Das Eigenleben der Dinge Wenn die Glotze plötzlich englisch spricht

Regie-Altmeister Alfred Hitchcock war ein Freund guter Synchronisation. Er mochte keine Untertitel. Foto: AP

Der Fernseher unseres Kolumnisten KNITZ entwickelt ein interessantes Eigenleben. Noch ist nicht klar, was er damit bezweckt.

Wenn KNITZ in diesen Tagen auf dem TV-Kanal ZDFneo einen Film anschaut, der im Zweikanalton ausgestrahlt wird, kann es passieren, dass der Apparat von der deutschen Synchronisation ins (zumeist) englische Original wechselt.

 

Dies geschieht ohne Vorankündigung. Und es ist nicht immer der Fall – aber vor allem dann, wenn es KNITZ nicht passt, also wenn er wirklich den Film anschauen möchte. (Manchmal, wer kennt das nicht, schaut man nur in die Glotze, weil einem gerade nichts Besseres einfällt oder man sich um die Steuererklärung drücken möchte.)

KNITZ ist halbwegs des Englischen mächtig, hin und wieder war er sogar gezwungen, sich in englischsprachigen Ländern verständlich zu machen. Aber das ist schon eine Weile her, sodass sein Schulenglisch nicht taugt, um einem Spionage-Thriller zu folgen, bei dem er schon im Deutschen Mühe hätte, nicht den Faden zu verlieren.

Früher hätte KNITZ gedacht, dass sein Fernsehapparat spinnt. Oder er hätte vermutet, dass die TV-Gewaltigen aus Mainz Mist bauen. Aber inzwischen ist er zur Überzeugung gelangt, dass auch Dinge ein Seelenleben haben – und deshalb hirnt er seit Tagen darüber nach, was sein Fernsehapparat damit bezweckt.

Die naheliegendste Lösung ist, dass er versucht, das miese Englisch von KNITZ zu verbessern. Das mag im ersten Moment zwar nobel klingen, KNITZ würde das jedoch als übergriffig empfinden. Wenn KNITZ meint, seine Sprachkenntnisse aufmöbeln zu müssen, dann bucht er an der Volkshochschule einen Konversationskurs. Er geht ja auch nicht her und druckt seine Kolumne mit Hilfe einer KI in griechisch ab, nur damit die werte Leserschaft beim Hellenen ihres Vertrauens den Bauernsalat künftig in der Landessprache bestellen kann.

Die Diskussion, ob man einen Film im Original anschauen muss, ist mindestens so alt wie die Kinder von KNITZ. Deren Fremdsprachenkenntnisse sind so gut, dass sie englischsprachige Filme im Original anschauen. Zur Not, so deren Argument, könne KNITZ ja deutsche Untertitel einblenden.

Nicht schlecht gedacht, aber in dem Fall holt KNITZ Alfred Hitchcock aus der Versenkung. Der Altmeister der Hochspannung hat sich in François Truffauts Buchklassiker „Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?“ gegen Untertitel ausgesprochen. Weil diese vom Bild ablenken. Kein Mensch kann gleichzeitig lesen und schauen.

Übrigens: Um nicht ganz wie ein eindimensionaler Kunstbanause dazustehen, behauptet KNITZ bei Literaturverfilmungen stets, dass das Buch besser als der Film sei – auch wenn er es nicht gelesen hat.

So weit KNITZ sich erinnern kann, hat er es nur ein einziges Mal bereut, einen Film im Kino nicht im Original angeschaut zu haben, das war bei Wim Wenders Perfekt Days/Perfekte Tage“, ein wunderbarer Spielfilm über den Alltag des Tokioter Toilettenreinigers Hirayama (Kōji Yakusho). Die deutsche Synchronisation wirkt in dem Fall wie ein Fremdkörper. Besser hätten die Darsteller japanisch gesprochen. Das hätte bei dem ruhigen Film auch deshalb funktioniert, weil nicht viel geredet wird.

Das unterscheidet „Perfekt Days“ von dieser Kolumne.

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