Das einzige Kartäuser-Kloster Deutschlands Schweigen im oberschwäbischen Walde
In der oberschwäbischen Einöde liegt das einzige Kartäuser-Kloster Deutschlands.Annäherung an eine Lebensform im Maximalkontrast zum Zeitgeist.
In der oberschwäbischen Einöde liegt das einzige Kartäuser-Kloster Deutschlands.Annäherung an eine Lebensform im Maximalkontrast zum Zeitgeist.
Mitten im Wald. Hohe Fichten, ein Moosteppich am Boden, weit draußen im Oberschwäbischen. Die letzten Einödhöfe liegen schon ein bisschen entfernt, erst recht Weiler wie Krattenberg, Talacker oder Seibranz-Ösch. Da bimmelt plötzlich eine Glocke.
Ein Pfad führt in ihre Richtung. Dann ist da eine hohe Mauer mit einem hohen Tor. Ihr schwarzer Holzflügel ist verwittert und etwas zugewachsen, das sieht sehr abweisend aus. Dahinter lugen die roten Dächer schmaler weißer Gebäude hervor. Kein Laut dringt hinüber. Nichts regt sich.
Eines der Gebäude im Inneren hat einen Dachreiter und ein schmales Kreuz darauf. Und an einer Mauerecke steht in einer vergitterten Nische die Statue eines Mönches, ganz in Weiß gekleidet.
Die Mauer entlang. Sie führt zu einem offeneren Platz und geht in einen Gebäuderiegel über. Auch hier sind schwarze Tore, geschlossen. Auch hier regt sich nichts. Aber an einem der Tore ist eine Art Pfortenfenster.
Es ist kein Ort der Anmeldung, sondern des rigorosen Abweisens. Dieser Ort kann nicht besichtigt werden, steht da. Es ist ein Kloster, aber es verweigert sich aller Begegnung, die sonst für ein Kloster typisch ist: „Es besteht keine Möglichkeit für seelsorgerische Gespräche. Eine Teilnahme an Gottesdiensten, Einkehrtagen oder Exerzitien im Kloster ist ebenfalls nicht möglich.“
Das Schweigen im Walde, hier in der Kartause Marienau, steht komplett konträr zu all dem kommunikativen Lärm unserer Zeit. Aber es ist ein sehr konsequentes Konzept, verwurzelt in einer jahrhundertelangen Tradition. Das hier ist das einzige Kartäuser-Kloster in Deutschland.
Die Kartäuser gelten als der strengste Orden in der katholischen Kirche. Fromme Festungen hat man ihre Klöster auch genannt, weil sie sich rigoros abschotten von der Welt und sie auch rigoros auf Distanz halten – ganz im Sinne ihres Gründers Bruno von Köln, der die Lebensweise der ersten Mönche wieder beleben wollte, die sich als Einsiedler in die ägyptische Wüste zurückgezogen hatten, um der Welt zu entfliehen und sich ganz auf Gott zu konzentrieren.
Das Einsiedlerleben ist eine psychische Herausforderung – und einfacher zu ertragen, wenn man Gleichgesinnte um sich hat. Wie es auch Bruno im Jahr 1084 mit Gefährten tat, in der Waldgegend von Chartreuse – dem ersten Gemeinschaftsort und ihrem Namensgeber. Dort kombinierte er das Einsiedlertum mit der Gemeinschaft eines Ordens.
Wie lebt man hier zusammen? Einblicke gibt gar nicht weit weg die Kartause Buxheim. Hier darf man eintreten. In der Säkularisation wurde sie aufgelöst, ein Heimatverein erhält sie als Museum. Kartausen folgen einem gleichen Bauplan. Um den Kleinen Kreuzgang sind die Gemeinschaftsräume wie der Kapitelsaal, das Refektorium (Speise-Raum) oder die Bibliothek gruppiert.
Am Großen Kreuzgang liegen die Einsiedeleien. Jeder Mönch hat seine eigene Zelle mit mehreren Räumen. Darin eine große Gebetsnische und ein geräumiges Bett. Es geht nicht um Kasteiung, sondern um Kontemplation: „Denn die Zelle ist der heilige Boden und der Ort, wo sich der Herr und sein Diener häufig miteinander unterhalten wie jemand mit seinem Freund“, so besagen es die Statuten. Und weiter: „Je länger der Mönch in der Zelle verweilt, desto lieber wird sie ihm. Möge er dabei das stille Lauschen des Herzens pflegen, das Gott durch alle seine Türen und auf allen Pfaden eintreten lässt.“
Ein straffes Zeitmanagement soll dabei Halt geben. Tag und Nacht sind strukturiert von Zeiten des Gebetes und des Studiums geistlicher Literatur. Und zwar rund um die Uhr – mit Gebeten und Lobpreisungen um Mitternacht, aber auch um 3 Uhr, um 7 Uhr, um 8 Uhr, um 10 Uhr, um 12 Uhr, um 14 Uhr, um 16 Uhr, um 19 Uhr. Mehr als drei, vier Stunden am Stück schläft kein Kartäuser.
Zur Entspannung kann jeder Mönch in seinen kleinen Garten vor seiner Zelle treten. Wenig Abwechslung bietet dagegen der Kontakt mit den Mitbrüdern. Frühstück gibt es gar keines, das Mittagsmahl (die Kartäuser sind seit Anbeginn Vegetarier) wird durch eine Klappe in die Zelle geschoben, von den Brüdermönchen, die keine Priester sind, in einem eigenen Trakt wohnen und das Kloster am Laufen halten. Kein Gerede soll die religiöse Versenkung unterbrechen. Nur am Sonntag essen die Mönche gemeinsam im Speisesaal – auch schweigend, einer geistlichen Lesung lauschend.
Wenn die Mönche aus den Zellen in den Kreuzgang treten, um sich in der Kirche zu den gemeinsamen Gesängen und Gebeten zu versammeln, tun sie das auch schweigend. Nur auf einem mehrstündigen wöchentlichen Spaziergang darf geredet werden.
Fotos in den Buxheimer Zellen zeigen Kartäuser beim Beten, im Kreuzgang oder auf dem Spaziergang. Es sind Bilder der Marienauer Mönche. Die Gemeinschaft gibt hin und wieder ganz dosiert Einblicke in ihr Leben.
So hat sie ein Büchlein über ihre Kartause herausgegeben. Und berichtet darin von ihrer Ankunft in Oberschwaben. Es war ein Umzug. Das Kloster war seit 1869 bei Düsseldorf. Aber die laute Welt rückte doch ziemlich nah an die stillen Mönche: Die Stadt breitete sich immer mehr aus, dazu wollte auch noch der expandierende Flughafen Flächen.
Die Mönche verkauften ihr Kloster und erwarben einen Bauernhof in Oberschwaben. Den ließen sie nach ihren Bedürfnissen von 1962 bis 1964 umbauen. Eine 2,5 Meter hohe und 1,2 Kilometer lange Mauer schirmt das Areal ab. Der Mittelpunkt ist die Kirche, in schlichtem Weiß, innen schmucklos. Sie liegt direkt am Großen Kreuzgang, in dessen Mitte der Kloster-Friedhof angelegt ist.
Ein Kartäuser bleibt auch nach dem Tod in seinem Kloster. Wenn er stirbt, wird er hier beerdigt – in seinem Habit, ohne Sarg, nur auf einem Holzbrett liegend. Unter einem Holzkreuz liegen hier auch die Gebeine der Mönche, die im Düsseldorfer Kloster gestorben sind. Beim Umzug kamen sie mit nach Oberschwaben.
Dass schon ihr Leben ein vorzeitiger Tod ist, das hat einmal der Marienauer Prior einem Reporter der Zeitschrift „Geo“ zugegeben: „Wir haben uns gelöst von der Welt. Wir leben mit einem Bein im Jenseits“, sagte er. So sind die Kartäuser nie zu einer Massenbewegung geworden. Momentan hat der Orden weltweit 16 Männer- und fünf Frauenklöster, die Zahl der Mönche und Schwestern soll bei etwa 400 liegen.
Andererseits: die Rigorosität der Kartäuser hat auch immer fasziniert. Mehr als 700 Suchende nach einer Alternative hat der Prior erlebt, erzählt er dem „Geo“-Besucher damals, 1987. Und: „Unser Leben selbst ist die Selektion. Als Einsiedler sind wir auf uns gestellt, wir müssen aber auch mit uns selbst auskommen. Daher ist unser Leben für den modernen Menschen unerträglich. Und die Meditation, die hier erwartet wird, ist härter als jede Psychoanalyse.“
In der Marienau leben momentan acht Priestermönche und zwei Novizen. Dazu sind elf Brüdermönche im Kloster. Der älteste, ein 80-Jähriger, war schon im Düsseldorfer Kloster tätig. Auch der jetzige Prior Moses Maria Thiel hat kürzlich gegenüber der „Schwäbischen Zeitung“ per Mail von einem regen Interesse an der Kartause berichtet: „Aber da unser Leben doch streng und sehr speziell ist, treten tatsächlich nur wenige ein. Und wir müssen sehr sorgfältig und vorsichtig sein, denn unser Leben erfordert psychische und physische Gesundheit und eine gewisse Reife.“
Denn auch in einer Kartause läuft nicht immer alles glatt. Die Marienau hatte von 2017 bis 2024 keinen Prior, weil es unter dem Vorgänger von Moses Maria Thiel „interne Fehlentscheidungen“ gab. „Versuchungen und Prüfungen fehlen im Kloster ebenso wenig wie anderswo“, schreiben die Marienauer Mönche in ihrem Büchlein.
„Aber es gibt weniger Gefahren, und die Gnade ist mächtiger.“ Da ist sich die Gemeinschaft ganz sicher – gemäß ihrem Ordensmotto, das auch in den Grundstein ihrer Kartause gemeißelt ist: Stat crux dum volvitur orbis – Das Kreuz steht, während die Welt sich weiterdreht.