Die Lage ist für die Finanzchefin und ihren Kollegen Walter Schoefer, Sprecher der Geschäftsführung, „weiterhin kritisch“. Gewiss, für den Flughafen bestehe eine Betriebspflicht, anders als ein Privatunternehmen könnte die Flughafen Stuttgart GmbH (FSG) nicht ersatzlos geschlossen werden. Doch nach wie vor müsse man an jedem Tag daran arbeiten, die Lage zu bewältigen, die Liquidität und die Arbeitsplätze zu sichern.
Nach 12,7 Millionen Menschen im Jahr 2019 starteten und landeten im Jahr 2020 in Stuttgart nur 3,2 Millionen Reisende (-74,8 Prozent). Die Zahl der Flugbewegungen fiel auf 58 803 (minus 58,7 Prozent). Das deutet auch auf eine geringere Auslastung der Passagiermaschinen hin. Diese Quote ging um 17 Punkte auf 60 Prozent zurück und ist nach Einschätzung der Flughafenchefs für Airlines „dramatisch“.
Auch momentan nur wenig Flüge und wenig Passagiere
Im Moment habe man pro Tag im Schnitt nur etwa 2000 Passagiere. Wenn es aber bei den Impfungen in nächster Zeit gut laufe und das Reisen wieder besser floriere, komme man „auch ohne Kapitalspritze“ der Gesellschafter (Land sowie Landeshauptstadt) aus, signalisierte Schoefer. Nach Freitags Worten ist die Liquidität „aktuell und für weitere 24 Monate gesichert“. Das hatte seinen Preis: Im Jahr 2020 nahmen die Verbindlichkeiten um 81 Millionen auf 144,2 Millionen Euro zu (+129 %). Auch deshalb hält Schoefer die Situation für einzigartig in der Geschichte des Flughafens nach dem Krieg und auch nicht für vergleichbar mit der Lage nach den Terroranschlägen auf das World Trade Center in New York. Die Passagierzahl sei jetzt kräftiger abgestürzt, und die Erholung dauere länger. Und anders als früher habe die FSG „dramatisch Schulden aufgenommen“, nur um den Betrieb zu sichern, nicht für große Investitionsvorhaben.
Die Umsatzerlöse gingen 2020 von zuvor 300 Millionen auf 142 Millionen Euro zurück (-53 %). Das Geschäftsergebnis nach Steuern stürzte von 50,2 Millionen um rund 150 Millionen ab, so dass ein Verlust von knapp 97 Millionen Euro entstand. Die Eigenkapitalquote ging von 78,7 auf 67,1 Prozent zurück (-11,6 Prozentpunkte). Immerhin sei damit noch eine gute Refinanzierung möglich. Mangels Flügen und Passagieren verzeichnete die FSG sogar höhere Einnahmen aus jenen Bereichen, die nicht unmittelbar am Flugbetrieb hängen. Mieteinnahmen, etwa aus den Büros in der Airport-City, wurden zum Stabilisator.
Die Durststrecke dauert noch länger an
Noch Schlimmeres wurde mit einem strikten Sparprogramm im Volumen von 73 Millionen Euro verhindert. Alle Investitionen seien auf den Prüfstand gekommen, sagte Schoefer. Man habe zwar trotzdem viel investiert, aber mit dem Schwerpunkt, die Infrastruktur „à jour“ zu halten. An den Klimaschutzzielen und der schrittweisen energetischen Sanierung der Gebäude halte man fest. Der Sicherung der Liquidität und der Arbeitsplätze habe man oberste Priorität eingeräumt. Zwar seien rund 170 befristete Arbeitsverhältnisse bei Dienstleistungstöchtern der FSG nicht verlängert worden, doch die Belegschaft der Mutter erhielt – gegen gewisse Lohnverzichte – eine Beschäftigungsgarantie bis Ende 2023. Das alles sei in einem absoluten Miteinander realisiert worden, und diese „Fürsorgekultur“ wolle man weiterhin pflegen.
Die Durststrecke des Unternehmens dauere an, hieß es. Der Optimismus, den man zum Jahreswechsel gehegt hatte, sei „deutlich eingetrübt“. Wegen des nunmehr dritten Lockdowns rechne man für 2021 nun nicht mehr mit der doppelten Passagierzahl von 2020, was dann 6,5 Millionen Reisende wären. Arina Freitag: „Das laufende Geschäftsjahr wird wohl besser werden als 2020, aber nicht so gut wie gedacht.“ Es ende finanziell wohl auch mit einem heftigen Minus: mit einem mittleren zweistelligen Millionenbetrag. Mit Pfingsten falle eine Hauptreisesaison in den dritten Lockdown.
Zu Pfingsten ist eine Reisewelle wie früher nicht zu erwarten
Erst wenn dieser ende und es genug Impfstoffe gebe, sehe man Licht am Ende des Tunnels und einen Aufschwung – aber einen langsamen. Freitag: „Jetzt könnte beim Reisen der Winter der neue Sommer sein.“ Sprich: Die Hauptsaison verschiebt sich.
Zu Pfingsten werde es eine Reisewelle wie in Zeiten vor Corona nicht geben, hieß es am Mittwoch auch. Die Entwicklung beim touristischen Verkehr hänge nach wie vor am weiteren Fortgang der Impfkampagne und an den Reisebeschränkungen, auch in den möglichen Zielländern. Belastbare Flugplanungen für Pfingsten gebe es noch nicht, man registriere aber, dass etablierte Airlines zurückkehrten. Turkish Airlines habe ein konstantes Angebot. Auch Mallorca, Catania, Istanbul und andere mögliche Flugziele würden bereits angeboten.
Die Flughafenchefs haben Signale wahrgenommen, dass die Wirtschaft mit Geschäftsreisen noch länger Vorsicht walten lassen möchte. Zudem habe sie sich ein Stück weit an das Konferieren am Monitor daheim und im Büro gewöhnt. Beim privaten Tourismus erkenne man Nachholbedarf an Reisen zu Familien und Freunden.
Die Chefs verdienen auch spürbar weniger
2021 gibt es bisher immerhin einen Lichtblick: Die FSG wird wohl 31 Millionen Euro außerordentliche Erträge verbuchen können. Damit werden Bund, Land und Stadt Stuttgart voraussichtlich eine Nothilfe leisten und die FSG für die sogenannten Vorhaltekosten beim ersten Lockdown im Frühjahr 2020 entschädigen. Damals musste der Flughafen – wie immer – geöffnet bleiben, obwohl das Reisen ausfiel. Arina Freitag würde es begrüßen, wenn es ähnliche Hilfen auch für die beiden weiteren Lockdowns gäbe. Doch das sei nicht zu erwarten.
Die Nothilfe für Flughäfen hat für die Chefs auch persönliche Folgen. Zu den Konditionen gehört, dass keine Gelder an Gesellschafter ausgeschüttet und keine Boni an Mitarbeiter ausbezahlt werden. Beträchtliche Teile der Chefbezüge sind aber variabel. Davon seien wegen der Corona-Entwicklung rund 80 Prozent ohnehin obsolet gewesen, sagte Schoefer. 20 Prozent wären denkbar gewesen. Aber: „Die Geschäftsführung hat verzichtet.“ 2019 verdienten die beiden Chefs jeweils knapp 330 000 Euro. 117 000 Euro entfielen auf erfolgsbezogene Komponenten.