Das erste Mal Haufenweise Haufen

Vorbildlich: Hier bleibt nichts auf der Straße! Foto: dpa/Maja Hitij

Vorsicht auf dem Bürgersteig vor Tretminen – oder genau hinschauen, meint unsere Kolumnistin Anna Katharina Hahn.

Ein prüfender Blick nach vorn empfiehlt sich, denn beim Schlendern bin ich schon öfter in etwas getreten, unappetitlich, braun, fäkal, nun denn. Großstädter wissen genau, wovon die Rede ist. Trotz Kottütenspendern an jeder Ecke, trotz des guten Vorbilds der allermeisten, die Hunde spazieren führen, liegen immer wieder leidige Haufen herum und sorgen dafür, dass ich in letzter Minute einen Haken schlage – oder eben nicht. Hat sich solch ein stinkender Fehltritt ereignet, bin ich tagelang vorsichtig, setze meine Schritte behutsam, halte Ausschau.

 

Wieder hat ein Lümmel etwas fallen lassen! Nicht zu fassen. Breit gestreut in mächtigen Batzen, umgeben von kleinen Klumpen. Was für eine Blutsauerei, denke ich grimmig. Leider sind im ferienleeren Viertel um diese Uhrzeit weder Mensch noch Vierbeiner zu sehen. Keine Spur von den schuldigen Verschmutzern, die ich anpflaumen und danach pädagogisch wirksam mit einem Plastikbeutel für die Hinterlassenschaften ausstatten könnte. Dank der Gasthunde stecken in jeder meiner Hand-, Jacken- oder Manteltaschen einige davon. Unwillkürlich frage ich mich, ob so Verschrobenheit aussieht.

Doch im Nähertreten erweisen sich die aus der Ferne ekelhaft anmutenden Bollen als etwas ganz anderes. Nicht aus dem Gekröse eines Köters sind sie auf den Gehweg geplumpst. Sie stammen aus höheren Regionen, wachsen in Himmelsnähe, sind moosgrün und besitzen einen erstaunlich dicken, erdigen Untergrund. Hier liegt Dachbewuchs. Und unter ihm hat es von tausenden von Kleinstlebewesen gewimmelt, ein Festmahl für hungrige Vögel. Wer einmal erlebt hat, wie eine Amsel kräftig, gelbschnabelig und entschlossen in Blumentöpfen, an Beeträndern, auf Wiesen nach Futter gräbt, wird nie wieder auf derartige Kack-Attrappen hereinfallen. Der Frühsommer bringt den herrlichen Gesang dieser Vögel – ich weiß, es handelt sich nur um Revier-Abgrenzungen – sie bauen Nester, brüten und suchen von früh bis spät nach Nahrung. Im Weitergehen weiche ich noch zweimal von Dächern gehackten Moosstücken aus. Meine Laune hat sich erheblich gebessert.

Ab und an lohnt sich ein Blick zu Boden. Mitten in der Stadt habe ich mit allerlei Beerenkernen durchsetzte Fuchslosung gefunden und dank ihrer an Klecksbilder erinnernden, weißen und violetten Spuren auf dem Asphalt den Schlafbaum eines Ringeltauben-Pärchens identifiziert.

Schließlich komme ich an einer unvollendeten Baustelle mitsamt dem in der Hitze Gerüche ausdünstenden Dixi-Häuschen vorbei, atme unwillkürlich tief ein, bevor ich es mit angehaltenem Atem passiere. Beim Luftholen piept mein Handy: neue Schlagzeilen aus aller Welt. Wieder einmal überlege ich, diese Funktion abzustellen, kann dann nicht anders, als auf das Display zu schauen und wünsche mir anschließend einen riesigen Kotbeutel für alles Traurige und Schlechte.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Stuttgart Kolumne Kommentar Hundekot