Das Leben mit einer psychische Krankheit Giftpfeile und Voodoozauber

Helene Beitler malt vor allem Tiere, weil sie ihr während der Psychose vermittelt haben: Du bist nicht allein. Foto: Heinz Heiss
Helene Beitler malt vor allem Tiere, weil sie ihr während der Psychose vermittelt haben: Du bist nicht allein. Foto: Heinz Heiss

Ehefrau, Mutter, Künstlerin: mitten im Leben ist bei Helene Beitler aus Renningen eine Psychose ausgebrochen – und niemand hat es bemerkt.

Kultur: Adrienne Braun (adr)
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Renningen - Es hätte endlich wieder aufwärtsgehen können. Die Kinder in der Betreuung, der Mann im Büro. Und Helene Beitler kann nach all den Jahren zum ersten Mal das tun, was sie zeitlebens immer wollte: malen. Sie ist euphorisiert. Tag für Tag fährt die junge Mutter nach Stuttgart zu einer privaten Kunstschule. Sie ist mit Leidenschaft und Furor dabei und auch ein bisschen in den Lehrer verliebt. Sie klatscht die Bilder mit expressiver Wucht auf die Leinwand. Es gibt kein Halten mehr, Farben und Formen brechen aus ihr nur so heraus. Es ist eine wilde, eine verrückte Zeit.

Zu verrückt. Eines Tages sitzt Helene Beitler im Unterrichtsraum – und die anderen Studenten schießen mit schwarzen Pfeilen auf sie. Die Schmerzen sind unerträglich. Sie ist sicher, dass die Mitstudenten sie mit einem Voodoozauber belegen wollen und sie an dem Gift wird sterben müssen. Doch die Attacke ist erst der Vorgeschmack. Bei Helene Beitler ist eine schwere Psychose ausgebrochen – und niemand bemerkt es. Sie kann nicht mehr schlafen, sie kann nicht mehr essen. Sie ist verwirrt, irrt durch die Gegend. Gleichzeitig malt sie wie im Rausch immer drastischere Bilder, verliert sich in ihren Wahnvorstellungen.

Die Ehe droht in die Brüche zu gehen. Die Schwiegereltern holen die Kinder, Helene Beitler hat das Gefühl, dass sie „vom Herzen her ausblutet“. Sie ist überzeugt, dass sie die Schnur zwischen den Kindern ganz durchtrennen muss, damit die Kinder nicht auch ausbluten. Blutleer, wie ein Geist, wandelt sie durch die Welt. Nach einem halben Jahr wiegt Helene Beitler noch 49 Kilo, ist körperlich wie seelisch ein Wrack. Ihr Mann und die Schwiegereltern aber sind weiterhin überzeugt, dass sie einfach nur eine exzentrische und egoistische Künstlerin ist, unbeständig und mit einem schlechten Charakter ausgestattet.

Die Grenzen zwischen dem Ich und der Umwelt verschieben sich

Ein Prozent der Weltbevölkerung leidet an einer Psychose, an Wahnvorstellungen, die sich auf unterschiedlichste Weise bemerkbar machen können. Die Grenzen zwischen dem eigenen Ich und der Umwelt verschieben sich. „Es ist, wie wenn die Traumwelt sich ins Wachbewusstsein einschleichen würde ohne den Schutz des Schlafes“, erzählt Helene Beitler, „so, als würde die Grenze zwischen Wachen und Träumen nicht mehr existieren.“ Die 52-Jährige spricht heute offen über ihre Krankheit. Sie hat wieder Boden unter den Füßen bekommen, lebt mit ihrem Mann in Renningen in einer liebevoll eingerichteten Neubauwohnung mit einem kleinen, ordentlichen Atelier. Nicht nur ihre Umwelt, auch sie wirkt aufgeräumt – und kaum jemand würde vermuten, was diese eloquente, ruhige Frau durchgemacht hat: Psychiatrie, erneute Ausbrüche der Psychose und danach die erschreckende Erkenntnis, dass sie nicht mehr die Künstlerin ist, die sie einmal war. Durch die Medikamente ist ihre Kreativität „wie weggeblasen“. Sie muss bei null beginnen, das Malen neu lernen.

Helene Beitler verheimlicht nichts, im Gegenteil. Sie engagiert sich für Menschen mit Psychiatrieerfahrung, hat mit ihrem Mann ein Buch geschrieben und einen Preis initiiert für psychisch kranke Künstler. Sie will, dass die anderen verstehen können, was eine Psychose aus einem Menschen macht, weil sie sich noch allzu gut an das Schweigen und die Blicke erinnern kann – dabei hätte sie schlicht Hilfe gebraucht. „Es wäre wichtig gewesen, mich an der Hand zu nehmen“, sagt sie. Sie selbst konnte sich keine Hilfe suchen, weil es ihr abwegig erschien, dass ihr ein Arzt helfen könnte.

Stattdessen: Vorwürfe. Als ihr Mann sie wieder einmal verwirrt aufgreift, benachrichtigt er ihre Eltern, die der Tochter ins Gewissen reden. Die Situation eskaliert, es fallen laute, verletzende Worte – und Beitlers Ehemann tut in der Not das, was für seine Frau letztlich die Rettung bedeutet: Er ruft die Polizei.

Helene Beitler kann sich auch nach all den Jahren noch deutlich an ihre Empfindungen während der Psychose erinnern, an diesen eigenartigen Zustand zwischen Wahn und Bewusstsein. „Man erlebt das ganz genau“, erzählt sie. Als die Kommilitonen scheinbar Pfeile auf sie abschießen, ist sie sicher, dass sie ihre eigene, innere Welt sehen kann. „Ich wusste, das ist eine Metapher, aber ich wusste nicht, ob ich trotzdem an dem Gift sterben werde.“




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