1987 wurde das heutige Westin Grand Hotel in Ost-Berlin als Vorzeigehotel der DDR eröffnet. Foto: Hotel/Matthias Hamel
Auch im Sozialismus gab es Luxus: An der Ecke Unter den Linden und Friedrichstraße eröffnete 1987 das Vorzeigehotel der DDR. Heute wird das Haus als Marke der Marriott-Gruppe betrieben und hat sich einen charmanten Hauch Ostflair bewahrt.
Man muss den Kopf weit in den Nacken legen, um in der offenen Hotelhalle ganz nach oben bis zur bunten Glaskuppel zu sehen. Ein beeindruckendes Atrium, großzügige sechs Stockwerke hoch, mit umlaufenden Gängen und einer prächtigen Freitreppe, die ihresgleichen sucht. Nicht einmal im Hotel Adlon haben sie so einen pompösen Aufgang. Wer hätte diese verschwenderische Opulenz der Staat gewordenen Mangelverwaltung alias DDR zugetraut?
Das Vorzeigehaus des Ostens
Das heutige Westin Grand wurde ab 1985 als Ost-Berliner Interhotel erbaut, im Volksmund auch „Honeckers Grandhotel“ genannt. Dabei hat der Staatsratsvorsitzende der Deutschen Demokratischen Republik das Haus nur einmal betreten – und auch das nur während der Bauphase. Errichtet wurde die sozialistische Edelherberge von der japanischen Firma Kajima Corporations und dem schwedischen Unternehmen Siab. Man holte sich Hilfe außerhalb der Bruderstaaten, denn es sollte das Vorzeigehaus des Ostens schlechthin werden, ein Prestigebau und Devisenbringer.
Die Eröffnung fand pünktlich zum 750-Jahr-Jubiläum von Berlin am 1. August 1987 statt. Das Haus in bester Lage an der Friedrichstraße füllt auf 35 000 Quadratmetern fast den ganzen Block zwischen Unter den Linden und der Behrenstraße und schmiegt sich um einen begrünten Innenhof. Statt ostüblich-klotzigem Plattenbau wählte man den vornehmen Klassizismus der Jahrhundertwende.
Die imposante Lobby ist das Markenzeichen des Hotels Westin Grand. Foto: Hotel Westin Grand
Denn an genau dieser Stelle stand schon einmal ein pompöser Kuppelbau: die Kaisergalerie, Berlins erste Passage, 1873 feierlich eingeweiht am Geburtstag von Kaiser Wilhelm I., dem 22. März. Der Mix aus Läden, Restaurants, Bars und einem Panoptikum wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört, die Ruine in den 1950er Jahren gesprengt. „Dann war das Gelände jahrzehntelang der Parkplatz der Komischen Oper“, erzählt Andrea Bishara, heute PR-Managerin des Hotels Westin Grand.
Eine Berliner Ansichtskarte um 1900 zeigt die Kaisergalerie-Passage. Foto: imago/Schöning
Bei der Planung des neuen Prestigehauses der Deutschen Demokratischen Republik Mitte der 1980er Jahre ließ sich der Stararchitekt Erhardt Gißke von alten Aufnahmen der Passage und deren aufwendigem Grundriss inspirieren. Der Generalbaudirektor der DDR war an vielen bedeutenden Bauten in Ost-Berlin beteiligt – unter anderem am Palast der Republik, am Friedrichstadtpalast und an der Wiederherstellung des Berliner Doms. Sein Entwurf entspricht dem sogenannten „Linden-Statut“, das eine maximale Dachtraufhöhe von 22 Metern vorschreibt. Außerdem müssen die Ecken des Hauses abgestumpft sein, die Steinfassade reich gegliedert. Arkaden laden Passanten zum Flanieren ein, es gibt schmiedeeiserne Gitter und ein Ziegeldach.
Schalck-Golodkowskis Auftrag: Wir wollen Weststandard
Offizielle Zahlen über die Bausumme wurden nie genannt – man munkelt, der Palast habe 200 Millionen West-Mark gekostet. Das Budget hatte der Chefdevisenbeschaffer der DDR organisiert, Alexander Schalck-Golodkowski, Staatssekretär im Außenhandelsministerium. Und sein Auftrag hieß: Wir wollen Weststandard. Während die meisten Menschen in der DDR mit Kohle heizten und die Toilette auf halber Treppe hatten, verfügten die rund 350 Zimmer und Suiten im Grandhotel über luxuriöse Annehmlichkeiten wie Klimaanlage oder Farbfernseher.
Junior-Suite zu DDR-Zeiten Foto: Westin Grand Hotel Archiv
Dazu gab es eine opulente kulinarische Auswahl von elf Restaurants: Im Gasthaus Zur goldenen Gans im ersten Stock kredenzte man thüringische Küche, im Forellenquintett wurden Spezialitäten aus dem Spreewald serviert, das Lokal namens Stammhaus offerierte Berliner Speisen. „Damals gab es ja hier in der Umgebung fast nichts, die Gäste mussten im Haus versorgt werden“, sagt Andrea Bishara. Heute geht man einfach ein paar Schritte Richtung Gendarmenmarkt und erreicht Berliner Gastrolegenden wie das Borchardt, das Bocca di Bacco oder Cookies Cream.
Im Stammhaus gab es Berliner Küche. Foto: Westin Grand Hotel Archiv
Das in den DDR-Jahren zu den Interhotels gehörende Haus richtete sich an ausländische Besucher, Agenten aus dem Westen trafen auf die „Kundschafter für den Frieden“. Zu den berühmtesten Gästen vor dem Mauerfall gehörten die Sänger Bob Dylan und Bruce Springsteen, Komponist Leonard Bernstein, Schauspieler Kirk Douglas oder Bands wie Depeche Mode oder die Beach Boys. Gut gebucht war das Grandhotel nicht: „Die Belegung damals lag bei 40 Prozent, wir haben heute im Durchschnitt 83 Prozent“, sagt Andrea Bishara.
Viermal im Jahr gab es einen Ball, bei dem DDR-Bürger zugelassen waren
Viermal im Jahr veranstaltete das Grand Hotel Berlin einen großen Ball in der feudalen Halle, mit Pomp, Zipp und Zapp. Nur zu diesen besonderen Gelegenheiten durften auch DDR-Bürger das Hotel betreten und sogar über Nacht bleiben. Sonst hätte man gar nicht genug Leute zusammenbekommen für so eine Großveranstaltung. Im Hotel waren nur konvertible Währungen akzeptiert – D-Mark und US-Dollar. Laut einer alten Preisliste kostete ein Einzelzimmer 275 und ein Doppelzimmer 350 Mark West, Ende der 1980er Jahre nicht gerade preiswert. Zum Vergleich: Ein Empfangsmitarbeiter im Hotel verdiente damals 700 Mark Ost. Und der Kurs war nur offiziell 1 zu 1 – auf der Straße wurde willkürlich getauscht, als Richtschnur galt 100 Mark Ost gleich 20 Mark West, Kurs 1:5.
DDR-Bürger durften nur die Lokale des Interhotels besuchen, die von außen zugänglich waren. Hier konnte man mit Ost-Mark bezahlen, die Preise für Speisen und Getränke waren allerdings für DDR-Verhältnisse astronomisch hoch. Dennoch gab es viele Leute, die sich um eine Tischreservierung zur Not geprügelt hätten. Man kam nur mit Beziehungen und Geduld zum Zuge. „Es war sehr beliebt, hier im Haus zu essen. Wo sollte man denn sonst auch im Osten sein Geld ausgeben?“ fragt ein Mitarbeiter des Westin, der schon von Beginn an im Hause ist. Seinen Namen möchte er nicht genannt haben. Er fürchtet sich auch 35 Jahre nach dem Mauerfall noch vor dem langen Arm der Stasi, die damals im Grandhotel zwei eigene Büros hatte – „durch den Mitarbeitereingang unbemerkt zu erreichen und direkt neben dem Büro des Direktors“.
Das Jagdzimmer verfügte über eine Orgel. Leider musste sie nach einem Wasserschaden ausgebaut werden. Foto: Westin Grand Hotel Archiv
Manchmal heißt es, das Ministerium für Staatssicherheit hätte im Grandhotel keine Abhöranlagen installiert. Der Zeitzeuge erzählt allerdings etwas anderes. Im Februar 1990 sei das Hotel für zwei Tage komplett geschlossen worden – offiziell zur Schädlingsbekämpfung. „Wir haben damals Witze gemacht, dass man vor allem Wanzen entfernen musste“, sagt er und erzählt von einem riesigen Technikraum im Keller direkt hinter der Telefonzentrale. Kilometerweise Kabel sollen damals hier herausgezogen worden sein, ein Großreinemachen für die Zukunft.
Promis und gekrönte Häupter
Zur Ausstattung des Grandhotels gehörten auch unerhörte Dinge wie die angeblich einzige Squashhalle der DDR – heute ein Fitnessraum – und eine Hotelorgel. Im Jagdsalon im ersten Stock war das Instrument mit zwölf Registern, zwei Manualen und einem Pedal eingebaut. „Ab und zu kam ein Organist vorbei und gab ein Konzert. Dazu öffnete man die Türen des Zimmers und die Musik war im ganzen Haus zu hören – wunderschön!“ sagt der anonyme Zeuge. Leider erlitt das gute Stück vor knapp 15 Jahren einen Wasserschaden. Ein Rohr im Stockwerk darüber war geplatzt. „Die Reparatur wäre viel zu teuer gewesen, daher wurde die Orgel ausgebaut und ging zurück an die Werkstatt aus Dresden, die sie einst geliefert hatte“ sagt PR-Managerin Bishara.
Nach zwei Jahren kam die Wende und es war vorbei mit Honeckers Edelherberge. Die Treuhandanstalt verkaufte das Haus gemeinsam mit den anderen Interhotels. Im Laufe der Jahre wechselte der Besitzer mehrfach, im Moment gehört das Haus einem französischen Immobilienkonzern und wird als Westin betrieben, eine Marke des Marriott-Konzerns. Noch immer ist das Hotel bei Promis beliebt. Zur Fußball-Weltmeisterschaft 2006 war die argentinische National-Elf vor dem Viertelfinalspiel hier zu Gast und hatte Stürmerstar Diego Maradona im Schlepptau. Gekrönte Häupter wie der japanische Kaiser Akihito und Kaiserin Michiko nächtigten hier.
Wer heute eincheckt, merkt nicht mehr, dass es sich um ein Relikt der DDR handelt. Foto: Hotel Westin Grand
In den vergangenen Jahren wurde kräftig renoviert. Das ehemalige Gourmetrestaurant im siebten Stock verwandelte man in Hotelzimmer. So erklärt sich, dass es heute mit 400 Zimmern mehr gibt als zu Ostzeiten. Wer heute eincheckt, merkt nicht mehr, dass es sich hier um ein Relikt der DDR handelt. Weiche Boxspringbetten, eleganter Parkettboden, große Bäder mit bodengleicher Dusche, riesige Flachbildschirme. Nur die Hotelhalle versprüht noch diesen besonderen Charme und lässt das Herz von Ostalgikern aufgehen. „Die Marmorsäulen und die Geländer sind original erhalten wie fast alles hier in der Halle“, sagt Andrea Bishara. Kein Wunder, dass das Westin Grand schon als Kulisse für diverse Filme diente. Der in einem Rutsch ohne jeden Schnitt durchgedrehte Film „Victoria“ spielt zum Beispiel hier, Matt Damon checkt im Agententhriller die „Bourne Verschwörung“ ein und liefert sich danach eine wilde Verfolgungsjagd durch ganz Berlin.