Das Formel-1-Duell bei Red Bulll Der Asket und das Talent

Sebastian Vettel und Mark Webber sind nicht unbedingt gute Freunde. Foto: dpa
Sebastian Vettel und Mark Webber sind nicht unbedingt gute Freunde. Foto: dpa

Beim Formel-1-Team Red Bull steht möglicherweise wieder etwas Ärger ins Haus. Sowohl der Heppenheimer Sebastian Vettel als auch Mark Webber können und wollen Champion werden.

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Silverstone – Mal fragt Sebastian Vettel danach, wie es gerade beim Finale in Wimbledon steht, mal spielt er demonstrativ uninteressiert am Mikrofonständer, den Rest des Auftritts bestreit er mit seinem bubenhaften Grinsen, dass diesmal eher spitzbübisch wirkt. So oft kommt es ja nicht vor, dass der Red-Bull-Kollege Mark Webber eine Siegerpressekonferenz abhalten darf, und der Formel-1-Weltmeister nur der Dritte im Bunde ist. Da muss man in Sachen psychologischer Kampfführung schon etwas tun.

Der Australier ist nach dem Großen Preis von Großbritannien zu einer ernsten Bedrohung für Vettels Pläne der Titelverteidigung geworden. Webber versucht es mit Entspannungspolitik. Der 35-jährige Rennfahrer hat dadurch, dass er in Silverstone Fernando Alonso vier Runden vor Schluss noch abfangen konnte, von den letzten vier Rennen zwei gewonnen. Man könnte sagen: Der Red-Bull-Pilot hat einen Lauf, während der bislang einzige Saisonsieg des Konkurrenten Vettel Mitte April stattfand. Kurz vor der Saisonhalbzeit am übernächsten Wochenende in Hockenheim ist Webber mit 13 Punkten Rückstand hinter Alonso WM-Zweiter, vor allem aber liegt er 16 Zähler vor dem Drittplatzierten Vettel. Der Heppenheimer versucht, das neue Kapitel der Inteam-Feindschaft herunterzuspielen, hält es für eine komfortable Situation, den Tagessieger im eigenen Rennstall zu haben, da könne er ja genau beobachten, was dieser so treibe.

Der Spaziergang mit den Hunden motiviert

Webber lässt sich derweil von Altmeister Jackie Stewart gratulieren, gibt den englischen Grand Prix als Heimsieg aus, erzählt davon, wie er sich die Kraft für den Erfolg auf den letzten Drücker morgens beim Spaziergang mit den Hunden geholt habe. Trotzdem wirkt er unmittelbar nach dem Triumph seltsam unruhig, der Genuss ist noch nicht so richtig angekommen. Und dann erstarrt er zum Nussknacker. Dabei hat ein russischer Journalist den 35-Jährigen ganz unschuldig gefragt, ob er denn, wenn es langsam ernst werde in der Weltmeisterschaft, den Teamkollegen demnächst vorbeilassen müsse. Webber bejaht zunächst, „klar, demnächst in Hockenheim“, aber dann erbittet er sich Respekt: „Ich gucke nicht, wer Dritter, Vierter oder Fünfter ist. Ich habe schon zwei besondere Siege errungen in diesem Jahr, und ich schaue nur auf den kleinen Mann hier neben mir. Der macht die Sache auch gut, und deshalb muss ich weiter kämpfen.“

Der angesprochene Fernando Alonso zu seiner Rechten lächelt. Aufmunternd? Hämisch? Ausdruck dessen, dass diese Saison langsam in eine vorentscheidende Phase tritt. Das Einmannteam Ferrari und die beiden Renn-Bullen scheinen die bunte Reihe mit sieben unterschiedlichen Siegern in den ersten sieben Rennen durchschlagen zu haben. Bestätigen sie das in zwei Wochen beim Großen Preis von Deutschland, und kommen Lewis Hamilton im McLaren, Kimi Räikkönen und Romain Grosjean im Lotus sowie Nico Rosberg im Mercedes nicht alsbald richtig in die Gänge, dann könnte das auf einen heftigen Dreikampf hinauslaufen.

Mit besonderem Fokus auf das interne Duell zwischen Webber und Vettel natürlich. Rückblick: vor zwei Jahren wurde die Beziehung zwischen dem Asketen aus New South Wales und dem Talent aus Heppenheim gestört, weil Webber mit schlechterem Material ausgerüstet war und trotzdem gewonnen hatte. Also schrie er in die Welt hinaus: „Nicht schlecht für einen Nummer-zwei-Fahrer, was?“ Von diesem verbalen Crashtest hat sich die Zweckbeziehung der beiden nie richtig erholt.

Das traurige Dasein des ewig Benachteiligten

Webber hatte 2010 ein Sommerhoch, 2011 ein Jahr zum Vergessen. Vettel legte einen starken Schlussspurt hin damals, triumphierte im finalen Drama von Abu Dhabi über die Ferrari-Taktik und Alonso und wurde jüngster Weltmeister der Formel-1-Historie. Wiederholt sich also die Geschichte? Die Protagonisten sind dieselben, aber sie haben sich verändert. Webber kommt mit der aktuellen Fahrzeugcharakteristik des RB8 und der Reifennutzung offenbar besser klar als der Teamkollege Vettel. Alonso hat heute eine Position bei Ferrari wie früher Michael Schumacher und ist der überlegteste Fahrer im Feld. Webber pflegt zwar noch gern das traurige Dasein des ewig Benachteiligten, aber aus dem Frust bezieht er neue Lust: „Dieser Sieg beim Heim-Grand-Prix von Red Bull gibt mir Befriedigung. Mein Selbstvertrauen ist alles andere als niedrig.“

In der Medienrunde wird munter darüber spekuliert, ob es 2013 vielleicht eine Paarung Alonso/Webber bei Ferrari geben könnte. Vettel setzt seinen angestrengt ­interessierten Gesichtsausdruck auf. Der Spanier hält das Szenario derweil noch für zu abstrakt, sagt aber: „Dann müsste ich mir wohl höhere Schuhe besorgen.“ Der 1,85 Meter große Webber, dessen Vertrag zum Saisonende ausläuft, fängt sich wieder, und er meint es nur halb im Spaß, wenn er sagt: „Dieser Sieg hilft mir, dass ich auch nächstes Jahr noch in der Formel 1 bin.“ Vermutlich sogar bei Red Bull. Die Frage ist nur: Mit welcher Nummer?

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