Ausgesetzt vor einem Kloster Wie das Model Susann Rek ins Leben fand

„Man leuchtet anders mit einem Glauben in sich“: Schwester Eleonore und Susann Rek im Haus der Gmünder Franziskanerinnen. Foto: Gottfried Stoppel

Susann Rek landete als Zweijährige einen Tag vor Heilig abend in einem Kinderheim der Franziskanerinnen.Das verängstigte und verwahrloste Kind von einst ist heute Mutter, Model und Unternehmerin im Beauty-Business.

Reportage: Robin Szuttor (szu)

Schwäbisch Gmünd - Ein Bild für die Götter. Auf der Holzbank im Franziskanerinnen-Kloster von Gmünd sitzen zwei Frauen, die gegensätzlicher kaum sein könnten. Die eine: Schwester Eleonore, 81, seit 62 Jahren in der Glaubensgemeinschaft der ewigen Anbetung. Sie trägt einen Schleier, eine Strickjacke unter dem schwarzen Ordenshabit und eine Kette mit dem Taukreuz, seit dem Heiligen Franziskus das Zeichen für die Seligpreisung der Armen.

 

Die andere: Susann Rek, 37, seit 21 Jahren in der Beauty-Branche als Model, dann als Unternehmerin. Gestylte Wimpern säumen ihre braunen Augen. Das Designerkleid von Kinga Mathe, der Duft von Hermès, High Heels von Christian Louboutin. Dazu Overknee-Nylons, eine Handtasche von Louis Vuitton, eine roségoldene Rolex und draußen ein weißes Mercedes-Cabriolet mit 333 PS. Das Model ist 1,80 Meter groß, die Ordensfrau einen Kopf kleiner. Sie mögen einander, legen beim Gespräch immer wieder die Hände um die der anderen.

Vor 35 Jahren kommt Susi, wie Schwester Eleonore sie nennt, in die Obhut der Nonnen. Ihre frühe Kindheit begleitet kein guter Stern, im Heim der Franziskanerinnen wendet sich ihr Leben zum Guten. Vielleicht umgibt sie sich gern mit kostbaren Dingen, um damit die „brutale Existenzangst“, die sie oft erwähnt, einzudämmen. Louboutin-Schuhe aus Paris sind auch eine Rückversicherung, nicht ganz unten in der Gesellschaft zu stehen.

Extreme Vernachlässigung

Susann Rek kommt 1981 in einer Kleinstadt in Bayrisch-Schwaben zur Welt. Sie hat zwei Schwestern: die ein Jahr ältere Jasmin und die vier Jahre ältere Denise. Bei den Eltern erleben sie Gewalt und extreme Vernachlässigung.

Sie ist zweieinhalb, als sie eines Abends mit ihren Geschwistern vor dem Haus der Franziskanerinnen steht. Ihre Mutter hat sie zu der Klosterpforte gebracht und ist dann weggefahren. So lautet die Version, die ihr von einer Nonne erzählt wird. Daran hat sich Susann Rek immer gehalten, es ist ihre Wahrheit. Sie will auch nicht tiefer graben, als es ihr gut tut. Nach einer anderen Überlieferung hat die Mutter die Mädchen bei der Tante in Schwäbisch Gmünd abgesetzt und ist dann verschwunden. Nachbarn alarmieren die Polizei, weil die Kleinen fortwährend gottserbärmlich heulen. Die Beamten bringen die Drei schließlich als Notfälle ins Franziskanerinnen-Heim. Es ist der 23. Dezember 1983. Ein Tag vor Heilig Abend.

Die Kinder haben bis zu diesem Zeitpunkt so viel Leid, Gefährdung und Verstörung erfahren, dass die Mutter sie nie mehr zurückbekommt. Sie sind über Tage allein gelassen, im Bett und auf Stühlen festgebunden worden. Denise, die Älteste, kann sich befreien und irgendwo irgendwie etwas zu essen besorgen. „Vor lauter Hunger haben wir sogar Tabletten gegessen“, sagt Susann Rek.

Ein Bild aus der Kleinkindzeit haftet noch in ihrem Gedächtnis: Sie versteckt sich mit ihren Schwestern in der Abstellkammer. Dann sieht sie eine Männerhand an der Tür. Es ist keine gute Erinnerung. Vom Vater weiß sie nur den Namen und die Nationalität. „Er hat sich null für uns interessiert. Und meine Biomutter muss Borderline haben, anders kann es ja nicht sein.“

Vom Aschenputtel zur Prinzessin

Susann, die Jüngste, übersteht die Tragödie am besten. Sie hat sich vom Aschenputtel zur Prinzessin mit kirschroten Lippen und Blondmähne gemausert. Eigentlich ist sie brünett, „aber ich muss mir die Haare färben, es geht nicht anders“, sagt sie. Sie hat ihren Prinzen gefunden: Robert, ein erfolgreicher Wirtschaftsprüfer in Stuttgart. Sie hat zwei Kinder mit ihm, Romy (7) und Ron (4). Ein großes Haus mit einem großen Garten und einem großen Trampolin. Einen tollen Job. Nur manchmal, meistens zur Weihnachtszeit, driftet sie in eine eigenartige Phase. Dann bricht etwas in ihr auf, und sie blickt in abgrundtiefe Leere.

„Dass sie einen Tag vor Weihnachten abgegeben wurden, war damals eine Notsituation“, erinnert sich Schwester Eleonore. Die Mädchen kommen in die Gruppe von Schwester Thaddäa, eigentlich eine reine Bubengruppe. Thaddäa wird wie eine Mama für sie. In den ersten Wochen weichen Susann und Jasmin nicht von ihrem Schoß. Es gibt die Überlieferung, dass Susann einmal vor einer Pieta stehenbleibt und sich lange den geschunden Leib Christi in den Armen Marias ansieht. Sie hat Mitleid mit Jesus und fragt: „Wer gemacht?“

Susann Rek erinnert sich, dass sie die Frauen lustig fand, weil sie wie Pinguine aussahen. Sie erinnert sich an das Gefühl der Geborgenheit, weil sie nachts – eine absolute Ausnahme seinerzeit – bei Schwester Thaddäa unter die Decke schlüpfen darf. Sie pieselt ihr ins Bett. Sie erinnert sich an Bananenbrote. Wie sie mit Ohrenweh durch einen langen Gang geht. An die Angst vor dem Nikolaus.

Nach einem Jahr findet sich eine Pflegefamilie

Susann lernt erst im Kinderheim sprechen. Die größeren Schwestern beißen, treten panisch um sich. Sie sind hochtraumatisiert und in diesem Zustand unmöglich an Pflegeeltern zu vermitteln. Susann würde schnell weggehen. „Aber Thaddäa bestand darauf, sie entweder zusammen oder gar nicht herzugeben“, sagt Schwester Eleonore. Nach einem Jahr findet sich eine Familie für alle Drei.

„Unsere Mutter ist der liebste Mensch der Welt“, sagt Susann Rek. Mutter, das ist für sie Margarethe Krämer. Mit ihrem Mann Georg hat sie damals bereits drei leibliche Kinder – zwei fast erwachsene und die fünfjährige Ulrike. Zum zweiten Mal beginnt ein neues Leben für Susann – im Gmünder Stadtteil Straßdorf.

Die Kleinste ist die Frömmste in der Großfamilie, fängt vor jedem Essen an zu beten. Aber weil keiner mitmacht, lässt sie es dann auch sein. Wenn Pflegemutter Margarethe Krämer mal ein strenges Wort verliert, bricht für Susann eine Welt zusammen. „Sie war sehr zurückhaltend, fast ängstlich“, erzählt die heute 75-Jährige. „Sie hat sich auch nie geäußert, wenn ihr was weh tat oder sie was essen wollte. Man musste immer alles erraten.“

In der Schule tut sich Susann schwer. Sie schämt sich, ein Waisenkind zu sein. Erst in der sechsten Klasse werden die Noten etwas besser. Sie macht den Hauptschulabschluss, dann noch Mittlere Reife. „Wenn man Susi heute sieht, ist das ein unglaublicher Sprung, den sie gemacht hat“, sagt Margarethe Krämer.

„Gott sei Dank sind wir im Kloster gelandet“

„Gott sei Dank sind wir im Kloster gelandet. Dafür müsste ich eigentlich jeden Tag drei Ave Maria beten“, sagt Susann Rek. „Das Heim und die Familie sind das Beste, was uns passieren konnte.“ Nur Ulrike findet es anfangs gar nicht so super, dass sich da plötzlich drei Fremde im Haus breitmachen. „Reiche ich euch nicht?“, fragt sie ihre Eltern. „Aber heute sind wir ganz eng. Wie echte Schwestern“, sagt Susann Rek.

Einmal kommt, das hat man ihr später einmal erzählt, die leibliche Mutter zu Besuch. „Aber sie hat sich anscheinend gar nicht für uns Kinder interessiert. Sie wollte lieber mit meiner Pflegemutter ausgehen“, sagt Susann Rek. Danach taucht sie nicht mehr auf.

Noch als Teenager liegt Susanns Selbstwert bei null, wie sie sagt. Als ein Fotograf fragt, ob er Aufnahmen von ihr machen darf, ist das wie eine Erweckung. Jemand hält sie für schön. Sie hat sich noch nie schön gefunden.

Sie macht bei einem Modelcontest mit und gewinnt, eine Agentur nimmt sie unter die Fittiche. Es folgen Modeljobs für Siemens, Fashy-Wärmflaschen, Körperöl („aber nie Akt!“), sie wird Hausmodel beim Unterwäschehersteller Triumph, geht über Catwalks, präsentiert maritime Mode in Hochglanzmagazinen. Auch als Hostess in der VIP-Lounge des Daimlerstadions hat sie ihre Wirkung. Es tut gut, beachtet zu werden. Schönheit ist der Schlüssel.

Die Zahnarzthelferin wechselt ins Zahnbleaching-Geschäft, wo sie mit strahlend weißem Lächeln und dazu passenden Produkten aufwartet. Dann sattelt sie um auf glatte Haut, gründet eine Firma, die Hyaluron-Mittel gegen Falten im Gesicht und Dekolleté vertreibt. Das Jungbrunnen-Business boomt wie nie. Gerade ist sie zurück von einem Beauty-Kongress in Monte Carlo. Nur Schöne und Reiche. Es war wieder toll. Ein Handyfoto zeigt sie dort neben Werner Mang, dem Schönheitschirurgen: Sie im azurblauen Sommerkleid, er im lässig-mediterranen Chic.

Mit 30 fängt sie an, sich zu mögen

„Ich weiß, dass manche denken, ich lasse mich aushalten von meinem Mann. Aber ich habe mir allen Erfolg selber erarbeitet“, sagt Susann Rek. „Ich gebe alles für meinen Beruf und zerreiße mich für andere, damit mir kein Fehler passiert.“ Die Geburt ihrer Tochter vor sieben Jahren verändert etwas in ihr, wie sie sagt. Zum ersten Mal hat sie das Gefühl, wertvoll zu sein. Zum ersten Mal haben sie und ihr Körper etwas wirklich Gutes hingekriegt. Im Alter von 30 fängt sie an, sich zu mögen.

Vier Monate später beginnt sie wieder tageweise zu arbeiteten, nach der Geburt von Ron startet sie gleich durch. Schwester Denise wird Nanny. Heute besuchen die Kinder eine Privatschule mit Kindergarten. „Ich bringe sie jeden Abend ins Bett“, sagt Susann Rek. Und wenn sie auf einen Kongress muss, ist Denise da, „sie kocht eh besser als ich“.

Selbstzweifel sind hartnäckig. „Was hatte ich schon schlaflose Nächte, in denen ich überlegte, ob ich was richtig oder falsch gemacht habe. Diese Ur-Angst, dass man mich nicht mag und deshalb von mir geht, ist immer noch da.“ Susann Rek hat sich zu einer professionellen Selbstvermarkterin ausgebildet. Doch was ist hinter ihrem kräftigen Make-up und all der Kosmetik? „Durch Gottes Gnade bist du, was du bist“, hätte Schwester Thaddäa vielleicht gesagt. Sie starb vor sieben Jahren.

Während der ersten Schwangerschaft denkt Susann Rek oft darüber nach, ihre leibliche Mutter zu suchen. Doch dann meldet sie sich von selbst. Sie schreibt Denise über Facebook. Susann schreibt zurück, aber es kommt keine Antwort mehr. „Dann habe ich auch aufgegeben.“ Die Mutter ist nach Amerika ausgewandert, hat noch mal ein Kind bekommen, besitzt ein Pferd. „Der scheint es dort richtig gut zu gehen. Sie hat einfach noch mal ein ganz neues Leben angefangen.“

Sie verzeiht ihrer Mutter

Susann verzeiht ihr. „Sonst finde ich ja nie meinen Frieden“, sagt sie. Ihre Schwestern können keinen Frieden mit der Mutter machen. „Ich kann akzeptieren, was passiert ist. Aber verzeihen? Niemals!“, sagt Denise.

In all den Jahrzehnten haben die Schwäbisch Gmünder Nonnen Tausende Kinder großgezogen, die von Haus aus nichts mitbrachten. „Wir sind jedem einzelnen Kind nachgegangen. Mit strengen Regeln, aber nicht auf eine wüste Art“, sagt Schwester Eleonore. Neulich schickte ein früherer Zögling einen Brief. Er legte Fotografien bei von seiner Hochzeit, seiner Bundeswehrzeit und seiner eigenen Firma. Er hat es zu was gebracht.

Um die Jahrtausendwende wird das Kinderheim umgewandelt in eine GmbH, die Ordensschwestern ziehen sich zurück in einen Neubau am Stadtrand. Früher gehörten mehr als 100 Nonnen zur Klostergemeinschaft, heute sind noch 22 übrig, die jüngste ist auch schon im Rentenalter. Selbst wenn es Bewerberinnen gäbe, sie würden keine Neue mehr aufnehmen. „Sie müsste uns Alten alle beerdigen und wäre irgendwann allein. Das tun wir ihr nicht an“, sagt Schwester Eleonore.

Susann Rek hat ihre Kinder katholisch taufen lassen, das war ihr wichtig. „Man leuchtet anders mit einem Glauben in sich“, sagt sie. Vergangene Weihnachten spendete sie dem Orden 1200 Euro, die bei ihrem „Beauty-Fashion-Day“ in Baden-Baden zusammenkamen. Noch mal so viel gab sie dem Franziskanerpater Paulo, der sich für die Müllkippenkinder von Rio de Janeiro einsetzt. Es sei an der Zeit zurückzugeben, meint Susann Rek.

„So viel konnten wir ja nicht bewegen in nur einem Jahr“, sagt Schwester Eleonore. „Aber vielleicht haben wir damals einen Impuls für ein gutes Leben gegeben.“

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