Das Leid in den Kinderheimen „Wir übernehmen Verantwortung für staatlich begangenes Unrecht“

Nora Wohlfarth und ihre Kolleginnen werden Ende Oktober ihre Arbeit gezwungenermaßen beenden, die Ausstellung über Kinderverschickungen ist noch bis 6. Dezember im Hauptstaatsarchiv zu sehen. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Die Archivarin Nora Wohlfarth unterstützt Betroffene,die als Kinder in Heimen untergebracht waren und dort demütigende Erfahrungen gemacht haben. Diese Hilfe wird es aber nicht mehr geben, weil das Projekt endet.

Familie/Bildung/Soziales: Hilke Lorenz (ilo)

Viele Kinder und Jugendliche, die in Heimen oder Einrichtungen der Behindertenhilfe untergebracht oder in Kindererholungsheime verschickt worden waren, haben Schlimmes erlebt. In drei Projekten hat das Landesarchiv Baden-Württemberg in den letzten zwölf Jahren Betroffenen geholfen, Licht ins Dunkel ihrer Biografie zu bringen. Ein Gespräch mit der Archivarin Nora Wohlfarth über die Suche nach Gründen für die Grausamkeiten und ihren Frust darüber, dass sich darum bald niemand mehr kümmern wird.

 

Frau Wohlfarth, gibt es noch etwas, das Sie schockt im Umgang mit Kindern?

Ich habe in den zehn Jahren gelernt, eine professionelle Distanz zu entwickeln, um weiterarbeiten zu können. Aber wenn ich mit Betroffenen spreche, bin ich auch immer berührt. Vielleicht nicht mehr so sehr von den Akten. Es gibt manchmal sehr krasse Geschichten, wo die Distanz am größten ist, weil man sofort merkt, das ist eine dieser ganz schlimmen Geschichten, wo Leute besonders lange und besonders massiv gelitten haben. Da ist es dann vielleicht auch manchmal leichter zu sagen „So, jetzt Obacht!“ Aber manchmal sind es die kleinen Dinge. Mir hat eine Frau ganz am Anfang erzählt, dass sie, wenn sie ihre Tage hatten, keinerlei Hygieneprodukte bekamen und dann bestraft wurden. Das ist, würde ich sagen, nicht die schlimmste Geschichte, die mir irgendjemand erzählt hat. Aber sie geht mir nach.

Das ist demütigend.

Beschämend, demütigend und ganz ohne Not. Manchmal sind es dann vielleicht fast eher solche Sachen, die bleiben.

Weil sich die große Gemeinheit aus vielen kleinen Gemeinheiten zusammensetzt?

Ja. Mich interessieren die Strukturen dahinter. Diese kleinen Geschichten haben oft so eine hohe Aussagekraft für diese Strukturen.

Die klassische Archivarbeit stellt man sich nicht so vor, dass Sie Menschen durch ihre Biografie begleiten.

Ich glaube, ich bin im Archiv eine Art Sozialarbeiterin geworden. In den letzten Jahren hat sich das Landesarchiv intensiv mit den Schicksalen einzelner Personen befasst. Das ist tatsächlich besonders, dass wir uns dem so widmen konnten. Wenige Archive können das so intensiv. Aber auch wir müssen Ende Oktober damit aufhören, weil das letzte Projekt zur Kinderverschickung dann ausläuft.

Sie waren Trendsetter, haben das gemacht, nämliche Menschen beim Aktenstudium unterstützt und begleitet, was für eine gute Aufarbeitung gefordert wird – etwa von der Unabhängigen Kommission für die Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs.

Ja, wir wurden immer wieder als Leuchtturmprojekt bezeichnet. Es müsste bundesweit mehrere Stellen in den Archiven geben, die sich mit dem Thema historisches Unrecht befassen. Wir würden im Landesarchiv gerne weiter für Menschen recherchieren, die von staatlichem Unrecht in einem weiten Sinne betroffen sind. Doch dafür fehlen Stellen. Archive sagen seit Jahren, dass unsere Arbeit für die Demokratie essenziell ist. Unsere Arbeit ist eine Form der Verantwortungsübernahme für staatliches Unrecht, wenn wir jetzt als staatliche Einrichtung historische Aufarbeitung auf individueller Ebene ermöglichen.

Waschen in Reih und Glied – so sah die Wirklichkeit in den Kinderheimen aus. Foto: Landesarchiv/Ausstellung Heimerziehung

Wie sah das in der Begegnung mit Betroffenen aus?

Es gab Leute, die gesagt haben, wenn ich meine Akten per Post bekomme, breche ich zusammen, wenn ich das Paket bekomme. Wir haben Jugendamtsakten und Heimakten verschickt. Das stand drin „Das Kind ist primitiv. Das Kind ist dumm und schreit.“ Das ist verstörend zu lesen. Das kann man kaum guten Gewissens verschicken. Man muss es übersetzen. Die Haltung zu sagen, das könne man Menschen nicht zeigen, ist gut gemeint. Aber genau das Gegenteil ist richtig. Das muss man den Menschen zeigen, die bis zu ihrem zum 20. Lebensjahr immer bevormundet wurden.

Gibt es einen roten Faden, der die drei Themen verbindet?

Der rote Faden ist der Umgang mit Kindern, die außerhalb der Familie und im weitesten Sinne in staatlicher Obhut waren. Dafür gibt es eine staatliche Verantwortung, sei es, weil es Heime in städtischer oder in Trägerschaft des Landes waren oder weil eben die städtischen Jugendämter verschickt haben. Das ist der organisatorische rote Faden. Der andere rote Faden sind Kinder, die zu Schaden gekommen sind. Durch Haltungen, die darauf basieren, dass Kinder keine Rechte haben, dass Kinder funktionieren sollen, dass Kinder wie Material behandelt wurden, das geformt wurde. Der Begriff totale Institution erfasst viel davon.

Gerade beim Thema Verschickung gibt es wenige Akten, in denen Menschen ihren Namen finden. Wie frustrierend ist das?

Das ist sehr frustrierend. Um ehrlich zu sein, habe ich an schlechten Tagen manchmal gedachte: Oh, nicht noch eine Anfrage, von der man weiß, dass man die Menschen wieder enttäuschen muss. Was nicht heißt, dass wir nicht wirklich alles Sinnvolle gemacht haben. Aber wir wissen alle, dass es Zufallsfunde gibt. Also ich erzähle mal gerne von der Ruhr, die an einem Ort ausgebrochen ist. In dieser Akte stehen Namen von Kindern, die dorthin verschickt waren. Ich habe diese Namen zufällig gefunden. Deshalb ist es wichtig, Archivstellen wie unsere zu verstetigen und abzusichern. Nur so können wir weiter Wissen zusammentragen. Gott sei Dank sind die Betroffenen drangeblieben, denn sonst würde gar nichts passieren.

Mein Eindruck ist, dass Sie alle Ihren Arbeitsauftrag sehr ausgereizt haben.

Wir haben sehr berührende Post bekommen wie Kärtchen mit Bildern von der ganzen Familie: „Das bin ich heute.“ Mit manchen hatten wir über viele Jahre Kontakt. Wir haben in den eigenen Beständen, in anderen Archivbeständen, in Registraturen gesucht und in manchmal haben wir einfach gegoogelt oder im Telefonbuch nachgeschaut und dann Menschen angeschrieben, die in dem Ort wohnten, wo mal ein Heim war, und die den gleichen Nachnamen hatten wie der ehemalige Heimleiter. Deshalb braucht es eine Stelle, die nur für diese Personen Recherchen macht. Der Bedarf besteht noch.

Gab’s auch mal Glückserlebnisse bei der Recherche?

Es gibt Heimkindern, die von ihren Geschwistern getrennt wurden und nie mehr voneinander gehört haben. Mit unserer Hilfe haben sie die Geschwister wiedergefunden, die heute in den USA leben. Es ist schon unglaublich, wenn jemand mit einer E-Mail plötzlich Neffen und Nichten geschenkt bekommt. Oder wenn jemand sagt: „Nachdem ich die Akte meines Vaters gelesen habe, habe ich zwar immer noch eine beschissene Kindheit gehabt. Aber jetzt verstehe ich, warum er so war, wie er war.“ Weil der Vater eben 20 Jahre im Heim war, was keine monokausale Erklärung ist. Aber es erklärt vieles. Das sind Momente, wo wir – bei allem Schmerz – trotzdem unterm Strich positiv auf Lebenswege einwirken konnten, die durch staatliches Handeln zum Teil einfach wie abgeknickt waren. Das jetzt abzuschließen, macht mich richtig traurig.

Was bleibt nach den Projekten?

Meine Kollegin Corinna Keunecke und ich haben schon in der Vergangenheit Seminare mit Zeitzeugen für angehende Erzieherinnen und Erzieher gemacht. Die Begegnungen waren beeindruckend. Das werden wir weiter machen.

Und als Fragestellung für weitere Forschung?

Da gibt es noch viele Fragen. Wer wurde verschickt und wer nicht? Wovon hing das ab? Besonders aber treibt mich um, dass es offenbar möglich ist, ein weitgehend reibungslos funktionierendes System zu etablieren, in dem in großer Zahl Kinder zu Schaden kommen, ohne dass es den einen Sadisten gab, der dafür den großen Plan der Erniedrigung entworfen hat. Dass das die Normalität war, schockiert mich.

Haben Sie eine Vermutung, warum?

Vielleicht kommt man zur völlig unbefriedigenden und wenig überraschenden Erklärung, dass im sozialen Bereich Personalnot herrschte. Die Jugendämter hatten keine Kapazitäten für Kontrollen. Und dann kann man natürlich fragen, ob das Engagement Einzelner da was rausgerissen hätte. Mehr würde mich aber die Frage interessieren, wie es sein kann, dass so etwas strukturell so schiefläuft. Die Fürsorge für Kinder und Jugendliche kann doch nicht davon abhängig gewesen sein, ob jemand jeden Tag eine Stunde länger gearbeitet hat.

Informationen und Hilfen für Betroffene

Person
 Nora Wohlfarth (39) ist Historikerin, hat viele Jugendfreizeiten betreut und beim Heidelberger Verein Individualhilfe als Assistenz für Rollstuhlfahrer gearbeitet. Seit 2014 ist sie als Archivarin am Landesarchiv Baden-Württemberg beschäftigt.

Projekte
 2012 bis 2018 lief im Landesarchiv Baden-Württemberg unter Leitung von Christian Keitel das Projekt Heimerziehung. 2019 bis 2022 folgte das Projekt Zwangsunterbringung, das an Menschen gerichtet war, die in Einrichtungen der Behindertenhilfe oder Psychiatrien untergebracht waren. Von Mai 2022 noch bis Ende Oktober 2024 läuft das Projekt Verschickungskinder. Noch immer gibt es  Anfragen, die das Archiv nicht mehr bearbeiten kann. Die Stellen der Projektmitarbeiterinnen Laufen mit Projektende aus. Auf der Homepage www.landesarchiv-bw.de findet sich ein Rechercheratgeber für Betroffene.

Ausstellung
 Aktuell ist zum Thema Kinderverschickung 1949 bis 1980 im Hauptstaatsarchiv (Konrad-Adenauer-Str. 4, 70173 Stuttgart) wochentags bis 6. Dezember zu dm Öffnungszeiten des Archivs die Ausstellung Freude und Erholung? zu sehen. Dazu ist ein ausführlicher Katalog erschienen.

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