Das Kurtheater in Bad Wildbad Rettung mit Rossini

Was jahrzehntelang unvorstellbar erschien, ist nun wahr: In Bad Wildbad wird das Königliche Kurtheater wiedereröffnet. Zu verdanken ist das einem unermüdlichen Förderverein und zwei prominenten Kurgästen.

Letzte Ausbesserungsarbeiten vor der Eröffnung: das Königliche Kurtheater in Bad Wildbad erstrahlt wieder in seiner ganzen neubarocken Pracht. Foto: Achim Zweygarth
Letzte Ausbesserungsarbeiten vor der Eröffnung: das Königliche Kurtheater in Bad Wildbad erstrahlt wieder in seiner ganzen neubarocken Pracht. Foto: Achim Zweygarth

Als der Starpianist Justus Frantz anno 1983 nach Bad Wildbad kam, war er so schwer krank, dass seine Genesung ungewiss war. Als er den Kurort viele Monate später wieder verließ, war nicht nur er geheilt. Der Künstler hatte seinerseits einen Heilungsprozess angestoßen. Mit der Behandlung von Justus Frantz in Bad Wildbad begann auch die Behandlung des Königlichen Kurtheaters. Heute abend wird das 150 Jahre alte und wieder kerngesunde Kleinod neu eröffnet.

Justus Frantz kommt mit schweren Rückenverletzungen im Schwarzwald an. Während einer Konzertreise in China ist er auf den glatten Stufen seines Pekinger Hotels ausgerutscht und auf den Rücken gefallen. Auf dem Weg ins Krankenhaus kollidierte sein Taxi mit einem anderen Wagen, und Frantz’ Wirbel­säule wurde noch schlimmer angegriffen. „Ich konnte mich ein Jahr lang nur schwer bewegen, anfangs nicht einmal die Zähne putzen“, erinnert sich der Pianist an die Zeit, in der er nicht wusste, ob er seine Karriere würde fortsetzen können. Inzwischen ist Frantz 70 Jahre alt und hat, wie man weiß, seine Karriere äußerst erfolgreich weitergeführt.

Bei seinen Spaziergängen im Kurpark fällt dem Pianisten das aparte Bauwerk auf, das erst wenige Jahre zuvor, 1977, als „Kulturdenkmal von besonderer Bedeutung“ anerkannt worden ist – aber aussieht, als würden die Bürger ihm keine besondere Bedeutung beimessen. „Drinnen war alles schimmelig“, erinnert sich Frantz. Das Gestühl war ausgebaut und im Kloster Maulbronn eingelagert, der Holzfußboden fehlte, die pilzbefallene Brüstung des Orchestergrabens war abgebrochen. Dennoch ist Frantz so angetan von dem noch erkennbar reizvollen Innenraum, dass er die rund 9000 Wildbader aufruft, ihr Kleinod zu retten.

Der Maestro, auch bekannt als „Frantzdampf“, organisiert eine Matinee für das Theater und initiiert eine Aufsehen erregende Fotoaktion: Mit seinem Freund, dem Dirigenten und Pianisten Christoph Eschenbach, posiert Justus Frantz im Februar 1983 vor dem historischen Gemäuer und versieht den Abzug mit der Parole: „Rettet Wildbads Theater“. Andere Künstler, unter ihnen der Schauspieler Will Quadflieg, setzten ihre Prominenz ebenfalls für das Rettungsmanöver ein.

Der Unternehmer Albert Hirsch legte den Grundstein

„Das war die Wende“, sagt Eckhardt Peterson. Peterson war der Chefarzt der Neurologischen Abteilung der Rommel-Klinik, wo Justus Frantz behandelt wurde. Seit vielen Jahren ist er der Vorsitzende des Fördervereins Kurtheater Wildbad. Frantz sei es gelungen, die Wildbader auf die Einzigartigkeit ihres Theaters aufmerksam zu machen – in einer Zeit, in der die Neigung, „altes Glump“ abzureißen, größer war, als viel Geld in dessen Erhaltung zu investieren.

Den Grundstein für das Kulturhaus im Kurort hatte der Theater-Unternehmer Albert Hirsch gelegt. Er errichtete es 1864 als bescheidene Spielstätte. 1873 ging die Einrichtung in das Eigentum des Staates über. 1888 erhielt der schlichte Fachwerkbau, der in zeitgenössischen Kritiken gar als „Baracke“ geschmäht wurde, den hochtrabenden Titel Königliches Kurtheater.

Erst 1897 verpasste Albert von Berger, einer der bedeutendsten Architekten der vorvergangenen Jahrhundertwende dem Gebäude durch An- und Umbauten die heutige Form. Die Hülle blieb schlicht. Der rund 200 Personen umfassende Zuschauerraum jedoch wurde in der ganzen neubarocken Pracht jener Zeit ausgeschmückt: mit Malereien, Stuckdekor, einem umlaufenden Rang samt geschwungener Brüstung. Am 8. Juni 1898 wurde das Haus feierlich wiedereröffnet. Selbst „das anspruchsvolle Großstadtpublikum“ habe die Aufführungen in dem „sehr zweckmäßig und elegant“ eingerichteten Theater genossen, heißt es einem 1909 erschienen Fremdenführer.

In der Vorstellung des 1987 gegründeten Fördervereins ist es nicht allzu schwierig, dem glanzlosen Schmuckstück seinen Glanz zurückzugeben. „Wir wollten das Theater sanieren und die historische Bühne wieder bespielbar machen“, erzählt Eckhardt Peterson. Doch statt der freudig-dankbaren Zusage des Landes, das die Förderer um Zuschüsse ersucht haben, kommt aus Stuttgart die Frage nach dem Nutzungskonzept. Darüber, was auf der historischen Bühne je gezeigt werden sollte, hatte sich allerdings noch niemand den Kopf zerbrochen. „Wir waren total überfordert“, sagt der Vereinsvorsitzende.