InterviewMercedes-Sportchef Toto Wolff „Das ist Aktionismus“

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Mercedes-Sportchef Toto Wolff spricht über Veränderungen in der Formel 1 wie die Abschaffung der Grid-Girls und über die Aussichten für die Zukunft. Er hofft, bald in New York oder Miami zu fahren.

Toto Wolff hofft, dass die Formel 1 neue Zuschauer generieren kann. Foto: Baumann
Toto Wolff hofft, dass die Formel 1 neue Zuschauer generieren kann. Foto: Baumann

Stuttgart - Am 25. März startet die Formel 1 in die neue Saison. Mercedes-Teamchef Toto Wolff glaubt, dass Lewis Hamilton heiß ist auf seinen fünften Titel – genauso wie das Team. Denn damit wäre auch ein Rekord von Ferrari eingestellt.

Herr Wolff, haben Sie sich im Winter erholt?
Nach dem Finale in Abu Dhabi fällt jeder von uns in ein Loch. Das ist aber wichtig, weil man sich dadurch neu ordnen kann. Wir haben uns mit den 30 Topmanagern des Teams in der Oxford-Universität für zwei Tage eingesperrt und dort versucht, uns akademisch inspirieren zu lassen. Wir haben Rollenspiele gemacht. Einer war in der Ferrari-Gruppe, einer in der Fia-Gruppe, der andere bei Liberty Media. Die Aufgabe war, Mercedes zu stoppen. Ich gehörte übrigens der Ferrari-Gruppe an.
Und? Wie stoppt man Mercedes?
Das kann ich Ihnen leider nicht verraten.
Seit einem Jahr hat die Liberty Media in der Formel 1 das Sagen. Es gibt keine Grid-Girls mehr, dafür den optisch umstrittenen Kopfschutz Halo, die Rennen beginnen später. Macht die neue Führung ihre Sache gut?
Ein Jahr ist Liberty Media da, und ich finde, dass sie sich eine Schonfrist verdient haben. Es ist immer sehr leicht, von der Tribüne aus den Trainer zu kritisieren, denn unten am Spielfeld Entscheidungen zu treffen ist nicht immer einfach – im Zweifel für den Angeklagten.
Sie sind also nicht ganz glücklich?
Die getroffenen Entscheidungen sind jede für sich nicht besonders relevant, doch in der Summe nicht nur positiv.
Ein hartes Urteil.
Man kann über das Pro und Kontra im Hinblick auf Grid-Girls diskutieren; in meinen Augen war ihre Anwesenheit nicht diskriminierend, eher eine Sponsorship-Möglichkeit, die verkauft worden ist. Ich hätte versucht, sie mehr in den Eventablauf zu integrieren, und sie nicht nur zum Objekt gemacht. Ganz abgeschafft hätte ich sie nicht. Das ist Aktionismus und etwas, das nicht wirklich zählt.
Was zählt stattdessen?
Es ist wichtig, mit den Großen dieser Welt neue digitale Kooperationen zu schließen. Wir müssen uns fit und attraktiv machen für Facebook, Google, Netflix und andere Internetplattformen. Und wir müssen einen großen Partner wie RTL in Deutschland fragen: Was braucht ihr? Was können wir tun? Überdies müssen neue Sponsoren an Land gezogen werden. Die Liberty-Leute sind Amerikaner, sie kennen den US-Markt in- und auswendig.
Das Malaysia-Rennen ist passé. Ärgerlich?
Man muss neue Strecken an Bord holen. Der Malaysia-Grand-Prix ist weg, dabei war er ein sehr lukratives Rennen. Ich werde Sepang vermissen – auch weil es das Heimrennen von unserem Titelpartner Petronas war. Jetzt gilt es, den Ort zu ersetzen – aber nicht durch irgendwelche exotische Destinationen, sondern hoffentlich durch New York, San Francisco, Miami oder attraktive europäische und asiatische Rennen. Ich wünsche mir, dass diese Dinge im zweiten Jahr passieren. Erst dann ist es gerecht, Liberty zu beurteilen.
New York, San Francisco – das sind aber große Räder, an denen man drehen muss. Mit der Formel E, die in Innenstädten präsentiert wird, ist es leichter, in New York zu fahren, als mit der Formel 1.
Wenn du mit der Formel E nach New York gehst, zahlst du für die Rennstrecke. Die Formel 1 hat dagegen den Anspruch, dass sie es ist, die bezahlt wird, wenn sie irgendwo hingeht.
Eine selbstbewusste Einschätzung. Arbeiten große Teams wie Mercedes oder Ferrari, die ja auch viele Sponsoren besitzen, mit Liberty in solchen Fragen zusammen?
Wir müssen auf jeden Fall miteinander arbeiten und Synergien erzielen. Der frühere Formel-1-Chef Bernie Eccle­stone war ja in seinen besten Tagen deshalb so genial, weil er der Einzige war, der es geschafft hat, große Deals an Land zu ziehen. Wenn Bernie zu einer Regierung gegangen ist und gesagt hat, dass er von einem Grand Prix in Singapur träume, dann ist das auch passiert. Das hat mit der Passion und Authentizität seiner Person zu tun. Das jetzige Management muss zeigen, dass es das auch bringen kann.
Da liegt die Messlatte für Liberty aber hoch.
Ja. Hinzu kommt: Jetzt, wo Bernie weg ist, hat Liberty mit dem Problem zu kämpfen, dass jeder das Bärenfell teilen will. Es gibt für die Rennstreckenbetreiber plötzlich wieder eine Grand-Prix-Promotors-Association. Und jeder will seinen eigenen Deal nachverhandeln.
Würden Sie auf ein Rennen in Europa, dem Mutterkontinent der Formel 1, verzichten für New York oder Miami?
Ich komme immer wieder auf den Punkt zurück, die eigene Identität zu hinterfragen. Wer sind wir? Was ist die Formel 1? Wer sind unsere Fans? Welche verlieren wir, und welche würden wir gerne gewinnen? In Mexiko etwa kann Niki Lauda keine zwei Schritte machen, ohne dass eine Schar von Autogrammjägern um ihn herum ist. Dort ist die Formel 1 bekannt. Und in diese Länder müssen wir gehen. Aber wir dürfen Europa nicht vergessen. Wir kommen aus England, Deutschland und Italien – dort sind die Grands Prix entstanden. Wir müssen in Monaco fahren, wie auch in Silverstone, Monza und Hockenheim.
In einigen Standorten, die Ecclestones Globalisierungsstrategie an Bord holte, gastiert die Formel 1 aber auch vor Geisterkulissen. Die Zuschauer auf den Rängen scheinen zweitrangig zu sein, Hauptsache, der große Geldregen vom Veranstalter stimmt.
Ecclestone hat die Formel 1 von null Umsatz auf eineinhalb Milliarden Dollar Gewinn gepusht. Deshalb benötigen wir den gesunden Mix aus traditionellen Rennstrecken, die sich das nicht so leisten können, weil keine Regierungen, Sponsoren oder andere Geldgeber dahinterstehen. Bis hin zu exotischen Rennen, wo ein Formel-1-Grand-Prix eine Touristenattraktion ist, beispielsweise Baku oder Sotschi. Solch eine Stadt steht dann vier Tage auf dem globalen Radar. Da berichtet die Welt aus Baku.
Aber ohne packende Zweikämpfe geht gar nichts.
Dort beginnt alles. Wenn sich die Persönlichkeiten in den Autos nicht hart bekämpfen, spannende Rennen liefern und auch keine Kontroversen zwischen den Teams im Raum stehen, dann leidet natürlich das Interesse des Zusehers.
Haben Sie 2017 gehofft, dass Ferrari oder Red Bull stärker sind?
Nein. Wie sich die Ferrari in Singapur über den Haufen gefahren haben und in Malaysia nicht vom Start weggekommen sind – da war mein Gefühl nicht Enttäuschung. Ich vertrete ja die Marke Mercedes-Benz.
Aber Sie wollten spannende Duelle mit anderen Marken bis zum Schluss.
Der Daimler-Chef Dieter Zetsche sagt uns zwar jedes Jahr, dass wir im letzten Saisonrennen mit einem Punkt Unterschied gewinnen sollen. Doch gleichzeitig weiß ich, dass mich solch ein Szenario nervlich total belasten würde. Wenn ich ein Idealskript hätte, würde ich das von Dieter übernehmen und sagen: Super, so machen wir es! Aber so etwas kann einen auch erschlagen.
Wie spannend wird die Saison 2018?
Ich bin schlecht im Glaskugellesen. Und von den Tests lässt sich wenig ableiten. Nur so viel: Auf eine Runde sind Ferrari, Mercedes und Red Bull relativ gleich gewesen.
Wie motiviert ist Lewis Hamilton im Hinblick auf seinen fünften Titel?
Lewis ist ziemlich heiß. Er hat den Winter in Colorado verbracht und sich gut erholt – aber jetzt ist das Rennfahren für ihn wieder das Wichtigste. Ich erlebe ihn stark. Er hat nun die große Chance, sich mit einem weiteren Titel in eine noch elitärere Liga von Weltmeistern einzuordnen. Er wäre dann gleichauf mit Juan Manuel Fangio. Und dann gibt es nur noch Michael Schumacher mit sieben Titeln vor ihm.
Ist der Blick in die Statistik so wichtig?
Lewis hat da immer so gedacht wie ich: Diese historischen Erfolge spielen eines Tages ja erst eine Rolle, wenn du sagst: Das war’s. Oder wenn sie deinen Nachruf schreiben. Doch ein kleines bisschen scheint das jetzt bei Lewis anders zu sein. Ich denke, er will diesen fünften Titel unbedingt.
Der Ferrari-Mann Sebastian Vettel will ihn auch – es geht also um die Wurst.
Das pusht zusätzlich. Aber die beiden respektieren sich, denn ein vierfacher Weltmeister respektiert nun mal einen vierfachen Weltmeister. Es gibt aber noch andere Rekorde. Wir als Team haben jetzt vier Doppel-Meisterschaften nacheinander gewonnen. Wir könnten jetzt mit Ferrari in der Schumacher-Ära also gleichziehen. So ergeben sich durch unsere Erfolge durchaus neue Ziele, die relevant sind. Und jetzt beginne auch ich damit, das ein bisschen zu verstehen. Als Fahrer und Team können wir dann in 30 Jahren ein Buch aufmachen und feststellen: Diese Zeit war erfolgreich.