Donaueschingen - Bill Gates, so heißt es, einer der reichsten Männer der Welt, hat Paul Schockemöhle die Kleinigkeit von acht Millionen Euro geboten für seine Klassestute Catch me if you can. Ob der Deal zustande kommt, ist offen – Gates muss sich zumindest gedulden, denn die zehnjährige Oldenburgerin soll unter Laura Klaphake (23) bei der WM im September in den USA für Deutschland alle Ehre einlegen. Ob Gates’ Tochter Jennifer, auf dem Sprung in den großen Sport, die Stute überhaupt unter den Sattel bekommt, entscheidet sich erst Ende des Jahres.
Ganz anders Simone Blum aus München, ebenfalls für die WM der Springreiter nominiert. Ihre Stute Alice, ebenfalls ein Kracher von Weltformat, stammt aus der deutschen Zucht, ihre 29-jährige Reiterin sagt: „Ich bin in der glücklichen Lage, von meiner Familie toll unterstützt zu werden. Alice ist absolut unverkäuflich.“ Wohlgemerkt, die Kaufofferten aus der Welt der reichen Reiter, ihrer Sponsoren und Mäzene sollen astronomisch sein. Vater Jürgen Blum, 2000 in Sydney Olympiareiter in der Vielseitigkeit, weiß, dass einem der heilige Sankt Georg, der Schutzpatron der Reiter, nur einmal im Leben ein solches Pferd in den Stall stellt.
Aber wo, bitte, findet man die Traumpferde?
Der nächste, brandaktuelle Fall vom vergangenen Donnerstag liegt so ähnlich – und doch ganz anders. Michael Jung, der Superstar der Buschreiter, ist „not amused“, besser gesagt: stinksauer. Der Grund: Die elfjährige Holsteiner Stute Cloe, ein von Anna Siemer ausgebildetes Spitzenpferd für die Vielseitigkeit, ist völlig überraschend an den Australier Christopher Burton veräußert worden. Joachim Jung, Vater und Trainer, sagt: „Wir hatten dem Besitzer über Bundestrainer Hans Melzer signalisiert, dass wir an Cloe interessiert sind, sofern ein Verkauf überhaupt einmal infrage kommen sollte. Wir wollten, wohlgemerkt, Anna Siemer das Pferd nicht unter dem Hintern wegkaufen. Jetzt allerdings hat Deutschland eines seiner besten Pferde ins Ausland verloren. Schade, dass der Besitzer so entschieden hat.“
Aber wo, bitte, findet man die Traumpferde? Woher nehmen und nicht stehlen?
Nein, gut bezahlte Talentscouts wie im Profifußball gibt es im Turniersport nicht, die Strukturen sind zu unterschiedlich. Internationale Turniere wie das am Wochenende im Schlosspark zu Donaueschingen sind brodelnde Märkte rund um die Pferde. Das Internet tut ein Übriges, denn auf Clipmyhorse.com oder etwa Reitturniere.de lassen sich sogar kleinere Turniere in ganz Europa prima beobachten.
Ludger Beerbaum beispielsweise unterhält im westfälischen Riesenbeck eine florierende Hengststation mit zwei Dutzend Vatertieren, fast täglich werden in seinem Reiterzentrum junge Pferde präsentiert. Paul Schockemöhle wiederum, sein früherer Arbeitgeber, hat vor gut dreißig Jahren die sogenannte Springpferdeprüfung erfunden: Die fünf- bis siebenjährigen Jungtalente bestreiten Wettkämpfe unter Trainingsbedingungen, als Serie münden sie alle Jahre im September in das Bundeschampionat in Warendorf. Dort auf den Tribünen drängeln sich die Topreiter und die abgezockten Händler aus aller Welt. Bundestrainer Otto Becker stöhnt: „Leider gehen viel zu viele gute Pferde aus unserer deutschen Zucht ins Ausland. Wir machen andere Nationen beritten und haben selbst Mühe, starke Equipen aufzustellen.“ Was Becker verschweigt: Die Pferdezucht der Niederlande hat der traditionsreichen deutschen den Rang abgelaufen.
Thomas Müller hat erst kürzlich einen jungen Hengst abgegeben
Bestes Beispiel: Diesen Samstag und Sonntag gibt’s im Schlosspark an der Donauquelle einen spannenden Zweikampf zu bestaunen. Isabell Werth und ihre Westfalenstute Weihegold sehen sich der Konkurrenz von Teamkamerad Sönke Rothenberger und seinem elfjährigen Niederländer Cosmo ausgesetzt. Um Haaresbreite hätte Rothenberger vor einem Jahr Isabell Werth geschlagen – um einer Niederlage bei der WM zu entgehen, setzt die „Dressurkönigin“ jetzt auf ihre wieder genesene Fuchsstute Bella Rose.
Auch ihre Schülerin Lisa Müller, die Frau von Bayern-Kicker Thomas Müller, reitet junge Pferde. Apropos Verkauf: Müller hat erst kürzlich einen jungen Hengst abgegeben – für läppische 13 000 Euro.
Warum? Platz schaffen im Stall für größere Talente!