Das Erbe des Comandante in Venezuela Was vom Chavismus bleibt

Von , Caracas 

Im Ausland ist Hugo Chávez als Diktator beschimpft, in seiner Heimat als Held vergöttert worden. Das wirtschaftliche Erbe des verstorbenen Präsidenten ist katastrophal, auch viele seiner sozialen Vorhaben sind gescheitert.

Die Trauer um den  Comandante hält an. Seine  Anhänger  verehrten Chávez bereits zu Lebzeiten wie einen Heiligen. Foto: dpa
Die Trauer um den Comandante hält an. Seine Anhänger verehrten Chávez bereits zu Lebzeiten wie einen Heiligen. Foto: dpa

Caracas - Was in den 14 Jahren unter Chávez besser geworden ist? „Da weiß ich nicht, wo ich anfangen soll“, sagt David Angulo und legt los mit dem Thema Gleichheit: „Das hat die Regierung gut gemacht, denn die Reichen haben doch früher auf unsereins herabgeschaut.“ Heute fänden auch Arbeiter wie er Gehör, wirtschaftlich gehe es ihm viel besser, am Arbeitsplatz habe er mehr Rechte als früher. Und die Alten, die erhielten eine Rente.

Als Vorarbeiter am Bau ist der 45-jährige Angulo in ganz Venezuela herumgekommen, und sein Häuschen hier oben auf einem der Hügel von Cátia ist nicht das kleinste und nicht das bescheidenste in der Straße. Man hat einen prächtigen Blick: ringsherum liegt Cátia, 400 000 Einwohnern, ein Stadtviertel von Caracas. Die Täler und Hügel sind ausgelegt mit einem riesigen Teppich aus kleinen, bescheidenen Häusern, gelegentlich ragen ein paar Wohnblöcke in die Höhe.

Bei der Unwetterkatastrophe Ende 2010 hat sich die Straße vor Angulos Haus der Länge nach halbiert. Eine Hälfte sackte fünf, sechs Meter ab. Da unten liegt der Müll, und von dort aus schmeißen die Nachbarn ihren Abfall auch den Abhang hinab. Ja, und die Nachbarschaftsräte? Die Teilhabe des Volkes an der Macht, die die Sympathisanten immer als die basisdemokratische Errungenschaft des Chavismus herausstellen? Angulos Begeisterung ist verflogen: „Die wissen das, versprechen alles, machen ein Projekt, reichen es ein, und das war’s dann!“

Es ist eine andere Epoche angebrochen

Als Hugo Chávez 1998 die Wahl gewann, begann tatsächlich eine neue Epoche in Venezuela, so wie Chávez das versprochen und wie Venezuela das erhofft hatte. Die früher regierenden Parteien hatten sich, kurz gesagt, Macht und Pfründe geteilt. Epochale Korruption war die Folge in einem Land, in dem das Öl aus dem Boden sprudelt. Das Problem ist nur: Der Reichtum ist immer noch gewiss, die Korruption ist immer noch epochal. Bloß dass eben eine andere Epoche angebrochen ist.

„Das Wichtigste in den 14 Jahren unter Chávez ist der Aufstieg einer politischen Elite, die aus dem Militär kommt“, sagt der Soziologe Tulio Hernández. Das autoritäre militärische Prinzip von Befehl und Gehorsam, das dem sprunghaften Aktionismus des verstorbenen Comandante zugrunde lag, widerspricht dem Vorsatz, das Volk solle wenigstens auf unterster Ebene an der Macht teilhaben. Die Nachbarschaftsräte sind machtlos; das Sagen hat die Verwaltungsebene – und dort ist auch die Korruption beheimatet. Und natürlich in all den darüber liegenden Ebenen.

José Quintero gehört dem Bürgerverein Pro Cátia an, den es seit 30 Jahren gibt. „Ich würde Ihnen gerne mehr zeigen, was in den letzten 14 Jahren an Positivem geschehen ist“, sagt er bei einer Rundfahrt, „aber viel gibt es leider nicht“. Uneingeschränkt positiv fällt sein Urteil nur über die neuen Metrobusse aus; Buslinien, die die U-Bahn-Linie im Tal in Richtung Berge anbinden.

Aufwendige Sozialwerke – von denen viele geschlossen sind

Und das soll schon alles gewesen sein, was der Chavismus für Cátia gebracht hat? Zu den viel gerühmten Errungenschaften der Ära Chávez gehören die „misiones“, aufwendige Sozialwerke, die Chávez parallel zur staatlichen Verwaltung schuf, was ihm reihenweise Wahlsiege sicherte. Die bekannteste Mission ist „Barrio Adentro“, die eine medizinische Grundversorgung in die Armenviertel brachte. Fast 7000 der charakteristisch achteckigen Module wurden dafür im ganzen Land aufgestellt. Aber dem venezolanischen Ärztebund zufolge – dem das System natürlich gar nicht passte, zumal die Ärzte Kubaner waren – sind heute 80 Prozent davon geschlossen. Auch in Cátia ist das so: Zehn von elf Achtecken sind zu, jedenfalls am Nachmittag.

„Nicht einmal die Müllabfuhr klappt, seit sie verstaatlicht ist“, schimpft José. Die Mülltüten liegen an Dutzenden von Sammelstellen mannshoch herum, keiner hat sie abgeholt. An einem Müllberg durchwühlen drei junge Männer den Abfall. Keine einzige der Tankstellen in der Gegend hat Sprit, obwohl Venezuela die größten Ölreserven der Welt hat. José fährt grimmig all die enteigneten und jetzt leer stehenden Fabriken ab sowie die angefangenen und vorzeitig beendeten Bauprojekte. Spielplätze, die nicht fertig sind, neue Sportanlagen, die mangels Wartung mittlerweile uralt aussehen, Gebäude, die planlos in die Landschaft gesetzt wurden. „Vor Chávez hat auch vieles nicht geklappt, aber die Leute konnten sich beschweren“, klagt er, „heute bist du schnell ein Oligarch oder ein CIA-Agent, wenn du meckerst“.




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