Stuttgart - Vor 20 Jahren fing es klein an, dann kam der große Erfolg und wieder die Verkleinerung. Chimperator ist Plattenfirma und Konzertveranstalter und hat mit dem Wizemann drei Konzerthallen eröffnet. Ein Gespräch mit den fünf Chefs über Tops, Flops, schwäbischen Mittelstand und die emotionale Beziehung zwischen Label und Künstler.
Chimperator gibt es seit 20 Jahren. Wo steht die Firma heute?
Kodimey Awokou: 2019 war ein Jahr, in dem wir uns sortieren mussten, nachdem unser Künstlervertrag mit Cro geendet hat. Wir haben uns entschieden, weniger zu machen, dafür aber fokussierter.
Steffen Posner: Die Redaktion von „Juice“ meinte, dass sie beim Album des Jahres zwischen drei Chimperator-Veröffentlichungen auswählen musste. Und wir haben nur drei Alben herausgebracht.
Ist Chimperator eine schwäbische Mittelstandsfirma?
Niko Papadopoulos: Was sind die Kriterien eines Mittelständlers? Insgesamt haben wir mehr als hundert Mitarbeiter, wenn man das Wizemann mitzählt. Von den Umsatzzahlen dürfte es auch passen.
Wie hoch ist der Umsatz?
Papadopoulos: Bei den Produktionen waren es jetzt sechs Millionen im Jahr, im Live-Bereich und mit dem Wizemann dürften es knapp fünfzehn Millionen sein. Ja, das ist wohl mittelständisch.
Schweizer: Niko sieht das von der kaufmännischen Seite. Aber vom Gefühl und von unserer Philosophie her passt der schwäbische Mittelstand eigentlich gut zu uns.
Mit Chimperator ging es erst sehr langsam los, 2012 kam die Explosion mit dem Erfolg von Cro, dann wurde es wieder kleiner.
Awokou: Dieses Gesundschrumpfen hat uns auch gut getan. Wir haben uns wieder auf unsere Ursprungstugenden besonnen. Wir machen das, was wir gut können, was uns Spaß macht. Da ging auf dem Weg ins Große stellenweise auch die Leidenschaft verloren.
2009 wurde das Debütalbum des Rappers Kaas veröffentlicht. Der Zeitpunkt war unglücklich, da im Video zu „Amokzahltag“ ein fiktiver Amoklauf dargestellt wurde. Zwei Tage vor Veröffentlichung kam es in Winnenden zu einem Amoklauf.
Schweizer: Wir haben das Video gleich runtergenommen und das Album erst mal zurückgezogen. Das Video war eigentlich die Diplomarbeit eines Studenten aus Ludwigsburg, ein Kurzfilm über einen Amoklauf. Wir konnten uns so ein Video eigentlich gar nicht leisten. Dann kam Winnenden, was sehr nah an uns dran war. Und wir wussten nicht, ob der vielleicht das Lied gehört hatte. Es wurde dann sogar ermittelt gegen Kaas. In TV-Sendungen wurde ihm die Schuld gegeben. Das war für ihn schwierig. Und wir mussten auf einmal mit der Boulevardpresse umgehen. Ab diesem Moment hatten wir einen Anwalt.
Papadopoulos: Es war damals auch wirtschaftlich schwierig. Wir waren Studenten, haben uns von Veröffentlichung zu Veröffentlichung gehangelt. Und die CDs von Kaas waren schon im Lager. Wir mussten sie neu pressen lassen. Kaas hat mit seiner Familie und Freunden die Cover von Hand neu gestaltet. Das war dann unsere erste Top 100. Mit dem Platz 100.
Kaas ist Mitglied bei die Orsons. Was bedeutet die Band Ihnen?
Awokou: Sehr viel. Die sind schon so lange dabei und untereinander gibt es viele Freundschaften. Das ist so etwas wie die Chimperator-Familienband.
Und dann kam Cro, ein echter Glücksgriff. Was war der Moment, an dem Sie merkten, dass das etwas Großes ist?
Schweizer: Kody hat mal eine Nachricht von einem Auftritt von Cro geschrieben: „Jungs, das wird krass. Carlo ist der Auserwählte.“
Awokou: Das Gefühl, dass er etwas besonderes und sehr gut ist, hatten wir schon vorher. Dass es so groß wird, konnte man natürlich nicht ahnen. Als die Klickzahlen durch die Decke gingen, merkten wir, dass hier etwas Außergewöhnliches passiert.
Cro spielte im April 2012 im Universum, ein halbes Jahr später war sein Konzert in der Schleyer-Halle ausverkauft. Wie wächst man als Firma da so schnell hinein?
Schweizer: Wenn man da mittendrin steckt, merkt man das nicht.
Awokou: Für bestimmte Sachen haben wir uns aber Beratung von außen geholt. Wie geht man zum Beispiel mit einer Anfrage von „Wetten, dass . . .?“ um?
Und wann mussten Sie feststellen, dass auch mal etwas schief laufen kann?
Schweizer: Erfolg kann man nicht planen. Bei dem Künstler Muso beispielsweise war alles da: super Künstler, krasse Musik, gutes Video – das ganze Paket hat gestimmt. Aber funktioniert hat es eben nicht.
Der größte Flop war der fiktive Film über Cro, den Sie zusammen mit Til Schweiger produziert haben.
Papadopoulos: Das war der Tiefpunkt. Es war aber interessant zu sehen, wie aufwendig es ist, einen Film zu machen. Das war eine krasse Erfahrung, wenn auch eine teure.
Schweizer: Dieses Projekt hat, wie all unsere Sachen, als etwas Schönes angefangen. Uns ist es aber an einem gewissen Punkt entglitten, weil es zu groß war. Da waren so viel Leute, und es war so viel Geld im Spiel. Am Schluss wurde es ein ganz anderer Film, als wir ursprünglich geplant hatten.
Cro hat das Management 2017 seinem Bruder Benno Waibel übertragen, Chimperator ist noch für die Touren verantwortlich. Haben Sie sich „auseinandergelebt“, wie es immer heißt?
Schweizer: Das kann man so sagen. Musik ist etwas sehr Persönliches. Und als Label und Manager redet man dauernd mit dem Künstler darüber. Das ist emotional, und es entsteht eine Bindung, die einer Beziehung sehr ähnlich ist. Mit den Orsons haben wir vielleicht auch gelernt, uns zu streiten, wie das in einer guten Beziehung ist.
Papadopoulos: Es ging nicht im Streit auseinander. Dass er mit seinem Bruder zusammenarbeiten will, kann man ja verstehen. Jeder hat doch gern seine Familie um sich.
2015 haben Sie Ihre Konzerthalle Im Wizemann eröffnet. Was war der Grund dafür?
Posner: Stuttgart nennt sich Kulturstadt – und in Läden, die kleiner als das Longhorn sind, gibt es Backstage nicht einmal eine Toilette für den Künstler. Da war Stuttgart zweite Liga.
Mettmann: Der Live-Bereich ist auch eine Säule, die nicht so schnell ins Wanken kommt. Und wir hatten national mit den Touren Erfahrungen sammeln können. Wir wissen, was es braucht, um gut aufgestellt zu sein. Und offensichtlich war es so.
Wo geht es hin mit Chimperator?
Schweizer: Wir überlegen, wie das Label der Zukunft aussehen kann. In den vergangenen fünf Jahren hat sich der ganze Markt verändert. Ein Label muss heute anders funktionieren als ein Major. Wir müssen definieren, wie wir weitermachen. Wir machen aber weiter.