Das Erzähldebüt von Burghart Klaußner: „Vor dem Anfang“ Schwejk mit Berliner Schnauze

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Zwei Männer, die sich in den letzten Kriegstagen mit dem Fahrrad durch die Trümmerstadt Berlin schlagen – der große Schauspieler Burghart Klaußner hat seinen ersten Roman geschrieben: „Vor dem Anfang“.

Jetzt schreibt er auch: der Schauspieler Burghart Klausner Foto: dpa
Jetzt schreibt er auch: der Schauspieler Burghart Klausner Foto: dpa

Stuttgart - Andrea Sawatzki, Ulrich Tukur, Matthias Brandt: auf der Liste der Schauspieler, die sich bereits als Schriftsteller versucht haben, sind das die prominentesten Namen. Nun kommt ein weiterer hinzu: Burghart Klausner. Auch er, der in allen großen Theatern zuhause ist und im Kino zuletzt in Lars Kraumes „Der Staat gegen Fritz Bauer“ als Titelheld brillierte, hat nun als Romanautor debütiert. „Vor dem Anfang“ heißt sein schmaler Erstling, der eine unerhörte Begebenheit schildert und dem er einen Satz aus Kleists „Anekdote aus dem letzten preußischen Kriege“ vorangestellt hat. Das hätte der 69-jährige Klaußner nicht tun sollen: Wer den Sprach- und Satzbauvirtuosen Kleist aufruft, weckt Erwartungen, die kaum zu erfüllen sind.

„Vor dem Anfang“ spielt freilich ebenfalls in einer Art preußischem Krieg. Genauer: am 23. April 1945, als Berlin in Trümmern liegt und zwei beim Arbeitsdienst verpflichtete Männer eine letzte Mission zu erfüllen haben. Mit einer Geldkassette müssen sich Fritz und Schultz vom Flughafen Johannisthal in Berlin-Adlershof zum Reichsluftministerium in Berlin-Mitte durchschlagen, mit klapprigen Fahrrädern vorbei an unberechenbaren Militärposten unterm Bombenhagel der Alliierten. Fritz ist ein Hallodri und Draufgänger, Schultz ein Grübler und Zauderer. Ihr gemeinsames Anliegen: heil durch den Schlamassel zu kommen. Dass aus ihrer Zweckgemeinschaft auch bald eine Freundschaft wird, lässt das „tz“ in ihren Namen ahnen.

Kulissenschieber in der Trümmerstadt

Diese kleine, am Wannsee endende Geschichte erzählt Klaußner in einem gemütlich kumpelhaften, biederen, leutseligen Ton. Die Redensarten und Plattitüden, die er seinen Figuren in den Mund legt, unterlaufen aber leider auch ihm als Erzähler selbst. Da hat man dann „jemanden am Wickel“ und „überlässt ihn seinem Schicksal“ – wobei auch jenseits solcher häufig auftretenden Wendungen die Abwesenheit jeglicher sprachlicher und stilistischer Originalität auffällt. Stattdessen schiebt der Autor eine Kulisse nach der anderen ins Blickfeld und lässt eine Unzahl von Figuren darin auftreten. Man verliert rasch den Überblick, denn was Klaußner als Schauspieler in anbetungswürdiger Weise gelingt, die präzise Zeichnung von Menschen und Situationen, misslingt ihm als Schriftsteller durchweg. Seine Protagonisten bleiben flache, austauschbare Schablonen, selbst wenn er speziell seinem Fritz in unbeholfen eingeschobenen Rückschauen etwas Seelenvolumen geben will.

Den Schrecken des Kriegs bekommt Klaußner in der mit Landserhumor unterfütterten Schwejkiade sowieso nicht zu fassen. Er blendet ihn weitgehend aus – und wenn Schrecken, Not, Verzweiflung in der Berliner Bombennacht doch mal kurz aufleuchten, fehlt dem Autor das Vermögen, den Horror und das Inferno angemessen zu beschreiben: Angesichts des Kriegs kapituliert seine Alltagssprache vollends. Klaußner war also nicht gut beraten, einen lose mit der Biografie seines Vaters spielenden Roman zu veröffentlichen. Vielleicht ließ er sich zu seinem fragwürdigen Debüt ja vom Erfolg des Schauspiel-Kollegen Matthias Brandt hinreißen, der vor zwei Jahren mit „Raumpatrouille“ die Kritik überzeugte und das Publikum begeisterte. Ebenfalls biografisch angelegt, ebenfalls bei Kiepenheuer & Witsch erschienen glänzte dessen Prosa mit scharfer Beobachtungsgabe, reichem Vokabular und strikter Erzählökonomie. „Vor dem Anfang“ hat nichts davon: Von Brandt ist Klaußner fast so weit entfernt wie von Kleist.