Das Inklusionshotel Anne-Sophie Frage an die Königin von Schweden: „Und was machst du so?“

David Arends ist er stellvertretender Restaurantleiter im Restaurant Handicap im Hotel-Restaurant Anne-Sophie Foto: Gottfried Stoppel/KI/Midjourney/Sebastian Ruckaberle

Was im Hotel Anne-Sophie in Künzelsau passiert, ist beispielhaft. Menschen mit und ohne Handicap arbeiten zusammen. Und fragen schon mal komische Dinge. Auch die Königin von Schweden.

Freizeit & Unterhaltung: Anja Wasserbäch (nja)

Es ist eine Anekdote, die wahnsinnig viel darüber aussagt, was mitten in Künzelsau passiert. Vor einiger Zeit war die schwedische Königin Silvia im Hotel-Restaurant Anne-Sophie zu Gast. Leonard Exner, den hier alle Leo nennen, begleitete sie zu ihrem Zimmer und fragte nonchalant, wie er es bei jedem Gast macht: „Und was machst du so?“

 

Und genau das sind so Situationen, die man nicht aus anderen Hotels kennt, in denen alles nach Etikette folgt. Hier im Hotel Anne-Sophie, wo rund 100 Menschen mit und ohne Handicap zusammenarbeiten, gibt es oft solche eher unkonventionellen Situationen, mit denen kaum ein Gast rechnet. Die Philosophie des Hauses: allen Menschen die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ermöglichen.

Im Hotel Anne-Sophie mitten im Zentrum des schönen Städtchen Künzelsau ist vieles anders – und genau das macht es besonders. Hier arbeiten Menschen mit und ohne Behinderung Hand in Hand. Ob in der Küche, beim Servieren, im House Keeping oder an der Kasse des kleinen Ladens: Jeder bringt ein, was er kann. Und was dabei herauskommt, ist weit mehr als gutes Essen und eine angenehme Übernachtung – es ist ein Ort der Begegnung, der Herzlichkeit, und der gelebten Inklusion. Oft ist es die entwaffnende Ehrlichkeit, die hier passiert.

Carmen Würth, Ehefrau von Unternehmer Reinhold Würth, des bekannten Schraubenherstellers. Foto: Peter Petter

Die Idee ein Haus wie dieses zu eröffnen, stammt von Carmen Würth. Sie ist Ehefrau von Unternehmer Reinhold Würth, des bekannten Schraubenherstellers. Ihr Sohn Markus Würth, Jahrgang 1965, hat durch einen Impfschaden eine starke Beeinträchtigung. Carmen Würth kennt also die Sorgen und Nöte von Eltern und Kindern aus eigener Erfahrung. Sie weiß, was es braucht, dass man sich wirklich integriert fühlt.

Im März 2003 bei der Eröffnung des Hotels stellt sie zwei wichtige Fragen: Wie kann man dem Leben eines Menschen mit Behinderung Sinn und Erfüllung geben? Und: Wie verhilft man ihnen zu Begegnungsmöglichkeiten mit anderen Menschen, und wie erzeugt man das Verständnis dieser anderen, die nicht betroffen sind?

Das Hotel trägt den Namen Anne-Sophie, um die Erinnerung an das Enkelkind der Würths zu bewahren

Die Antwort auf diese Fragen kann man in Künzelsau erleben: Der Hotelbetrieb, den Carmen Würth geschaffen hat, funktioniert. Leonard Exner, der Porter, ist eines der vielen Beispiele. Er erlangt über die SWR-Dokumentation „Vier Sterne für Leo“ Popularität. Und er ist für den Hoteldirektor Christian Helferich ein gutes Beispiel für das Haus. „Leo ist ein junger Mann mit Down-Syndrom.“ Ein Hotel-Porter ist ein Mitarbeiter, der für die Betreuung der Gäste im Eingangsbereich zuständig ist, sie informiert und bei Besorgungen hilft. Zu seinen Aufgaben zählen: Begrüßung, Tragen von Gepäck, Tipps und so weiter. Helferich weiß, was üblicherweise die Anforderungen sind: „Da braucht es einen jungen Menschen, der kräftig ist, der vielleicht zwei, idealerweise drei Sprachen spricht, der Autos wegfahren kann, der vielleicht so eine Art Concierge sein kann.“ Das alles ist Leo nicht – und trotzdem arbeitet Leo hier seit drei Jahren. Was Leo aber kann, ist, die Stimmung sofort zu verändern. Helferich erzählt: „Da fahren Geschäftsleute 300, 400 Kilometer mit dem Auto hierher und wollen erst mal ins Zimmer und ankommen, 10, 15 Minuten Ruhe. Und dann holt Leo sie ab, begleitet sie zum Zimmer und fragt: „Was machst du so? Wo kommst du her?“ Und dann fangen die an zu erzählen.

Das Hotel in Künzelsau Foto: Würth

Das Hotel trägt den Namen Anne-Sophie, um die Erinnerung an das Enkelkind der Würths zu bewahren. Mit nur neun Jahren kam das Mädchen bei einem tragischen Autounfall ums Leben.

Heute ist das Hotel-Restaurant Anne-Sophie mit seinen Restaurants ganz schön viel – aber eines auch nicht: „Wir sind kein Inklusionshotel – wir sind ein inklusives Hotel“, so Helferich. Es geht nicht um ein Vorzeigeprojekt, sondern um einen funktionierenden Hotelbetrieb, in dem Teilhabe selbstverständlich ist.

Dafür gibt es viele ganz wunderbare Beispiele in den verschiedenen Bereichen des Hauses, wie etwa im Service oder in der Küche. Luke Bauer verpackt und verkauft Brot, serviert Kaffee. Der 19-Jährige hat eine starke Lernschwäche und Schwierigkeiten, Dinge festzuhalten. Drei Monate lang übte er, Brot zu verpacken – immer wieder, bis es klappt. Heute kassiert er eigenständig, arbeitet mit einem Farbsystem, das ihm hilft, Preise zuzuordnen, und serviert Kaffee. „Wenn Luke Ihnen einen Kaffee macht, dann dauert das länger als üblich“, sagt Helferich. „Aber es ist der schönste Kaffee, den Sie je bekommen werden – weil er ihn mit Herz macht.“ Und Jutta Helferich, die Inklusionsbeauftragte des Hauses, ergänzt: „Wir begleiten die Mitarbeitenden mit Beeinträchtigung eng, finden gemeinsam heraus, was sie können und wollen.“

Seine Beine tragen ihn nur mühsam, beim Stehen hilft ihm eine Unterschenkelorthese

Da ist zum Beispiel ein junger Mitarbeiter, der schon immer Koch werden wollte – obwohl er eine körperliche Behinderung hat. Seine Beine tragen ihn nur mühsam, beim Stehen hilft ihm eine Unterschenkelorthese, die seine Bewegungen unterstützt. Als er sich im Hotel-Restaurant Anne-Sophie bewirbt, ist das Team zunächst unsicher: „Küche heißt Stehen, Laufen, Heben – geht das überhaupt?“, erinnert sich Helferich. Doch der damalige Schüler lässt nicht locker.

Er bekommt vom Küchenchef ein ehrliches Angebot: „Wir machen ein Praktikum. Ich behandle dich wie alle anderen.“

Der junge Mann nimmt die Herausforderung an. Eine Woche lang steht er in der heißen Küche, schält, schneidet, richtet an. „Er hat sich da durchgebissen“, sagt Helferich. „Am Ende hat er die Ausbildung zum Koch gemacht und jetzt hat er seine Prüfung bestanden. Das macht mich demütig. Er lehrt uns mehr, als wir ihm je beibringen könnten.“

Das Restaurant Handicap ist das Gourmetrestaurant im Haus, die Küchenchefs Tobias Pfeiffer und Sebastian Wiese arbeiten hier auf hohem Niveau, haben saisonale Produkte aus aller Welt im Blick und auf den Tellern. Was genau sie machen? „Wir tun uns schwer, das genau zu definieren“, so Sebastian Wiese. Im täglichen Arbeiten in der Küche gibt es andere Dinge zu beachten. „Es ist jeden Tag spannend, immer wieder unvorhersehbar, aber am Ende des Tages erfolgreich“, so Wiese. „Die Menschen mit Handicap werden in das tägliche Arbeiten einbezogen.“ Das mache etwas mit dem Team, vor allem mit der Stimmung untereinander. Natürlich ist es anders, aber die Köche wissen, wer welche Aufgaben machen kann, wo die Grenzen und wie belastbar die Mitarbeitenden sind. Der eine ist mehr mit Schälarbeiten beschäftigt, der andere kennt alle Transfers und Körpergrößen der deutschen Bundesliga.

Und dann ist da auch David Arends, ein junger Mann mit Lernschwäche und eingeschränktem räumlichen Sehen – er kann Entfernungen oder Perspektiven nur schwer einschätzen. Heute ist er stellvertretender Restaurantleiter im Restaurant Handicap im Hotel-Restaurant Anne-Sophie – als erster Mitarbeiter mit Handicap in einer Führungsposition.

Begonnen hat Arends 2015 als Auszubildender im Hotel-Restaurant Anne-Sophie. Nach erfolgreich abgeschlossener Ausbildung wurde er in eine Festanstellung übernommen. Zehn Jahre später steht Arends selbstbewusst im Service, begrüßt Gäste und leitet Schichten. „Er ist ein ganz feiner Kerl“, sagt Helferich, „und er macht einen fantastischen Job.“

Jeder hat seinen eigenen Rhythmus

Der 29-Jährige, der in Stuttgart aufgewachsen ist, spricht gewählt und überlegt, wenn er antwortet. Ursprünglich wollte er in die Pflege, nach einem Vorpraktikum im Restaurant aber war ihm klar, dass er im Hotel-Restaurant Anne-Sophie arbeiten möchte. Der Umgang mit den Menschen mache ihm Spaß, er mag es, Tische einzudecken, Verantwortung zu übernehmen. „Und es gibt wohl kein Haus, das Menschen mit Handicap so gut in den Arbeitsalltag integriert“, sagt Arends.

Und auch am Abend, wenn er Gerichte wie Gelbflossenmakrele mit Kopfsalat und Stachelbeere und ein herrliches Raviolo mit Erbsen, Spargel und Pfifferlingen serviert, merkt man, wie viel Freude ihm die Arbeit macht. Er liebt es, die Menschen zu bedienen, überlegt genau, was er sagt, wie er jeden Gang ankündigt, empfiehlt Weine wie etwa einen Sauvignon Blanc von Wöhrwag.

Der Küchenchef Tobias Pfeiffer sagt: „Man sollte Menschen mögen.“ Und genau das eint alle hier: Wer hier arbeitet, wer hier einkehrt, der mag Menschen, egal wie sie sind. Und Hoteldirektor Helferich ergänzt: „Unser Leitspruch lautet ‘Ganz besonders Mensch‘, das schließt alle mit ein, ob mit oder ohne Behinderung.“ Helferich sagt aber auch: „Teilhabe ist kein Selbstläufer – aber sie verändert einen selbst.“

Es ist nicht so, dass im Anne-Sophie jeder arbeiten kann. „Allein die Behinderung ist nicht der ausschlaggebende Faktor. Es geht uns darum: Was kann der Mensch? Was möchte er? Wie klappt es am Ende?“, erklärt Helferich. Es gibt viele Dinge, die funktionieren. Manches aber auch nicht. Wer im Rollstuhl sitzt, kann nicht im Service oder in einer Küche arbeiten, die nicht barrierefrei ist.

David Arends ist seit zehn Jahren im Betrieb. Foto: Gottfried Stoppel

Was aber wichtig ist: es gibt hier keine Mediziner, es sind keine Sozialpädagogen in der Belegschaft. Es ist ein Hotel mit mehreren Restaurants, das Ladengeschäft „Lindele“ ist dabei, die Menschen mit Handicap werden in ganz normalen Jobs eingesetzt. „Wir bieten Arbeitsplätze, keine Betreuungsplätze“, so Helferich. Was es aber braucht ist Empathie und Menschenliebe. Die Gründerin und Initiatorin Carmen Würth habe ihm einmal gesagt: „Eine Behinderung haben wir doch alle, der eine oder andere kann es nur besser verstecken.“ Helferich findet, dass sie damit durchaus Recht habe.

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