche Folgen auch in finanzieller Hinsicht“ angedeutet.
Kein anderer Zweitligist verdient mit dem Ticketverkauf so viel wie der VfB
Bei rund 1,5 Millionen Euro liegen die Einnahmen bei einem ausverkauften Stadion wie gegen den HSV. Auch beim anschließenden Heimspiel gegen den VfL Osnabrück (18. April) steht bereits fest, dass keine Zuschauer zugelassen sind. Danach folgen laut Spielplan noch die Gastspiele gegen den SV Sandhausen (2. Mai) und Darmstadt 98 (17. Mai). Der bisherige Vorverkauf bestätigt die Regel, dass die Heimspiele in der Endphase einer Saison besonders gut besucht sind. Schon jetzt liegt der Schnitt des VfB bei 51 657 Besuchern pro Spiel – kein anderer Zweitligisten verdient durch den Ticketverkauf so viel Geld wie die Stuttgarter.
Vier Geisterspiele würden den Verein bis zu sechs Millionen Euro kosten – weitaus teurer wäre ein vorzeitiger Abbruch der Saison (verbunden mit der Ungewissheit, wie in diesem Falle die Aufstiegsfrage gelöst würde). Dann würden auch die Gelder aus den TV-Verträgen gekürzt, die auf der Basis von 34 Spieltagen geschlossen wurden und in der Regel der größten Posten in den Budgets der Profivereine sind. Beim VfB beträgt der Etat für die Lizenzspielerabteilung – nach dem Abstieg auf Kante genäht – rund 40 Millionen Euro, von denen mehr als die Hälfte die Fernsehsender beisteuern. Erschwerend hinzu kämen möglicherweise gekürzte Zuwendungen von Sponsoren, die ihre Firmenlogos nicht mehr in Szene setzen können. Fraglich, inwieweit Versicherungen für all diese die Ausfälle aufkämen.
Fußballprofis werden weiter bezahlt – ob sie spielen oder nicht
Sicher ist dagegen: Während die Einnahmen wegbrächen, bliebe auf Kostenseite der dickste Brocken bestehen – die Spielergehälter. Anders als im US-Sport oder Eishockey, wo die Profis nur bezahlt werden, wenn sie auch spielen, behalten die millionenschweren Arbeitsverträge im Fußball auch bei einer langen Zwangspause ihre Gültigkeit. Fußballprofis gelten als Angestellte, mit allen Rechten und Pflichten. Auch Spieler mit auslaufenden Verträgen müssen bis 30. Juni weiterbezahlt werden. Nur die Auflauf- und Punktprämien könnten sich die Vereine sparen.
Kein Wunder also, dass die Clubs alles dafür tun, den Spielbetrieb irgendwie aufrecht zu erhalten. Der Karlsruher SC etwa will bei seinem Heimspiel gegen Darmstadt 98 am Samstag nicht nur die Zuschauer aussperren, sondern vorsorglich auch die vereinseigenen Funktionäre. Und der VfL Bochum verkauft den treuesten seiner Anhänger „Geisterspieltickets“ zum Preis von 18,48 Euro. Fußball gibt es dafür zwar nicht zu sehen – doch soll es helfen, die vielen neuen Löcher zumindest ein klein wenig zu stopfen.