Junge Stuttgarterin in der IT „Das ist eher ein kreativer als ein mathematischer Job“

Frauen sind in der IT-Branche stark unterrepräsentiert. Foto: KI/Midjourney/Sebastian Ruckaberle

Als Informatikerin ist Sabina Wegner statistisch eine Seltenheit. Warum die Auszubildende aus Stuttgart findet, dass ihr Beruf für Frauen viele Vorteile bietet – trotz aller Vorurteile.

Volontäre: Valentin Schwarz (vas)

Der Satz klingt nach einer überzeichneten Satire auf Sexismus in der IT-Branche: „Wir wollen hier keine Mitarbeiterin, die sich im Server-Raum die Nägel lackiert.“ Sabina Wegner aber hat ihn im vergangenen Jahr nach eigener Aussage tatsächlich zu hören bekommen – bei einem Bewerbungsgespräch für eine Ausbildungsstelle als Informatikerin.

 

„Im ersten Moment wusste ich nicht so ganz, was ich auf diese Respektlosigkeit antworten soll“, erinnert sich die 21-Jährige. Immerhin sei ihr dann doch noch eine schlagfertige Erwiderung eingefallen: „Ich habe gesagt, ich lackiere mir meine Nägel gar nicht, ich lasse sie mir im Studio machen.“

Kaum Frauen in der IT-Branche in Stuttgart

Heute kann Wegner süffisant von dieser Anekdote erzählen. Kurz nach dem Gespräch fand sie mit dem Sender Hitradio antenne 1 einen Ausbildungsbetrieb, mit dem sie bislang hochzufrieden ist. Wenn eine Frau aber ohnehin unsicher in ihrer Berufswahl sei, dann wirke eine solche Erfahrung manchmal wie „ein Schlag ins Gesicht“, fügt Wegner hinzu. Kein Wunder also, dass die IT-Branche offenbar ein Diversitätsproblem hat.

Sabina Wegner kennt die Vorurteile über Frauen in ihrer Branche. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Für die Region Stuttgart zeichnen Zahlen der Industrie- und Handelskammer ein klares Bild. Von derzeit rund 1900 Auszubildenden im Bereich Fachinformatiker/-in sind lediglich 226 weiblich – ein Frauenanteil von knapp zwölf Prozent. In ihrer Berufsschulklasse ist Wegner die einzige Frau, in ihrem Team bei Antenne gar die erste Auszubildende überhaupt. Sie weiß, dass sie nicht dem stereotypen Bild von IT’lern als bärtigen Nerds im Kapuzenpulli entspricht. Ihr Eindruck: „Es wird in unserer Gesellschaft nicht wirklich als normal angesehen, dass Frauen digitale Sachen machen.“

Die Vorzüge der IT-Branche für Frauen

Das sei in mehrerer Hinsicht schade, sagt Wegner. Zum einen für die Betriebe, weil dadurch viel Potenzial ungenutzt bleibe. Denn: „Eine Frau bringt nun einmal andere Perspektiven auf manche Probleme mit.“ Gerade in digitalen Berufen sei das hilfreich, um neue Lösungen zu finden. Und zum anderen biete der IT-Bereich für Frauen selbst viele Vorteile.

Was sie damit meint, schildert Wegner anhand ihres eigenen Weges. Die Stuttgarterin entschied sich nach der Schulzeit zunächst für ein Wirtschaftsstudium, arbeitete auch für einen großen Wirtschaftsprüfer. Doch das sei ihr alles zu trocken gewesen, erzählt sie. Sie habe dort nicht das Gefühl gehabt, sich weiterzuentwickeln. „Außerdem gibt es da sehr viel Konkurrenz, das war echt anstrengend.“

Also machte sich Wegner auf die Suche nach Alternativen. Ein wichtiges Kriterium dabei: die Vereinbarkeit von Beruf und Familienplanung. „Ich bin eine sehr karrierefokussierte Person“, sagt sie. „Aber ich kann mir auch gut vorstellen, viele Kinder zu haben.“ Beides unter einen Hut zu bekommen, sei als Frau weiterhin nicht leicht. „Ich wollte deshalb einen Beruf, der mich fordert und in dem ich kreativ sein kann, aber auch mit der Möglichkeit zu viel Homeoffice.“ Bei ihren Recherchen dazu stieß sie immer wieder auf den IT-Bereich.

Wegner sieht KI als Karrierechance

Fachinformatikerin für Systemintegration lautet nun Wegners offizielle Jobbezeichnung. Ihre Arbeit bei Hitradio antenne 1 in Stuttgart-Möhringen kreist um die Schnittstelle zwischen Hardware und Software. Sie kümmert sich, wenn Bildschirm, Kopfhörer oder Maus nicht mehr funktionieren. Auch IT-Probleme – übersetzt in die Büroangestellten bestens bekannten „Helpdesk-Tickets“ – fallen in ihren Aufgabenbereich. Dazu kommt alles, was mit der Technik für die Radioübertragung zu tun hat. Router und Kabel in den sogenannten Serverschränken anzuordnen etwa, oder auch mal unter Zeitdruck eine ausgefallene Leitung an einem Sendestandort wieder zum Laufen zu bringen.

Und dann arbeitet Wegner noch an ihren eigenen Projekten. Wenn sie etwas Luft dafür hat, programmiert sie am liebsten KI-Tools. „Ich kann alles, was ich denke, in Codes darstellen“, schwärmt Wegner von diesem Teil ihres Berufs. „Das ist eher ein kreativer als ein mathematischer Job.“ Schon vor der Ausbildung hatte sich Wegner an der Volkshochschule und an der Uni Programmierkurse ausgesucht. Sie wollte nicht mehr ängstlich auf KI-bedingte Veränderungen blicken müssen, erklärt sie, sondern darin vielmehr eine Karrierechance sehen.

Als Frau in der IT-Branche eine Vorreiterin

Wie groß Wegner denkt, zeigt sich auch, wenn sie über mögliche künftige Einsatzfelder spricht. „Momentan strebe ich den Weg in die Cybersecurity an“, sagt sie. Nichts Geringeres als die Landesverteidigung kommt ihr hier in den Sinn. Auch als „White Hacker“ im Auftrag von Firmen deren Sicherheitssysteme zu überprüfen, kann sie sich gut vorstellen.

Von ihrem eigenen Wert jedenfalls ist Wegner überzeugt. Sie merke zum Beispiel, „dass bei uns in der Firma viele Frauen bei IT-Problemen lieber zu mir kommen als zu den Männern“. Auch deshalb hofft sie, bald auf mehr weibliche Kolleginnen zu treffen. „Ich würde schon sagen, dass ich hier eine Vorreiterin bin“, gibt sie zu Protokoll. Dieses Bewusstsein helfe dann auch dabei, über Fragen zu ihren Nägeln hinwegzusehen. 

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