Fußballbilder in journalistischen Texten, die nichts mit Sport zu tun haben, wirken immer etwas bemüht. Der Steilpass, der in der Bildungspolitik ins Leere geht, und so weiter. Im Fall von Felix Klenk und Christopher Warstat ist das sprachliche Klauen beim Kicken aber angebracht. Die beiden haben vor fünf Jahren mit dem Freund und Kupferstecher am Berliner Platz einen Ort geschaffen, der viel mehr als nur ein Club ist. Sie haben insgesamt einen Kosmos kreiert, der von der Bar Süßholz über den Kiosk Büdle, das Straßenfest Westallee und einen Event-Space mit Dachterrasse bis zur eigenen Agentur reicht.
Da kann man sich textlich schon mal beim FC Barcelona bedienen. Dessen Vereinsmotto „Mes que un club“ funktioniert bei Klenk und Warstat auch deshalb, weil die beiden Fußballfans sind, die WM 2014 aber weitgehend verpasst haben, weil sie ihren Club, die ehemalige Stereo Lounge, umbauen mussten. Stell dir vor, Deutschland wird Weltmeister, du musst aber im Keller malochen, weil Gerd, Christophers Vater, auf der Baustelle Gas geben will.
Ohne väterliche Hilfe hätte der Club nicht eröffnen können
Interpretiert man die Geschichten richtig, die der 32-jährige Klenk und der 35-jährige Warstat in ihrem Studio mit Blick auf die Liederhalle erzählen, dann hätten sie den Club ohne die väterliche Hilfe gar nicht eröffnen können. Das Projekt sind die beiden mit jener Mischung aus Blauäugigkeit und Selbstsicherheit angegangen, die entweder zum Scheitern oder aber zu etwas Besonderem führt.
Klenk und Warstat sind Hip-Hop-Ultras. Für zwei Stuttgarter Clubs hatten sie sich Veranstaltungen ausgedacht, mit ihren Lieblingskünstlern, fernab der damals gängigen Klänge. „Da gab es aber immer Reibungspunkte mit den Betreibern, wir mussten zu viele Kompromisse eingehen“, sagt Klenk. Also doch ein eigener Club, der im ersten Jahr dann, vorsichtig formuliert, nicht ganz so super lief. Die beiden Popkulturmacher erzählen tolle Anekdoten aus der Rubrik Pleiten und Pannen und rauchen dabei Kette. Als das Geld mal wieder richtig knapp war und der Tank des Mercedes „Strich-Acht“ von Warstat, damals der inoffizielle Kupferstecher-Dienstwagen, leer, schickten sie einen Mitarbeiter mit dem letzten Wertgegenstand, der dem Club geblieben war, auf Reisen: einer Gasflasche, die beim Baumarkt 80 Euro Pfand erbringen sollte. Als der Mitarbeiter mit der Gasflasche in die U-Bahn einsteigen wollte, untersagte der Fahrer die Mitfahrt via Durchsage. Schließlich reichte das Benzin doch noch, um das Pfand einzulösen, mit dem die beiden dann wieder volltanken und Limetten und Eis für den Club kaufen konnten. „Heute hört sich das lustig an, damals war es das aber überhaupt nicht“, sagt Warstat, der erst eine Ausbildung als Zimmermann und dann eine als Veranstaltungskaufmann absolviert hat.
Ein Händchen für Talente
Wieso hat der Club dann doch irgendwann so gut funktioniert, dass er heute einen überregionalen Status genießt, wie ihn zuvor in diesem Genre in Stuttgart nur der 0711-Club und die Schräglage innehatten? Die beiden Betreiber verfolgen konsequent ihre musikalische Linie: „Aufgabe eines Clubs ist es, zu zeigen, dass sich Musik weiterentwickelt. Alles andere ist Radio, und das ist nicht unser Anspruch“, erklärt Warstat. Die beiden bewiesen ein Händchen für Talente. Wie Laptoptrainer haben sie es verstanden, neue Möglichkeiten wie den Streamingdienst Spotify zu nutzen. „Auf einmal konnten wir ohne externen Kurator Schätze heben“, erinnert sich Klenk. Die beiden schafften es, Künstler wie den Bietigheimer Rapper Rin für einen Clubabend zu buchen, ehe der kurze Zeit später reif für die Porsche-Arena war.
Dazu trugen sie die Freund-und-Kupferstecher-DNA in einem eigenen Magazin und in einem aufwendigen Veranstaltungsformat weiter: 40 Wochen lang ließen sie an 40 verschiedenen Orten vom Max-Kade-Wohnheim bis zum Züblin-Parkhaus einen DJ eine Stunde lang ein Set spielen, bei freiem Eintritt. Das machte ihren Club noch bekannter.
Die wichtigsten Personen stammen alle aus derselben Gegend: Murrhardt
Heute zählt ihr Team rund 60 Mitarbeiter, vom Azubi über den Minijobber bis zum Festangestellten. Das Besondere daran: „Unsere wichtigsten Positionen sind mit Leuten besetzt, die wie wir aus der Ecke Murrhardt kommen und die wir teilweise seit 20 Jahren kennen“, erklärt Klenk die ungewöhnliche Personalpolitik.
Beide glauben nicht, dass sie das Zehnjährige ihres Clubs noch feiern werden: „Die heute 20-Jährigen sind von uns sehr weit weg. Wir haben früher die ganze Nacht in einem Club verbracht. Die Kids heute gehen in vier Läden, getrieben von den Instagram-Storys ihrer Freunde“, sagt Klenk. Warstat ergänzt, dass sie ihre Zukunft in ihrer Agentur Freund-K sehen. Die beiden Popkultur-Akteure sind dabei, das zu schaffen, was zuvor nur den Betreibern des 0711-Clubs gelungen war: vom Club zur eigenen Agentur, die Firmen Popkultur beibringt. Nun wird aber der fünfte Geburtstag des Clubs am 21. September ab 22 Uhr im Stadtpalais mit Rapper Yung Hurn gefeiert. Wer solch einen Popkosmos erschaffen hat, ist eben reif fürs Museum – im positiven Sinn.