Stuttgart - Während Cornelius Meister im Beethovensaal beim Montagabendkonzert mit dem Stuttgarter Staatsorchester noch einmal zeigen wollte, dass Gustav Mahler in der Vierten Sinfonie keineswegs halbe Sachen mit Anleihen an Haydn’schen Historismus verhandelt, offenbarte der Dirigent und Pianist Andreas Staier mit dem Freiburger Barockorchester nebenan im Mozartsaal, was für eine Harke dieser Joseph Haydn tatsächlich gewesen ist: Bereits nach dem ersten Satz der Sinfonie g-Moll Hob I:83, insgesamt wegen des im zweiten Kopfsatzthema bald anhebenden, hühnerhaften Vorschlaggegackers in den Violinen auch „La Poule“ genannt, hatte man den Eindruck, es sei von dieser gleichermaßen filigranen wie furiosen Musik auch noch das letzte Staubkorn aus dem Saal geblasen worden. Fast konnte man froh sein, dass die Stühle noch standen – derart unter Strom wirkte das Podium.
Von dieser Anfangsenergie, die sich physisch und psychisch vermittelte, lebte der „Haydn pur“ betitelte Abend bis zum Zugabeschluss zwei Stunden lang – nicht selbstverständlich bei einem monothematischen Programm, in dessen Verlauf nur ein Komponist in Rede steht. Allerdings, wie die Freiburger mit Verve und Verstand zeigten, ein vielsprachiger. Schon der weitere Verlauf der g-Moll-Sinfonie war ein sehr gutes Beispiel dafür, dass Haydn keinesfalls konventionelle Karten spielte: Mit fast teuflischer Lust zum Beispiel sabotierte er im Menuett den Tanz an sich, indem er rhythmisch dagegenhielt. Wer sich im Klangbild bewegen wollte, hätte humpeln müssen, und da die Repetition auch gleich noch zu Haydns Wonnen gehörte, liegt es nahe, an dieser Stelle einmal über die Geburt von Hip-Hop-Material vor der Zeit nachzudenken. Humor jedenfalls hatte Joseph Haydn und vielleicht mehr, als seiner Zuhörerschaft seinerzeit oft lieb gewesen ist.
Der Rest ist erlesene Artikulation
Umgekehrt konnte er es auch feudal anpacken wie in der B-Dur-Sinfonie „La Reine“ (85), die Andreas Staier – vom Hammerklavier aus leitend – so lange quasi majestätisch behandelt, wie Haydn die Erwartungen seines damaligen Publikums erfüllen wollte. Im Schlusssatz reicht es ihm damit, und er arrangiert eine Art Vexierspiel: ein Rondo, das nur noch so tut, als sei es eines.
Alles das geht nur mit ebenso blitzwachen wie blitzgescheiten Musikern und einem Mann wie Andreas Staier als Kopf, der in einem Maße mit der Musik eins ist, dass er sich mit knappesten Gesten zur Feinjustierung zufriedengeben kann. Der Rest ist erlesene Artikulation und eine jederzeit mitreißende Begeisterung aller Beteiligten. Ovationen im Mozartsaal, in dem man tatsächlich die berühmte Stecknadel hätte fallen hören können, als Andreas Staier dem D-Dur-Konzert für Hammerklavier und Orchester (akkurat hingetupft) Unerhörtes folgen ließ: F-Dur und f-Moll fungieren in den 1793 entstandenen Variationen für Hammerklavier gewissermaßen hegelianisch. These und Synthese werden verzahnt. Und Haydn, nun gar nicht mehr lustig, reißt den Himmel auf, als ginge sein Expressionismus aber schon ganz weit über Franz Schubert hinaus und verweise auf die Moderne. Das größte Kunststück gelingt dabei Andreas Staier: Er zeigt uns, wie es ist, eine Musik zu bewältigen, von der er selber überwältigt ist. Ganz groß!