Der Gegensatz ist riesig. Auf dem Bild an den Schautafeln vor seiner ehemaligen Wohnhütte ist ein feurig-jugendlicher Lebemann, ein Bonvivant, ein Herzensbrecher mit charmantem Schnurrbart, langen Haaren und verträumten Blick dargestellt. Der Bronzekopf an der Stirnseite des Häuschens zeigt dagegen einen weisen, alten Mann mit wallendem Haar und entrückter Miene im Stile griechischer Denker. Der Kontrast beider Darstellungen ist groß – doch er passt haargenau. Denn Albert Friedrich Benno Dulk war ein Mann der Extreme – im Denken, im Lieben, im Leben. Die Hütte an der Römerstraße zwischen Wiflingshausen und Liebersbronn auf dem Esslinger Berg ist laut Schautafeln die „einzige Gedenkstätte für den Politiker und Literaten“.
Dabei war er viel mehr. „Journalist, Reisender, Sozialist, Revolutionär, Krimineller, Sportler“, bemüht sich Ralf Morsch vom Förderverein „Wir vom Berg“, die vielschichtige Persönlichkeit in ein paar Vokabeln zu pressen. Vor allem aber war Albert Dulk ein Getriebener, der sich gerne treiben ließ. Am 17. Juni 1819 in Königsberg als Spross einer bildungsbürgerlichen Familie geboren, studierte er Chemie, promovierte und wollte eigentlich Apotheker werden. Doch die Revolution von 1848, deren glühender Anhänger er war, verhinderte einen beruflichen Einstieg und ein bürgerlich-sesshaftes Leben. So suchte er seinen Platz in der Welt, unternahm Reisen nach Italien, Skandinavien, Ägypten oder in den Orient, führte ein Einsiedlerleben auf dem Berg Horeb auf der Sinai-Halbinsel, durchschwamm als Erster 1865 den Bodensee von Romanshorn nach Friedrichshafen. Er schrieb wie ein Besessener, war ruhelos und unruhig. 1880 fungierte er als Gründungsdelegierter des internationalen Freidenkerbundes in Brüssel.
Platz für die Philosophie
Dann brauchte und suchte er einen Rückzugs- und Ruheort. 1871 zog er nach Untertürkheim, und die Hütte am Rande des Schurwalds, das heutige Dulkhäusle, diente von 1880 bis 1884 in den Sommermonaten als Refugium zum Schreiben und Philosophieren. In die engen vier Wände sperrte er seine kühnen Gedanken, freigeistigen Thesen und sozialistischen Ideen.
Die Ruhe zum Schreiben war da. Doch der große Durchbruch blieb dem Schriftsteller verwehrt. Keines seiner Werke wurde bekannt. Dabei ist sein Leben aufregender als jeder erfundene Stoff. „Würde Albert Dulk heute leben, hätte er bestimmt seine eigene TV-Reality-Show. Er wäre der ideale Bachelor“, meint Ralf Morsch. Viele Geschichten würden sich um das Dulkhäusle und seinen damaligen Bewohner ranken. In der Hütte sollen Partys, ausschweifende Feste, ja reinste Orgien gefeiert worden sein. Dulk und seine Anhängerinnen sollen gar nackt durch den Wald gelaufen sein. Verbürgt ist, dass Albert Dulk eine Liaison mit drei Frauen hatte. 1846 hatte er seine Cousine Johanna Dulk auf traditionelle Weise geehelicht. Doch 1852 folgte eine Heirat mit Pauline Butter, 1857 eine weitere Eheschließung mit Else Bussler. Die letzten beiden Verbindungen kamen durch Selbsttrauung zustande. Ein Skandal? Die Schautafeln vor dem Dulkhäusle verweisen auf die Zeit der Romantik, die für amouröse Eskapaden ein gewisses Verständnis aufgebracht habe.
Politiker in Haft
Verständnis für Dulks politisches Wirken hatten die Oberen vor und im deutschen Kaiserreich dagegen nicht. Der aktive Politiker, der für die SPD bei Reichs- und Landtagswahlen angetreten war, wurde ein Opfer der Sozialistengesetze von Fürst Otto von Bismarck. Zwischen 1878 und 1879 musste Dulk eine 14-monatige Gefängnisstrafe wegen Volksverhetzung absitzen, weil er als Mitglied der verbotenen sozialdemokratischen Partei ein Wahlflugblatt verteilt hatte.
Die schillernden Zeiten verblassten nach dem Tode des schillernden Bewohners. Das Dulkhäuschen wurde laut Ralf Morsch danach als Hütte für Waldarbeiter genutzt, die dort ihre Mittagspause verbrachten oder übernachteten. Er hat auch ein Foto ausgegraben, das das Dulkhäusle als Schauplatz von Demonstrationen linker Gruppierungen zeigt. In den letzten Jahren aber sei die Hütte in einen Dornröschenschlaf verfallen. Daraus aufgeweckt wurde das meist verschlossene Gebäude nur durch kulturelle Veranstaltungen. Eine Lesung habe einmal hier stattgefunden, erinnert sich Ralf Morsch. Und während der Corona-Zeit sei im Zuge der Aktion „Stadtgefährten“, die die Historie der Esslinger Stadtteile beleuchtet, unter strengsten Hygieneregeln eine Ausstellung organisiert worden. Im Innern hätten gerade einmal maximal 30 Besucher Platz – die würden dann aber dicht gedrängt wie die Ölsardinen stehen. 1885 wurden am Gebäude die Gedenktafeln und das bronzene Porträtmedaillon von Adolf Donndorf eingeweiht. 2011, so verraten die Schautafeln, wurde das Dulkhäusle mit Unterstützung von Spendern und Sponsoren grundlegend erneuert.
Begräbnis wird zum Schauspiel
Zum „Lost Place“, zum verlorenen, geheimnisvollen Ort, wird die Hütte an der Römerstraße vor allem durch ihren ehemaligen Bewohner. Albert Dulk suchte hier wohl einen Hafen, einen Ankerplatz, eine Anlegestelle, um bei den wilden Strudeln, Untiefen und Strömungen seines Lebens wieder festeren Boden unter die Füße zu bekommen. Doch selbst sein Begräbnis wurde noch zu einer Demonstration und einem Schauspiel. 1884 starb Albert Dulk an Herzversagen auf dem Stuttgarter Hauptbahnhof. Die mehr als 10 000 Trauernden, die seinem Sarg folgten, machten seine Beerdigung zur größten sozialdemokratischen Kundgebung zur Zeit der Sozialistengesetze in Württemberg. Er war eben ein Mann der Extreme – sogar noch im Tod.
Albert Dulk – Leben, Werk, Gedenken
Leben
Albert Dulk war Schriftsteller, Journalist, Dichter, Dramatiker, Abenteurer, Extremsportler, Naturwissenschaftler, Philosoph, Politiker, 1948er Revolutionär, Sozialist und Religionskritiker.
Werk
Geschrieben hat er vieles. Aus der Feder von Albert Dulk stammen Werkte wie die dramatische Dichtung „Orla“, das Drama „Lea“, die Tragödie „Simson“ oder „Der Irrgang des Lebens Jesu“. 1848 brachte er fünf Ausgaben von „Handwerker. Ein Sonntagsblatt für die arbeitenden Klassen“ heraus. Für Westermanns Monatshefte verfasste er „An der Grenze Ägyptens“ und in religions-. und kulturhistorischen Schriften erschien „ Stimme der Menschheit.“
Gedenken
Die Stadt Esslingen hat ihren streitbaren, zeitweiligen Einwohner nicht vergessen. „Dulk war einer der wenigen 48er-Revolutionäre, die ihrer Gesinnung treu geblieben sind und eine Brücke zur später entstehenden Arbeiterbewegung schlugen“, heißt es im städtischen Internet-Auftritt. Zum 194. Geburtstag des Sozialisten erschien 2013 ein Flyer, der sein Leben und Wirken ausführlich beleuchtete. 2019 feierte die Stadt den 200. Geburtstag Dulks mit einer Veranstaltungsreihe. An verschiedenen Orten fanden Events statt, die an diese „schillernden wie aufrechte Persönlichkeit“ erinnerten. Mehr dazu unter https://www.esslingen.de/start/es_themen/Albert+Dulk.html.