Das Geschäft mit dem Wasser Wie sich der Ort Vittel durch Nestlé verändert hat

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Der französische Ort Vittel blühte durch sein Wasser auf – und droht nun auszutrocknen. Lebensmittelproduzent Nestlé, dem die Quelle gehört, ist Fluch und Segen für den Ort.

Bewohner von Vittel können an einem Brunnen im Ort das Mineralwasser abfüllen. Foto: Brändle
Bewohner von Vittel können an einem Brunnen im Ort das Mineralwasser abfüllen. Foto: Brändle

Vittel - Die Einwohner des kleinen französischen Dorfs Vittel leben schon lange von seinem flüssigen Schatz: Wasser. Mitte des 19. Jahrhunderts wurde die Quelle von einem französischen Richter entdeckt – der Beginn des Booms um den Ort in den Vogesen. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wuchs Vittel zu einem Heilbad-Ort mit wuchtigen Hotels, Palästen und Casinos. Heute stehen die Gebäude leer und verströmen den Charme einer längst vergangenen Zeit. Wasser spielt trotzdem noch eine zentrale Rolle in Vittel: Unter der gleichnamigen Marke wird das Wasser rund um die Welt vertrieben und in Deutschland genauso getrunken wie in Japan.

Heute ist Nestlé im Ort omnipräsent – seit 1992 ist das Mineralwasser Vittel vollständig in der Hand der Wassersparte des weltgrößten Lebensmittelkonzerns. Die Geschichte des Mineralwassers begann aber schon lange vorher. 1882 wurde laut dem Unternehmen die Mineralwassergesellschaft „Société Générale des Eaux Minérales de Vittel“ gegründet. 16 Jahre – bis 1898 – dauerte es, bis eine Million Flaschen abgefüllt waren, heute geht das an einem Tag. 1968 brachte Vittel die Plastikflasche auf den Markt, das war damals eine Weltneuheit.

Drei Konzerne stecken Wassermarkt ab

Schon 1969 stieg Nestlé ein, 1988 übernahm der Schweizer Konzern die Mehrheit an Vittel. Als die Marke 1992 vollständig an die Schweizer ging, wurde in Frankreich gerade massiv Geld aus Wasser gemacht. Drei große Konzerne steckten das Terrain ab: Danone, zu dem etwa Evian und Volvic gehört, das weniger bekannte Unternehmen Castel und eben Nestlé mit Vittel. 2017 setzte Nestlé in der gesamten Wassersparte etwa 6,5 Milliarden Euro um.

In Vittel, dessen Partnerstadt Badenweiler im Breisgau ist, werden heute 750 Millionen Liter Wasser im Jahr aus den Bohrlöchern geholt, der Wasserspiegel sinkt jährlich um 30 Zentimeter. Die Konsequenz: Die Bewohner Vittels sollen via Rohrleitung aus einer Quelle in einem Nachbarort mit Wasser versorgt werden, Nestlé will aber weiter im Ort abpumpen. Auch das und der Protest um das Vorhaben prägen den Ort Vittel.

Vittels gespaltenes Verhältnis zu Nestlé

„Wasser ist Priorität für die Einwohner“, steht auf Strohballen gesprayt vor den Toren Vittels. Anfang Juli machten Demonstranten ihrem Ärger Luft: „Nestlé plündert und trocknet uns aus“, stand damals auf einem Transparent. Aber Nestlé soll mit der Abfüllanlage etwa 900 Arbeitsplätze im 5000-Einwohner-Ort stellen und finanziert über Steuern mehr als ein Viertel des Gemeindebudgets. Wie es derzeit aussieht, werden die Bewohner hinnehmen müssen, dass sie sich aus der Quelle ihres Ortes nicht mehr bedienen werden dürfen.