Die prominenten Todesfälle häufen sich 2016: David Bowie, Ken Adam, Umberto Eco und Prince sind gegangen – und nun auch Götz George und Bud Spencer. Kollektive Trauer breitet sich aus, denn sie alle sind Protagonisten einer offenen Epoche nie gekannter Freiheiten und Möglichkeiten, die mit ihnen enden könnte.

Kultur: Bernd Haasis (ha)

Stuttgart - Als die Studenten 1968 auf die Barrikaden gingen gegen den Vietnamkrieg, gegen die Verdrängung der Nazi-Gräuel, für eine Öffnung der Gesellschaft, für bürgerliche Rechte und Freiheiten, wurden sie getragen von einer kulturellen Revolution, die längst im Gang war. Schon seit den 1950ern nutzten bildende Künstler, Musiker und Literaten den Frieden in Freiheit, um einen neuen Geist zu propagieren, bis er förmlich in der Luft lag. Schon 1964 gewährte dann das US-Verfassungsgericht den Afroamerikanern gleiche Bürgerrechte – ein starkes Zeichen gegen Rassismus.

Die Seele des Wandels war eine idealistische Sehnsucht nach einer schönen, bunten Welt für alle. Wie die aussehen könnte, zeigte der englische Designer Ken Adam (1921–2016) in Werken von zeitloser Stimmigkeit, die bis heute die Fantasie beflügeln: Von „Dr. No“ (1962) bis „Moonraker“ (1981) gestaltete er futuristische Kulissen und Accessoires für die James-Bond-Filmreihe, Trutzburgen des Bösen, extravagante Wohnlandschaften, Schleudersitz und Wende-Nummernschilder für den Aston Martin, explosive Zigaretten und schießende Kugelschreiber. Adam gestaltete auch den „War Room“ für Stanley Kubricks Kriegssatire „Dr. Seltsam“ (1964) so überzeugend, dass der frisch gewählte US-Präsident Ronald Reagan ihn für echt hielt und beim Einzug ins Weiße Haus 1981 zu sehen verlangte. Für Objekte, die in Adams Welten gepasst hätten, werden längst stolze Preise bezahlt.

Ganz real wird das Formbewusstsein bei der irakisch-britischen Architektin Zaha Hadid (1950–2016). Sie gilt als eine Befreierin ihrer Kunst mit ihren expressiven, fließenden Formen, perspektivischer Vielfalt und geometrischer Kühnheit. Nahezu jedes ihrer zeitgenössichen Gebäude, das Erlebnismuseum phæno in Wolfsburg oder das extravagante Opernhaus im chinesischen Guangzhou, taugen als Beispiele dafür, dass urbane Aarchitektur aus Glas, Stahl und Beton nicht austauschbar und gesichtslos sein muss.

Der Brennstoff der Rebellion

Der Brennstoff der Rebellion von 1968 war eine Musik, die Rock’n’Roll mit europäischer Melodik verband. Die Vorreiter, die Beatles, hatten auch Glück: Bei ihrer ersten Aufnahme in den Abbey Road Studios trafen sie 1962 auf den Produzenten George Martin (1926–2016), dessen Kunst die Stärken der Band erst richtig zum Klingen brachte. Die Rolling Stones, Eric Clapton und Jimi Hendrix brachten die Fackel vollends zum Leuchten, die Gegenkultur wurde Mainstream. S elbst im sonnigen Sound der Eagles um Sänger Glenn Frey (1948–2016) ist die große Freiheit der Epoche zu spüren, doch auch die Komfortzone hat Tücken: Der erste Hit „Take It Easy“ (1972) handelt von einem, der ewig davonläuft vor sich und dem Leben.

Das Chamäleon David Bowie (1947–2016) entdeckte die Popmusik als fließende Kunstform. Sich stetig wandelnd, erfand er seine androgyne Künstler-Persona und seine Musik mit jedem Album neu. Er verlasse nie den „stream of warm impermanence“, den „warmen Strom der Unbeständigkeit“, sang er 1971 in „Changes“. D er geniale Prince (1958–2016), ebenfalls ein begnadeter Performer, veranstaltete lebenslustige Kostümfeste und besang in „Purple Rain“ (1984) das Ende der Welt und die Liebe. Das leibhaftige Symbol für gelebten Rock’n’Roll kam ebenfalls abhanden: Selbst Motörhead-Chef Lemmy Kilmister (1945–2015), dröhnender Barde und sarkastischer Lebensphilosoph, konnte der Endlichkeit nicht trotzen.

Eine offene Gesellschaft ist kein Selbstläufer. Alles oder nichts – diesem Motto folgen die eigensinnigen Charaktere von Götz George (1938–2016), die sich von niemandem etwas vorschreiben lassen. Sein polternder, eigentlich wenig vorbildhafter „Tatort“-Kommissar Schimanski bot Unbelehrbaren aus der Nazi-zeit die Stirn, kämpfte gegen Vorurteile und war mit „Gastarbeitern“ befreundet. George glaubte man das, Schimanski wurde zum Idol.

Ausgeklügelte Abrechnung

Ruth Leuwerik (1924–2016), mit Dieter Borsche ein Traumpaar im eskapistischen deutschen Nachkriegsfilm, spielte gerne auch unabhängige, beruflich erfolgreiche Frauen – was insgeheim sicher manche Zuschauerin ins Grübeln brachte.

Für neue literarische Formen stritt in den 1960ern der italienische Freigeist Umberto Eco (1932–2016). Sein erster, später Roman „Der Name der Rose“ (1980) wurde eine ausgeklügelte Abrechnung mit den Anmaßungen einer despotischen Kirchenmacht im späten Mittelalter, verknüpft mit einem emanzipatorischen Appell: Lachen hilft, denn „wer keine Furcht mehr vor dem Teufel hat, braucht keinen Gott mehr“. Den Wert des Selbst-Denkens propagierte in Deutschland der Publizist und Moderator Roger Willemsen (1955–2016). Er stellte die richtigen Fragen und ließ sich auf der Suche nach Antworten nicht so leicht abschütteln – was ihm den Respekt auch seiner Gegner einbrachte.

Die jüngsten Todesfälle machen schmerzlich spürbar, dass da eine Generation geht, die die neue Kultur erstritten, gestaltet, weitergetragen hat. Ihr Geist wirkt nach bis in die Gegenwart, doch ökonomische Härten, Terror und Flucht geben revisionistischen Kräften Auftrieb. Anhänger europäischer Parteien wie AfD, Front National und Ukip halten Vorurteile für freies Denken, viele haben nur eine Sehnsucht: einfache Antworten.

Alte Werte mit neuem Leben füllen

Hoffnung geben die jungen Briten. Sie haben mit großer Mehrheit gegen den Brexit und für einen Verbleib in der Europäischen Union gestimmt. Die ist, bei allen Schwächen, ein Garant für ein friedliches Miteinander in Freiheit, wie es Europa vorher nicht kannte. Womöglich wächst gerade eine neue europäische Generation heran, die alte Werte mit neuem Leben füllen kann.